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Hier stoßen sich die Gegensätze ab: Architekt Christoph Mäckler besingt in der Roßdorfer Straße die alte Häuserzeile. Die langen Balkone auf der anderen Seite gehören zu einem scheußlichen Mietshaus aus den 70er Jahren.

Architekt Christoph Mäckler

Rundgang durch Frankfurt: Hier lässt's sich leben

Wie baut man gute Quartiere? Der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler hat zu einer dreitägigen Tagung eingeladen, und Stadtplaner aus ganz Deutschland sind gekommen. Am Donnerstag machten sie eine Exkursion durch Bornheim und durchs Nordend. Lernen am lebendigen Beispiel.

Es dauert nicht lange, da stellt sich bei dieser ungewöhnlichen Exkursion die lebenswichtige Frage des Blickwinkels. Wohnt man lieber in einem schönen Haus und blickt aufs hässliche gegenüber? Oder doch besser umgekehrt? In der Roßdorfer Straße in Bornheim wendet sich gerade Frankfurts renommierter Architekt Christoph Mäckler mal nach links, mal nach rechts und dirigiert mit seinem Zeigefinger gut 30 Köpfe.

Schön und hässlich: Mäckler, auch Leiter seines Deutschen Instituts für Stadtbaukunst, präsentiert die Gegensätze aufs Eindrücklichste. Links die Häuser aus dem 19. Jahrhundert, jedes ein Unikat, allesamt eine geschlossene Einheit, darin Einfahrten zu Höfen mit Garagen, Kleingewerbe, Wiesen, Bäumen, Spielplätzen. „Ja, hier ist den ganzen Tag über Leben“, schwärmt Mäckler, während sich auf dem schmalen Bürgersteig ein Bornheimer Leben leise meckernd an der Zuhörerschaft vorbeizwängt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist Schluss mit schön. Ein gelbes Mietshaus, wohl 70er Jahre, fungiert wie zur Demonstration bestellt als Fremdkörper. „Rein funktional“, klagt Mäckler. Das Echo der Gruppe ist eindeutig: „Fürchterlich!“ „Widerlich!“ Welchen Blickwinkel man nun hier in der Roßdorfer Straße lieber einnehmen möchte, das ist nicht so eindeutig. Die Sache ist verflixt. Zeit, sie zu vertiefen, ist an diesem Tag nicht.

Mäckler will vergegenwärtigen in Bornheim und im Nordend, will am bewährten Alten verdeutlichen, woran es dem Stadtbau der Gegenwart mangelt, was für die bessere Zukunft zu tun sei. Und weil es diesbezüglich viel zu präsentieren gibt, ist Eile geboten. Am Uhrtürmchen ist die Gruppe losgezogen, der Friedberger Platz ist ihr Ziel.

Praktisch ist es ja so: Die beiden Stadtteile sind beliebt, weil sie funktionieren. Schön sind sie, lebensfähig sind sie, und damit sind die wesentlichen Kriterien genannt, die Mäckler unermüdlich antreiben im Kampf gegen den allgegenwärtigen Ungeist unserer Zeit.

Die für diesen Ungeist zumeist hauptverantwortlich gemacht werden, sind vor allem die Stadtplaner in den Ämtern. Die wissen die Qualitäten von Stadtteilen wie Bornheim natürlich selbst zu schätzen und kenntnisreich zu benennen. An diesem Nachmittag lassen sie es sich noch einmal vor Augen führen. Stadtplaner aus München, Leipzig, aus dem Ruhrgebiet sind mit dabei, dazu noch einige Architekten, einige private Enthusiasten. Am Vormittag hatte Theorie auf dem Stundenplan der dreitägigen Tagung gestanden, zu der Mäcklers Institut für Stadtbaukunst geladen hatte. Um drei Bausteine ging es da: Plätze. Stadthäuser. Hinterhöfe.

„Man lernt nie aus“, sagt Michael Holthaus. Im Frankfurter Stadtplanungsamt arbeitet er, zurzeit ist er mit dem Bebauungsplan B 900, Hanauer Landstraße, Honsellbrücke, befasst. Die gute alte Blockrandbebauung soll dort wieder zu ihrem Recht kommen: das zu allen Straßen hin abgeschlossene Ensemble mit Hinterhöfen für Kind und Kegel, gut abgeschirmt von der Außenwelt. „Wie müssen den Straßenlärm fernhalten“, sagt Holthaus.

Fraglos sprechen auch ästhetische Maßstäbe für die Abkehr von der freien, offenen Bauweise mit ihren fließenden Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Der Mensch mag diese seit den 60er Jahren als zukünftig und visionär gepriesenen Reißbrettviertel einfach nicht. Zerklüftet erscheinen sie ihm, trotz ihrer geraden Straßen und aufdringlich rechten Winkel sogar als unordentlich.

Was dem Mensch behagt, ist in Bornheim und im Nordend an bald jeder Ecke zu sehen. Abgeschnittene oder geschwungene Abschlüsse runden die Straßen buchstäblich ab, geben jeder Kreuzung die Anmutung eines kleinen Platzes. Dichte Baumreihen nehmen auch langgezogenen Straßenzügen die geometrische Strenge; Diagonalen aus allen Himmelsrichtungen führen wie Sternzacken auf entsprechend belebte Plätze. Überhaupt die herrlich kreuz und quer vernetzten Straßen: Auf der Berger Straße deutet Christoph Mäckler ostwärts in die Eichwaldstraße, an deren leicht geschwungenem Ende sich eine bunte Häuserzeile, frühes 19. Jahrhundert, in den Blick schiebt. „Ach schön“, seufzt einer.

Nun müssen Stadtplaner von heute immer auch um den Kompromiss ringen, „interdisziplinär denken“, sagt Eckart Kröck. In Frankfurt hat er in den 90er Jahren einst das neue Ostend mit auf den Weg gebracht, heute leitet er das Stadtplanungsamt in Bochum. „Allein wenn man an das Thema Klima denkt“, sagt er – und gibt zu bedenken, dass man über Kaltluftschneisen beziehungsweise ihren Mangel besonders in Bornheim diskutieren könnte.

In der Tat: Aber dass an Sommertagen sich die Hitze in den abgedichteten Straßen staut, kein Luftzug Parterrewohnungen erreicht und noch jeder Hundehaufen vom Bürgersteig bis in den zweiten Stock stinkt, ist Mäcklers Thema an diesem Tag nicht.

Seinen Kritikern gilt er ja als konservativer Radikalästhet, dem die gegenwärtigen Anforderungen der wuchernden Metropolen nichts anhaben können. Dass er die Stadt konsequent als Ensemble denkt und nicht als Ansammlung einzelner Gebäude, dagegen lässt sich wohl kaum argumentieren.

In der Schopenhauer Straße im Nordend konfrontiert der Exkursionsleiter sein Publikum mit einem finalen Frontalangriff: Hier Gründerzeit mit Erkern und grazilen Gewänden, da der graue Fertigwürfel einer Kita, eingerahmt von einem Edelstahlzaun im Betonsockel. „Bitte, gerade das städtische Bauen muss sich wieder mehr seiner Verantwortung bewusst sein“, fordert Christoph Mäckler eindringlich. Da nicken alle.

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