Für Michael hat jeder Gegenstand in seinem Garten am Wendelsweg eine Geschichte, über die er sich gerne mit Besuchern unterhält.
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Für Michael hat jeder Gegenstand in seinem Garten am Wendelsweg eine Geschichte, über die er sich gerne mit Besuchern unterhält.

Flohmarkt

Sachsenhausen: Dem Corona-Blues mit Trödel trotzen

  • vonSabine Schramek
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Leidenschaftlicher Sammler lädt zum Flohmarkt in seinen Garten am Wendelsweg. Feste Öffnungszeiten hat Michael nicht. Wenn das große Tor mit den Schildern weit offen steht, sind Besucher willkommen.

Zweimal ist er schon den Jakobsweg gegangen. Doch derzeit steht sein kleiner Garten im Mittelpunkt. Das Einzige, was der Mann mit dem Hawaii-Hemd, den alle nur Michael nennen, in der Corona-Zeit wirklich vermisst, sind soziale Kontakte und Gespräche. Der gastfreundliche Sammler (50) hat deshalb alte Dippen, Werkzeuge und skurrile Sammlerstücke auf seinem Areal zum Stöbern für jedermann zusammengetragen. Erinnerungen an die Kindheit machen die Kontaktaufnahme leicht.

Das Holztor steht meist offen

Das große von innen mit Gitter verkleidete Holztor steht weit offen. Alte emaillierte Werbeschilder machen aufmerksam. Ob Whiskey, Kaffee, Werkzeuge oder ein schlafender Hund auf den eckigen Platten - sie wecken Neugierde. Ebenso wie das schnörkelig handgeschriebene Schild "Trödel". Zwischen Dippen, Blumen-kübeln, Vogelbauern, Puppenstube und Spinnrad steht Michael (50) und lacht. "Dieses Corona hat mir richtig zugesetzt", sagt er. "Wohin soll man denn gehen, um einfach mal zu babbeln?", hat er sich gefragt, als der Lockdown kam. "Und wo kann man etwas erleben, ohne gleich viel Geld auszugeben?"

Der Mann mit dem langen grauen Zopf und buntem Hemd ist leidenschaftlicher Sammler. Er wohnt zwar in Fechenheim, hat aber seit acht Jahren seinen Garten im Wendelsweg. Voller Obstbäume, Gemüsebeeten und skurrilen Deko-Artikeln von Öllampen bis Pinocchiomarionette, von geflochtenen Stühlen bis Gewürzkästen und steinernen Löwen. "So schön es hier ist, es war einsam. Richtung Goetheturm wandern Leute, aber es ist schwer, einfach so Kontakt aufzunehmen." Da sei ihm die Idee gekommen, die Leute neugierig zu machen. Es hat geklappt. Immer wieder schauen Männer und Frauen in die nostalgische Mischung, die zum Stöbern einlädt. "Für mich ist das wie eine Therapie. Die Leute kommen und gucken, ältere bekommen glänzende Augen, wenn sie Dinge aus ihrer Jugend wiedersehen."

Ein Kasten aus dunklem Holz verbirgt eine handgetriebene Nähmaschine. "Die Leute erinnern sich und erzählen mir, was sie früher alles erlebt haben", ist Michael begeistert. Die eigenen ersten Nähversuche am Teddybären gehören ebenso dazu wie der Bau von Tischen und Hütten, wenn sie altes Werkzeug sehen. Ein Modellbauschiff aus Holz hat schon so viele Erinnerungen zu-tage gebracht, dass ich sie kaum zählen kann. Ich finde das toll", sagt er angetan.

Anfassen ist erwünscht

Immer wieder dekoriert er um und lässt sich von seinen Besuchern auch auf Vorschläge ein. Einen alten Weinkäfig aus Metall füllt er mit Blumentöpfen aus Terracotta. "Eine Frau hat gesagt, dass man so auf wenig Fläche einen ganzen Blumengarten für den Balkon gestalten kann". Passanten bleiben stehen und nicken zustimmend.

Michael lässt die Besucher staunen. Vor alten Öfen aus Guss oder einem ehemaligen Waschkessel, in dem auch Würste nach dem Schlachten gekocht wurden. Und vor einer Puppenstube aus den 50er Jahren. Anfassen ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Wer mag, kann sich auch in den Garten setzen, ein bisschen plaudern oder lesen. "Ich möchte Brücken bauen", sagt Manfred. "Viele haben keinen Garten oder Balkon, noch mehr sind einsam." Deshalb hat er auch einer Familie erlaubt, in seinem Garten Gemüse anzubauen. Drei Brüder aus der Dominikanischen Republik wechseln sich täglich ab beim Gießen und Unkraut zupfen rund um Salate, Paprika und Kohl. Sorgsam tauchen sie eine Gießkanne in eine Regentonne und wässern jedes Pflänzchen einzeln. "Meine Tomaten gießen sie auch mit", freut er sich.

Früher hat er auf der Bühne gestanden

Ein paar Mal habe man schon zusammen mit der Familie gegrillt und sich über Gott und die Welt unterhalten. Genau das ist es, was der ehemalige Laienschauspieler und Lagerist möchte. Austausch und Wohlfühlen. Heute ist er erwerbsunfähig wegen einer Krankheit. Zweimal ist Michael den gesamten Jakobsweg gewandert und hat vieles gesehen. "Vor allem Selbsterkenntnis und andere Lebensarten. Mein Trödel hier ist in Spanien völlig üblich. Da gibt es in fast jedem Bauerndorf etwas zum Stöbern und Entdecken. Man sitzt zusammen und muss nicht jeden Tag ausgehen und in Lokalen Geld ausgeben. Manchmal kauft man für wenig Geld etwas, was man gebrauchen kann. In meinem Garten denken einige, sie seien im Museum oder zurückversetzt in ihre Kindheit. Die Jugendlichen haben ihr Hobby gefunden und sind glücklich, dass sie eigenes Gemüse ernten können und sich im Grünen aufhalten können." Feste Öffnungszeiten hat Michael nicht. Wenn das große Tor mit den Schildern weit offen steht, sind Besucher willkommen. SABINE SCHRAMEK

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