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?Problematisch ist auch, dass Reihenhaussiedlungen überall gleich aussehen?, kritisiert Sabine Georgi. Um das Heimatgefühl zu stärken, wäre es wichtig, beim Entwurf neuer Siedlungen typische Baumerkmale einer Region aufzugreifen.

Montagsinterview

Sabine Georgi: "Der Fokus auf Metropolen führt zu weniger Lebensqualität für alle"

Während Großstädte wie Frankfurt immer mehr Menschen anziehen, blutet der ländliche Raum aus. Eine Trendwende fordern nicht nur Initiativen, die neue Baugebiete in Frankfurt verhindern wollen. Auch der Immobilienfachverband RICS verlangt in einem Positionspapier, den ländlichen Raum zu stärken, um Metropolregionen zu entlasten. RICS-Politikberaterin Sabine Georgi hält Neubaugebiete in Städten aber dennoch für nötig, wie sie im Gespräch mit Günter Murr erläutert.

Der Trend in die Großstädte ist ungebrochen. Ist das eine gute Entwicklung?

SABINE GEORGI: Es ist eine gute Entwicklung für Teile der Wirtschaft. In den Ballungsräumen finden Unternehmen ihre Arbeitskräfte. Aber es ist falsch, immer nur auf die Städte zu schauen. Wir haben im ländlichen Raum viele erfolgreiche Unternehmen, die nicht so im Blickpunkt stehen, sogenannte Hidden Champions. Damit diese weiter erfolgreich arbeiten können, muss auch der ländliche Raum attraktiv bleiben.

Welche Probleme entstehen durch die Fokussierung auf die Großstädte?

GEORGI: Wir bekommen dadurch entvölkerte Regionen, in denen man immer weniger von gleichwertigen Lebensverhältnissen sprechen kann. Aber auch das Leben in den großen Städten wird nicht mehr so sein, wie wir es heute kennen. Wenn wir immer weiter mit Wohnungen nach verdichten, werden die Grünflächen kleiner. Es besteht die Gefahr, dass die Lebensqualität sowohl in den Großstädten, als auch in den übrigen Räumen sinkt.

Lässt sich eine solche Entwicklung überhaupt beeinflussen?

GEORGI: Sie lässt sich durch die richtigen Rahmenbedingungen beeinflussen, etwa für die lokale Wirtschaft. In einer kleinen Gemeinde wurde zum Beispiel eine Beteiligungsgesellschaft gegründet, die einen gemeinsamen 3D-Drucker für die örtlichen Handwerksbetriebe angeschafft hat. Die Betriebe können sich dadurch zukunftsfähiger aufstellen.

Trotzdem wird sich die Masse der Arbeitsplätze nach wie vor in den Ballungsräumen konzentrieren. Wenn die Menschen aber auf dem Land wohnen, nimmt der Pendlerverkehr zu.

GEORGI: Die Arbeitswelt wird sich verändern. Das Home Office ist heute schon sehr viel weiter verbreitet als noch vor einigen Jahren, die Arbeitnehmer müssen nicht mehr jeden Tag ins Büro pendeln. Sie können zum Beispiel auch einen Co-Working-Arbeitsplatz in ihrem Wohnort nutzen.

Sehen Sie auch die Möglichkeit, dass Arbeitsplätze aus der teuren Großstadt ins günstigere Umland verlagert werden?

GEORGI: Wenn in Frankfurt die Büromieten hoch sind, dann überlegen sich Konzerne schon, ob sie mit einem Teil ihrer Mitarbeiter in eine andere Stadt gehen. Ich halte es aber nicht für realistisch, dass größere Firmen komplett aufs Land umziehen. Die Beschäftigten könnten allerdings dort wohnen.

Welche Infrastruktur ist erforderlich, damit kleine Städte und Dörfer lebenswert bleiben?

GEORGI: Wichtig ist vor allem die grundlegende Infrastruktur, etwa die Verfügbarkeit von schnellen Internetverbindungen. Die Digitalisierung bietet zwar große Chancen für Unternehmen, stellt aber im Gegenzug Anforderungen an die Infrastruktur. Das andere Thema ist die Verkehrsanbindung. Wenn es einen guten Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr gibt, sieht man, dass die Immobilienpreise steigen und es ganz andere Entwicklungsmöglichkeiten gibt.

Aber es dauert sehr lange, neue Verkehrswege zu bauen. Kommen die nicht zu spät für die aktuellen Probleme?

GEORGI: Es hilft ja schon, auf bestehenden Strecken die Taktzeiten zu verkürzen. Das kostet gar nicht so enorm viel.

Auf dem Land fehlt oft auch der Einzelhandel. Was lässt sich da tun?

GEORGI: Es reicht nicht, in einem Neubau das Erdgeschoss freizuhalten und zu hoffen, dass da schon Läden einziehen werden. Das funktioniert nicht. Der stationäre Einzelhandel hat ja auch große Herausforderungen. Unsere Idee ist der „Dorfladen 2.0“, der auch andere Funktionen übernimmt.

Was kann man sich da vorstellen?

GEORGI: Spannend wäre zum Beispiel ein kleines Paketverteil- und -abholzentrum. Der Dorfladen könnte auch die Funktion eines sozialen Treffpunkts übernehmen.

Sie halten neue Immobilienformen auf dem Land für nötig. Was verstehen Sie darunter?

GEORGI: Ein Trend in der Stadt ist zum Beispiel Co-Working. Wir haben uns überlegt, ob sich das auch auf dem Land etablieren lässt. Es gibt den Fall eines leerstehenden Gutshauses in einer Kleinstadt. Das wurde umgebaut in Co-Working-Büros und Gemeinschaftsflächen für die örtlichen Handwerker. Woanders wurde so etwas auch um ein Hotel ergänzt. Die Nutzungsformen werden viel stärker als bisher gemischt. Das könnte auf dem Land für neue Impulse sorgen.

Reichen die vorhandenen Immobilien oder braucht es auch neue Wohn- und Gewerbegebiete?

GEORGI: Das ist von Ort zu Ort unterschiedlich. Es ist oft leichter, am Ortsrand ein neues Baugebiet auszuweisen. Wir sollten aber darauf achten, dass die Innenentwicklung auch in kleinen Städten besonders im Fokus steht. Sonst besteht die Gefahr, dass der identitätsstiftende Charakter eines Ortes verloren geht. Problematisch ist auch, dass Reihenhaussiedlungen überall gleich aussehen. Wenn die treibende Kraft das Heimatgefühl ist, dann wäre es wichtig, typische Baumerkmale einer Region aufzugreifen, um Identität zu stiften.

Welche Rolle spielt das Heimatgefühl in der globalisierten Welt?

GEORGI: Gerade junge Leute brauchen zunehmend einen Ankerpunkt, vom dem aus sie global agieren können. Sie wollen ihre Heimat mitgestalten und dort auch Immobilieneigentum erwerben.

Wer ist vor allem gefordert? Sind es die Immobilieneigentümer, ist es die Kommunalpolitik oder ist es die übergeordnete Politik?

GEORGI: Es sind alle zusammen gefordert, das ist das Problem! Viele kleine Puzzleteile müssen zusammengefügt werden. Zum Beispiel müssen Frankfurt und das Umland stärker kooperieren, es ist eine integrierte Planung in der Region nötig. Aber der Bürgermeister der Gemeinde A möchte keine Funktionen an die Gemeinde B verlieren. Da muss es einen Interessenausgleich geben. Der Gesetzgeber könnte da Anreize schaffen.

Als Argument für den verdichteten Wohnungsbau in den Städten wird oft angeführt, dass auf dem Land vor allem Einfamilienhäuser gebaut würden, was viel mehr Fläche verbrauche.

GEORGI: Es ist immer schwierig, Menschen vorzuschreiben, wie sie leben sollen. Nachverdichtung hat auch ihre Grenzen. Die Sommer werden immer heißer, wir brauchen deshalb in den Städten grüne Flächen, allein zur Klimatisierung. Deshalb müssen wir Flächen auch im Umland in Anspruch nehmen. Der Bundesregierung scheint es klarer zu werden, dass sich das Ziel, den Flächenverbrauch in Deutschland auf 30 Hektar pro Tag zu begrenzen, zunächst nicht einhalten lässt. Die nötigen Wohnungen lassen sich sonst nicht bauen.

Besteht die Gefahr, dass sich nur noch Gutverdiener eine Wohnung in der Stadt leisten können und die weniger Zahlungskräftigen aufs Land ausweichen müssen?

GEORGI: Das wäre so, wenn man die Entwicklung gar nicht steuern würde. Aber den Preisunterschied zwischen Stadt und Land gab es schon immer, deshalb gibt es ja in der Innenstadt keine Einfamilienhäuser. Problematisch wäre es, in kleinen Gemeinden Trabantensiedlungen mit Mietwohnungen zu errichten. Da würde ja nicht die urbane Atmosphäre entstehen, die die Menschen wollen.

Projektentwickler und Investoren finden in den Großstädten kaum noch Grundstücke. Werden Sie künftig in ländliche Regionen ausweichen?

GEORGI: Klar, man sucht Nischen, wo man investieren kann. Es gibt Regionen, in denen Bedarf vorhanden ist. Die Immobilienwirtschaft muss diesen Wechsel zum Teil noch vollziehen. Wir brauchen aber noch mehr Daten. Zum Beispiel zu der Frage, was eine Klein- oder Mittelstadt im Umland von Frankfurt erfolgreich macht. Investoren brauchen ja auch eine gewisse Sicherheit.

Brauchen wir keine Neubaugebiete mehr in Städten wie Frankfurt, wenn der ländliche Raum gestärkt wird?

GEORGI: Das ist unrealistisch. Wir haben eine riesigen Bedarf an Wohnungen. Der lässt sich nicht nur auf dem Land decken.

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