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Russen und Ukrainer in Frankfurt: Mehr Freund als Feind

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Überall gelten Ukrainer und Russen als Brüdervölker, nur in Wladimir Putins Kopf nicht. FOTO: Sebastian Gollnow/dpa
Überall gelten Ukrainer und Russen als Brüdervölker, nur in Wladimir Putins Kopf nicht. © dpa

Viele ukrainische Flüchtlinge kommen auch in Frankfurt bei russischen Familien unter. Doch was macht der Krieg mit dem in Deutschland von jeher guten Verhältnis der beiden Völker? Unser Autor Akim Krebs berichtet aus der Innenansicht.

Frankfurt -Niemand trauert um unsere russischen Jungen", sagt Larissa, und meine Frau nickt. In Afghanistan kämpften die Väter und Onkels und starben. In Tschetschenien kämpften die Brüder und Schulkameraden und starben. In der Ukraine kämpfen Burschen, die ihre Söhne sein könnten, und sterben. Und nie dürfen die Mütter in Russland öffentlich über ihre toten Söhne weinen. Ein paar Tausend Rubel erhalten sie als Entschädigung. "Kanonenfutter", das Wort gibt es auch in Russland, "die Jungs sind Kanonenfutter", sagt Larissa, und meine Frau nickt. Aber darf man trauern, darf man das erwähnen als Russin, wenn einem am Esstisch aus dem Krieg geflüchtete Frauen gegenübersitzen, Ukrainerinnen, die mit ihren Kindern vor jungen Russen flohen, Ukrainerinnen, deren Männer sich diesen jungen Russen entgegenstellen?

"Die hässlichsten Wochen stehen noch bevor"

Die hässlichsten Wochen stünden den Menschen in der Ukraine noch bevor, sagt ein deutscher General in der Zeitung. Putin werde Tod und Zerstörung über die Städte bringen, um den Widerstand zu brechen. Unsere Freundin Larissa, 49 Jahre alt, Russin wie meine Frau und wie meine Frau seit 20 Jahren mit einem Deutschen verheiratet, faltet die Zeitung zusammen und weiß nicht, was sie zu Alina sagen soll. Alina und ihre beiden Kinder haben vor zehn Tagen Kiew verlassen, das Nötigste in zwei kleinen Rucksäcken verstaut, damit man auf der Flucht rennen kann. Witali, ihr Mann, der Vater ihrer Kinder, verteidigt Kiew. Mehr erzählt Alina nicht. Sie und die Kinder sind eingesperrt in ihrer Angst.

Seit vier Tagen sitzen sie fast nur im Gästezimmer in Larissas Haus, die Kinder malen Blöcke voll, Alina will das Smartphone nicht aus der Hand legen, gerade so, als wären sie und Witali nur in diesem Zimmer verbunden. Witali sendet jede dritte Stunde eine Nachricht, noch funken die Masten in Kiew. Andernorts hat die russische Armee die Funkmasten zerstört und sich damit auch selbst geschadet. "Die sind nicht so klug und stark, wie sie denken", sagt Alina. "Aber Putin wird dadurch immer brutaler", sagt Larissa. Alina schweigt.

Mascha schweigt nicht

Mascha ist nicht schweigsam, was uns gut tut. Mascha ist Naturwissenschaftlerin, seit drei Jahren verwitwet und bangt um ihre zwei Brüder. Sie wäre in der Heimat geblieben, in der Nähe von Charkiw, hätte die Verletzten versorgt, sagt sie, aber sie floh wegen ihrer Tochter. Vorgestern hat sie der lange Weg zu uns geführt. Am Küchentisch sitzt sie und erzählt von ihrer Heimat, wie sie war, bevor Putin junge Russen schickte. Von ihrem Garten, ihren Katzen, von ihrer Tochter und ihren Freundinnen, die Mädchenträume haben. "Nach Kiew gehen, die Welt erobern", sagt Mascha und lacht. Sie lacht viel, ihre Tochter verzieht dann jedes Mal das Gesicht. Was sie erlebt haben in der weithin zerstörten Stadt Charkiw, was auf der Flucht, darüber reden sie nicht. Der Krieg bleibt draußen wie ein Unwetter.

Schuldgefühle auf russischer Seite

Unsere russische Freundin Larissa versteht das nicht. Sie ist sehr gebildet, Kultur, Geschichte, Politik. Sie doziert gerne, vor allem über Politik. Soweit man das nach wenigen Tagen über Alina sagen kann, interessiert sie sich für Larissas Meinung schrecklich wenig. "Larissa, dass du hilfst, ist toll", haben ukrainische Freunde zu ihr gesagt, "aber nimm die Leute, die zu dir kommen, wie sie sind. Die haben viel durchgemacht. Halte dich zurück."

Larissa drängt es zu reden, sich zu erklären vor Alina. Das Mitleid ist groß, die Scham ist groß, das Schuldgefühl vielleicht sogar. Larissa schätzte Putin hoch. Die Mutter und die Schwester in Archangelsk hatten feste Jobs, die Rente wurde verlässlich überwiesen. Putin war Stabilität. "Die vergangenen Jahre", sagt Larissa, "die waren merkwürdig". Die Wirtschaft kam nicht voran, das Land schien bleiern. Das Geld floss in die Rüstung, für die Krim, für den Donbass, für diesen Krieg. "Putin hat uns beraubt und belogen", sagt Larissa.

Bald nachdem die russische Armee einmarschiert war hat Larissa in den sozialen Netzwerken der russisch-ukrainischen Communities in Deutschland ihre Hilfe angeboten. Ukrainer und Russen in Deutschland sind eng miteinander. Man ist befreundet, fährt gemeinsam in den Urlaub, man feiert gemeinsam, die Kinder besuchen dieselben Kindergärten. Über die Politik in der Heimat ist in unseren Kreisen kaum geredet worden. Man wollte gar nicht so genau wissen, wo der andere steht.

Überall auf der Welt sind Russen und Ukrainer Brudervölker

Nun spenden viele Russen für die Ukraine, nehmen wie wir Mütter und ihre Kinder auf, allein geflüchtete Jugendliche, Alte und Behinderte. Die Hilfssysteme sind gut organisiert, Ukrainer und Russen sind pragmatisch, aus leidvoller Erfahrung. In Frankfurt, in Paris, überall fern dieses Krieges sind Russen und Ukrainer die Brudervölker, die Putin in einen gemeinsamen Staat zwingen will - und damit zerstört.

Aber bitte, keine Romantik. Es gibt Russen, die das anders sehen, auch hier in Deutschland. Sie sind eine winzige Minderheit - hoffen wir. Freundschaften gehen gerade in die Brüche, die orthodoxen Kirchen sind seit langem zerstritten, die Frömmler verachten sich gegenseitig. Dieser Tage hieß es aus der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, die Hilfsbereitschaft sei groß, bei Ukrainern ohnehin, auch bei den meisten Russen. Aber eben nicht bei allen. Die Alten schauen russisches Fernsehen, erliegen der Propaganda. Der Rabbi verordnete, nicht über Politik zu reden.

"Der Krieg ist hier", schrieb einer ins Berliner Netzwerk. Stimmen der Zwietracht waren plötzlich laut geworden, jemand verteidigte Putin, schmähte Selenskyj, die Reaktionen waren entsprechend. Freundin Anna, Ukrainerin aus Berlin, sagt, manche Geflüchteten wollten nicht in russische Familien. "Ein unbedachtes Wort genügt doch", sagt Anna.

Tante Tatjana in Moskau glaubt der Frankfurter Verwandtschaft nicht

Die hässlichsten Wochen stehen noch bevor. "Ich glaube nicht, was ihr da sagt", sagt Tante Tatjana in Moskau. "Menschen flüchten, weil Putin alles zerstört", sagt meine Frau. "Glaube ich nicht", sagt Tante Tatjana. "Was glaubst du, warum eine ukrainische Mutter mit ihrer Tochter bei uns wohnt?", fragt meine Frau. "Putin befreit die Ukraine", sagt Tante Tatjana.

In ihrer Küche hängt ein Kalender, auf jedem Blatt ein Foto von Putin. Putin im Kreml, Putin beim Judo, Putin beim Angeln - mit freiem Oberkörper. Alle haben sie diesen Kalender, auch Larissas Mutter kauft ihn stets im Oktober, weil sie fürchtet, später könnte er ausverkauft sein. Larissa mag gar nicht mehr daran denken. Diese Hartherzigkeit auch, mit der auf den Moskauer und Petersburger Straßen befragte Russen im Staatsfernsehen Putins Gnadenlosigkeit gutheißen. Larissa schaut kein russisches Fernsehen mehr, aus Rücksicht auf Alina. "Alina, viele Russen sind auch Opfer", hat Larissa zu Alina gesagt. Alina hat genickt. "Du bist ein guter Mensch, Larissa", hat sie gesagt.

Larissa hat zwei Kinder, etwas älter als Alinas Kinder sind sie. Die russischen Kinderbücher stehen noch im Regal, die russischen Kinderfilme auch. Die Kinder haben deutsche und russische Pässe, damit sie ohne Visum schnell zur Babuschka fliegen können, falls mit Babuschka etwas ist. Das ist aber nicht der einzige Grund: Russland soll auch Heimat sein, die russische Kultur auch die ihre. Neulich kam ihr Sohn von der Schule, er war bedrückt. "Scheiß-Russe", haben Jungen zu ihm gesagt.

Was darf man als Russin noch sagen?

Larissa und meine Frau sind besorgt. Dürfen sie das zurzeit sagen als Russinnen in Deutschland? "Wir werden gleichgesetzt mit Putin", sagt Larissa, und schimpft auf die Medien. Dieser Tage saß Iwan Rodionow in einer Talkshow, die Redaktion musste es für eine gute Idee gehalten haben, dem ehemaligen Chefredakteur von Russia Today, dem Putin-treuen deutschen Fernsehkanal, eine Bühne zu bereiten. Da saß er und log und bog sich die Fakten zurecht, bis ein Historiker kaum mehr an sich halten konnte. Dass die Russen Putin vertrauten, sagte Rodionow, und dass die Russen besorgt seien wegen der nazistischen Ukraine. "Hören Sie auf, von den Russen zu reden", ging der Historiker ihn an, "reden Sie gefälligst von Putin". Und Rodionow, mit steinerner Miene, blieb so ruhig wie einer, der sich im Besitz höherer Wahrheiten wähnt.

Tags davor hat eine große Zeitung je zwei in Deutschland lebende Russen und Ukrainer nach ihrer Meinung befragt. Eine der beiden russischen Stimmen gehörte einer glühenden Putin-Verehrerin und Ukraine-Feindin, gerade so, als repräsentiere sie die Hälfte der in Deutschland lebenden Russen.

Die deutsche Forschungsgesellschaft legt die Zusammenarbeit mit russischen Wissenschaftlern auf Eis, obwohl Tausende russische Wissenschaftler einen offenen Brief gegen Putin, gegen den Krieg unterzeichnet haben.

Supermärkte nehmen russische Speisen aus den Regalen, Speisen, die auch Ukrainer lieben, weil sie sie mit ihrer Kindheit verbinden.

"Wie dumm das alles ist", sagt meine Frau. "Das macht Stimmung gegen uns", sagt Larissa. Im russischen Kindergarten, so hörte man, soll die Polizei gewesen sein und zur Achtsamkeit geraten haben. Russische Verbände und Vereine appellieren an die Vernunft, die russische Bevölkerung nicht verantwortlich zu machen.

Anna, unsere ukrainische Freundin aus Berlin, hat es ungefähr so gesagt: "Die Russen in Deutschland leiden. Die Russen in Russland leiden mehr. Und die Ukrainer leiden am meisten."

Der Krieg ist auch in Frankfurt

Der Krieg ist bei uns. Er lässt sich ja gar nicht draußen halten wie ein Unwetter. Wenn Alinas Mann, der Vater ihrer beiden Kinder, fällt, was dann? Wenn Maschas Brüder fallen, was dann? Wenn die hässlichsten Wochen kommen, die Schlachten um die Städte, werden noch viele Kinder, Frauen und Alte von jungen Russen getötet. "Was können wir da noch sagen, Larissa?", fragt meine Frau. Larissa schweigt.

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