Die Mitorganisatoren Daniel Böhme (Mitte) und Melissa (rechts) heißen Robert bei seinem ersten Stammtisch von "Neu in Frankfurt" am südlichen Mainufer willkommen.
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Die Mitorganisatoren Daniel Böhme (Mitte) und Melissa (rechts) heißen Robert bei seinem ersten Stammtisch von "Neu in Frankfurt" am südlichen Mainufer willkommen.

"Neu in Frankfurt",

Sachsenhausen: Wo Eingeplackte Anschluss finden

  • vonKatja Sturm
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Initiative bringt Menschen auf lockere Art und Weise zusammen

Sachsenhausen -Wer in eine fremde Großstadt zieht, hat es oft nicht leicht, Anschluss zu finden. Mit den neuen Kollegen will man nicht auch noch seine Freizeit verbringen, und in der Nachbarschaft findet sich, sollte es überhaupt Kontakte geben, ebenfalls nichts Passendes für einen netten Plausch.

"Neu in Frankfurt", vor etwa zehn Jahren gegründet, gehört zu der bundesweit wachsenden Zahl an Initiativen, die Menschen auf lockere Art und Weise zusammenbringen. Mehr als 22 000 Mitglieder haben sich bei Facebook bereits für die Community registriert. Nach Angaben von Daniel Böhme, der zu den neun Administratoren gehört, die nicht nur die Auftritte in den sozialen Medien pflegen, sondern auch die diversen Zusammenkünfte organisieren, kommen zu den wöchentlichen Stammtischen im Schnitt 60 Leute zusammen.

Treffen derzeit nur unter freiem Himmel

An diesem Donnerstagabend am Main sind es um die Hälfte weniger, die vor der Laterne mit der Nummer 30, die den Treffpunkt markiert, in kleineren Grüppchen zusammenstehen oder sich auf der benachbarten Bank oder einer mitgebrachten Decke niedergelassen haben. Wegen der Coronavirus-Krise agieren die Organisatoren derzeit vorsichtig. Monatelang hatten sie eine Pause eingelegt, jetzt laden sie statt wie gewohnt in wechselnde Bars im Stadtgebiet unter freiem Himmel zum Stelldichein ein.

Die teilweise sehr herzlichen Begrüßungen machen deutlich, dass viele sich untereinander gut kennen. Elena und Maria sind gerade erst von einem gemeinsamen Urlaub am Bodensee zurückgekehrt. Vor einem Jahr begegneten sich die beiden jungen Frauen erstmals bei "Neu in Frankfurt", mittlerweile sind sie beste Freundinnen.

Obwohl sich die Plattform ausdrücklich nicht als Singlebörse versteht und diejenigen, die andere darüber anbaggern wollen, laut Böhme geblockt werden, haben sich aus den regelmäßigen Runden schon mehrere Beziehungen und mindestens drei Kinder ergeben. Cliquen wurden gegründet, gemeinsame Freizeitinteressen schweißen zusammen.

So existieren mittlerweile zahlreiche Untergruppen. Der 37 Jahre alte Böhme kümmert sich etwa darum, dass die "Ü 30" beim geselligen Beisammensein in Apfelweinlokalen auch in die hiesige Kultur eingeführt wird. Neben einer Beschreibung der jeweiligen Gaststätte im Vorfeld bekommen die Teilnehmer vor Ort weitere Informationen zu Gespritztem und Geripptem. Darüber hinaus gibt es Angebote nur für Frauen, man geht gemeinsam schwimmen, zur montäglichen Sneak Preview ins Kino oder speist in immer wieder anderen Restaurants. Einmal im Jahr wird eine Reise nach Cadiz offeriert. Böhmes jüngste Pläne sehen Aktivitäten wie Bogenschießen, Minigolf, Axtwerfen oder Laser Tag vor.

Stammtische im Stehen

Dabei geht es stets ungezwungen zu. Die Donnerstag-Stammtische finden in der Regel im Stehen statt. Jeder kann kommen und gehen, wann er will, und Neuzugänge werden schnell und freundlich integriert.

Winfried ist zum ersten Mal da. Dabei lebt der 53-Jährige schon seit vier Jahren am Main. Doch erst im März hatte er sich zu einem ersten Vorbeischauen entschlossen. Das verhinderte der Lockdown. "Ich habe früher schon mal in Frankfurt gewohnt", erzählt er, dann lange nicht mehr. Jetzt will er "unter neue Leute" kommen. Zwei Stunden nach seiner Ankunft scheint er immer noch Spaß zu haben.

In den Gesprächen wird deutlich, dass viele schon länger im Rhein-Main-Gebiet leben. Die Suche nach neuen Bekanntschaften resultierte in zahlreichen Fällen gar nicht aus einem Umzug, sondern aus dem Ende einer Beziehung. Das war auch bei Melissa so. Anfangs nur als willkommene Ablenkung gedacht, könnten die Treffen in Krisensituationen auch Halt geben, sagt die 26 Jahre alte Mitorganisatorin und hat dabei neben gescheiterten Partnerschaften auch die aktuellen Probleme durch das Virus im Blick.

"Der Vorteil ist, dass man hier den unterschiedlichsten Menschen begegnet", sagt Böhme. Auch solchen, mit denen man sonst kaum in Kontakt kommen würde, weil sie sich im Alltag in einer ganz anderen Szene bewegen. Durch die verschiedenen Einflüsse ergeben sich spannende Themen. Und wer sich im Arbeitsleben stets an die Etikette halten muss, darf sich hier bei einem Dosenbier ganz formlos und entspannt geben.

"Alles kann, nix muss", lautet laut Böhme die Devise. Die "Neu in Frankfurt"-Community kommuniziert überwiegend über Facebook. Wer einmal hineinschnuppern will in die Hauptgruppe, erreicht sie unter https://www.facebook.com/groups/meet.in.frankfurt. Dort und bei Instagram (neuinfrankfurt_meet) erfährt man auch den jeweiligen Ort, an dem sich die Mitglieder zu ihrem wöchentlichen Stammtisch am Donnerstagabend treffen. Im Schnitt kommen dabei 60 Leute zusammen. Da die meisten zwischen 18 und 27 Jahren alt sind, gibt es unter der wachsenden Zahl an Untergruppen neben einer nur für Frauen auch eine für die Generation Ü 30. Diese besucht regelmäßig Apfelweinkneipen, um den Zugezogenen, wie Veranstalter und Administrator Daniel Böhme sagt, das Frankfurter Lebensgefühl näher zu bringen. Wegen der Corona-Krise finden sämtliche Treffen derzeit im Freien statt.

Katja Sturm

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