Haben den Bogen raus: Die Jagdhornbläser des Sachsenhäuser Jagdklubs.
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Haben den Bogen raus: Die Jagdhornbläser des Sachsenhäuser Jagdklubs.

Auferstehung des Sachsenhäuser Wahrzeichens

Sachsenhausen: Gänsehaut-Fanfare für den Goetheturm

  • vonSabine Schramek
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Jagdhorn-Bläser proben schon für die Eröffnung - Auf die richtige Atmung kommt es an

Sachsenhausen -Immer wieder montags trifft sich das Jagdhorn-Korps des Sachsenhäuser Jagdklubs (SJK) vor seinem Vereinshaus nahe des Goetheturms. Nach langer Corona-Pause klingen "Halalis" und Märsche wieder durch den Wald. Wer in der Nähe ist, kann auch der "Goetheturm-Fanfare" lauschen, die zur Öffnung des neuen Turms im Oktober gespielt wird.

Signal kündet "Der Hirsch ist tot"

Drei Frauen und sechs Männer stehen mit großem Abstand voneinander entfernt im Garten vor alten Kastanien, einem Gingko-Baum, einer Tanne und vor ihren Notenständern und blasen ins Horn. Vor ihnen steht der Dirigent Jaroslav Micka und zählt: "Eins, zwei, drei, vier. Jetzt kurz." Füllig-warm, ein wenig dumpf und kräftig bis hell tönen die kreisrunden Messinginstrumente durch den Stadtwald. Man sieht die Spielergruppe kaum vor dem dunklen Holz des Vereinshauses des Sachsenhäuser Jagdklubs und im Wald kann der Gedanke aufkommen, dass zur Jagd geblasen wird. "Hirsch tot", sagt Micka knapp und es geht weiter mit "papapa papa papapabam".

Konzentriert spielen die Frauen und Männer in den Sonnenuntergang. Mischlingshund Max, der zum ersten Mal dabei ist, lauscht den Tönen aufmerksam und schnuppert an den stillstehenden Beinen der Bläser, die ihrem klassischen Fürst-Pless-Horn, Ventilhorn oder Parforcehorn harmonische Töne entlocken.

"Wir sind angefragt worden, zur Eröffnung des Goetheturms zu spielen", verrät der Vereinsvorsitzende David Hänsel in Jeans und olivefarbenem Polohemd nicht ohne Stolz. Seit gut 30 Jahren bestreiten sie an jedem 1. Januar das "Neujahrsblasen am Goetheturm".

Am 12. Oktober 2017 brannte das 1931 erbaute hölzerne Wahrzeichen und das Lieblingsausflugziel vieler Frankfurter komplett ab. Die Musik blieb. "Ein schlimmes Gefühl", beschreibt es Hänsel. "Auch oder obwohl mehr als 200 Leute am 1. Januar darauf kamen." Darum habe er nach dem Brand die Goetheturm-Fanfare geschrieben. "Um sich zu erinnern, um für den Wiederaufbau zu kämpfen und um sich gegen das Böse zu stellen", sagt er und meint den Brandstifter, der bis heute nicht gefunden wurde. "Es ist so schön, dass er wieder aufgebaut wurde. Das Leuchten hinter den Baumwipfeln ist großartig, wenn man auf den Berg zum Stadtwald kommt." Immer wieder proben die Männer und Frauen die Fanfare. Mit dabei ist auch Oliver Stör, der Bläserobmann des Jagdklubs St. Hubertus Offenbach. Er selbst ist kein Jäger, aber voller Begeisterung bei den Jagdhornbläsern. "Natürlich unterstützen wir uns gegenseitig", sagt er. "Brauchtum ist mir wichtig."

Bläser haben gute Lungen

Seit den Corona-Lockerungen mit möglichen Treffen bis zu zehn Personen spielen die Bläser sie im Klubgarten, wenn es das Wetter zulässt. Mit den Lippen bringen sie die Luftsäulen zum Schwingen und entlocken den Blasinstrumenten so ihre Töne. "Bläser sind gut in der Lunge", sagt Stör lachend. "Entweder sie haben sehr hohes Lungenvolumen oder sie machen es wie die australischen Didgeridoo-Spieler mit Zirkularatmung. Also gleichzeitigem Ein- und Ausatmen. Das Zwerchfell hat da ganz schön zu tun."

Ein Polizeiwagen fährt vorbei, stoppt kurz und fährt ganz langsam weiter. Die Fenster sind offen, der Beifahrer nickt zustimmend. Fußgänger bleiben staunend stehen und lauschen lächelnd den Spielern, während sich die Sonne immer weiter senkt.

Fledermäuse huschen auf der Jagd nach Insekten am Vereinshaus vorbei, während die Gruppe die Goetheturm-Fanfare spielt. Die Klänge des Liedes beschreiben zunächst den Weg durch den Stadtwald bis zum Goetheturm. Dann folgt der anstrengende Aufstieg über 196 Stufen bis ganz hinauf zur Kanzel - inklusive kleiner Verschnaufpausen. Höhepunkt ist der weite Ausblick vom geliebten Turm. Die Jagdhornbläser können es kaum erwarten, mit dabei zu sein und ihre besondere Fanfare auf dem neuen Turm statt vor Brandresten zu spielen. Noch ist es einige Zeit bis dahin. Die Monate werden genutzt beim wöchentlichen Treffen und Blasen.

Nach der Probe wird geschwärmt vom Anblick des neuen Goetheturms. Die Eröffnung des neuen Goetheturms für alle Frankfurter wird am Wochenende vom 10. und 11. Oktober gefeiert. Die Vorfreude bei den Bläsern ist groß. Das merken auch Passanten, die zuhören. Ein Rennradfahrer bremst abrupt ab, lauscht und ruft: "Ihr spielt alle so schön." Zu neunt blasen die Vereinsmitglieder die Melodie weiter. Ihre Augen lächeln dabei.

SABINE SCHRAMEK

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