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Dieter Breidt, Vorsitzender der Brunnen- und Kerbegesellschaft, hockt am Brunnen von Frau Rauscher, der traditionsreichen Figur von Sachsenhausen.

Traditionen bewahren

Die Sachsenhäuser Brunnen- und Kerbegesellschaft sucht dringend Nachwuchs

Die Sachsenhäuser Brunnen- und Kerbegesellschaft bewahrt ein uraltes historisches Erbe der Stadt. Doch dem Verein gehen die Mitglieder aus.

„Wir wollen eines der ältesten Feste Frankfurts erhalten“, sagt Dieter Breidt, Präsident der Sachsenhäuser Brunnen- und Kerbegesellschaft. „Das Brunnenfest wurde schon im Jahr 1490 in Sachsenhausen gefeiert, dieses Jahr also zum 528. Mal.“ Jeden Sommer jährt sich das dreitägige Fest, Höhepunkt ist die Brunnenbegehung in Alt-Sachsenhausen, vom Hirsch-Brunnen über die wasserspeiende „Frau Rauscher“ bis hin zum Bäcker-Brunnen. Dann wandert eine Delegation, angeführt durch den Vereinspräsidenten, der sich in den historischen Schultheiss verwandelt, und die jedes Jahr neu auserwählte Brunnenkönigin durchs Viertel.

Kosten für die Brunnenreinigung gespart

Der Schultheiss, also der Bürgermeister, sorgte früher dafür, dass das Wasser läuft und sauber ist. Die Brunnen wurden aus Gründen der Desinfektion mit Salz versehen. Er weihte die Brunnen und mahnte die Bürger zum sorgsamen Wasserverbrauch. Eine sinnvolle Aufgabe, gab es doch im Mittelalter keine Wasserleitungen. „Eigentlich war es aber so: Sachsenhausen kaufte der Stadt Frankfurt die Brunnenrechte ab und übernahm die Reinigung selbst. Damit sparten wir hier dribbdebach hohe Kosten unter anderem für die Brunnenreinigung. Das Geld wurde dann einmal im Jahr versoffen – drei Tage lang, beim Brunnenfest“, erklärt Breidt und grinst verschmitzt. „Und als die Stadt eines Tages das lange Feiern untersagte, gingen wir Sachsenhäuser eben nach Bergen und feierten dort auf dem Markt weiter. So sind wir eben.“

Verein 1953 gegründet

So historisch versiert wie Breidt sind nicht alle Vereinsmitglieder. Alle aber fühlen sich der Tradition verpflichtet. „Ich bin eben ein konservativer Mensch“, sagt Dieter Breidt von sich selbst, und seine Mitstreiter sind es zum Großteil auch. Zweck der Vereinsgründung im Jahr 1953 war es, das alte Brunnenfest wiederzubeleben. Seither waren alle Sachsenhäuser mit Rang und Namen hier Mitglied. Heute sind es nur noch 75 Mitglieder, viele davon passiv. Kinder und Jugendliche dürfen mitlaufen auf Umzügen und bei Festen, Mitglied werden geht aber erst ab 18.

Sie treffen sich in wechselnden Lokalitäten, vornehmlich in Alt-Sachsenhausen, gern auch in gemieteten Räumen wie in der Klosterpresse, „denn dort haben die Wände keine Ohren“, erklärt Dieter Breidt. Wer die nächste Brunnenkönigin wird, das wissen bisher nur fünf Personen – „und das soll bis zu Bekanntgabe auch so bleiben“.

Yvonne Wegner-Haupt ist seit einem halben Jahr Brunnenkönigin

Die Brunnenkönigin Yvonne II. alias Yvonne Weger-Haupt ist ein Sachsenhäuser Mädsche. Seit einem halben Jahr ist die 53-Jährige im Einsatz. „Ich liebe es und bin sehr gern Brunnenkönigin“, sagt sie. „Da ich schon so lange im Karnevalsverein bei den „Elfern“ aktiv bin und die Garde trainiere, fällt mir es mir auch nicht schwer, auf der Bühne zu stehen“, sagt sie. Was es brauche, um Brunnenkönigin zu werden? Eine gewisse Verwurzelung im Stadtteil und der Wille, Zeit einzubringen, sagt Breidt. „Außerdem muss die Königin ihr Abendkleid und ihr Dirndl selbst finanzieren.“ Die Kleider trägt die Hoheit bei gut 60 Auftritten im Jahr – bei Partner-Vereinen in der Umgebung, etwa in Königstein, Goldstein oder bei ihrer „Verwandten“, der Brunnenkönigin von Oberursel.

Aber auch die anderen Mitglieder verkörpern historische Figuren. Zum Beispiel die Berjersleut’, die Bürger, die Frauen in ausladenen Kleidern, die Männer mit Hut und Stock wie zu Biedermeierzeiten. „Als Berjersleute sind wir zum Altstadtfest gegangen, haben uns unter die Besucher gemischt. Das hat sehr gut gepasst, und ich denke, die Leute waren froh darum, dass wir da waren“, meint Breidt. Das Nachwuchsproblem erklärt er sich unter anderem so: „Viele konsumieren gern und wollen was erleben, aber selbst was tun, das wollen die Wenigsten.“ Dabei biete der Verein auch vor allem eins: Gemeinschaft. „Und jede Menge Spaß.“

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