Großes Format mit kleinen Punkten: Sigrid Fischer macht ihren Kiosk auch zum Atelier für die eigene Kunst.
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Großes Format mit kleinen Punkten: Sigrid Fischer macht ihren Kiosk auch zum Atelier für die eigene Kunst.

Sachsenhäuser Kult-Laden

Sachsenhausen Der Kiosk mit Klamotten, Kunst und Katzenfotos

  • vonSabine Schramek
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Im Kiosk von Sigrid Fischer wird der Traum von der großen, weiten Welt neben Zeitschriften und Lotto wahr

Ein Leben ohne Kunst und Katze kann sich Sigrid Fischer nicht vorstellen. Seit 24 Jahren betreibt sie einen kleinen, feinen Kiosk in der Schweizer Straße 82. Dort gibt es nicht nur Zeitungen, Tabak, Schnaps und Lotto, sondern auch ganz viel Selbstgemachtes.

Wer nicht aufpasst, läuft daran vorbei. An dem Schaufenster, das mit handgestrickten Socken, Manschettenknöpfen, einer Zuckerdose aus Porzellan, historischen Zeitungsmagazinen und mit jeder Menge kleiner Steine, die mit Herzen und Punkten bemalt sind, dekoriert ist. Ein Kleiderständer zwischen Schaufenster und Laden verrät nicht, dass sich dahinter ein Kiosk voller Träume verbirgt.

Seit 1996 betreibt Sigrid Fischer (65) den kleinen Laden. Der Ort, an dem sie die meiste Zeit verbringt, ist ein Spiegel ihrer Träume. "Ich wollte ursprünglich Kunst studieren, aber das hat irgendwie nicht geklappt", sagt sie lachend. "Trotzdem gibt es nichts, das ich in die Hand bekomme, was ich nicht bemale."

Ein Schachspiel wie das Mittelmeer

In Regalen, auf der Theke und an den Wänden stehen und hängen ihre Kunstwerke. "Irgendwann habe ich angefangen, meine Sachen hier aufzuhängen", sagt sie mit Blick auf Schachteln, Gläser, Steine und Bilder, die voller australischer Aborigines-Motive in Grün-Blau-Tönen leuchten. Ihr Lieblingsbild ist das Motiv eines Schachspiels von der griechischen Insel Mykonos, das sie in Mittelmeerfarben à la Aborigines gemalt hat. Fotos aus Kuba hat sie von Freunden bekommen. Das Che-Guevera-Plakat an der Tür vom Hinterausgang hat sie vor 18 Jahren aus Heidelberg mitgebracht.

Kinderstuhl und Eintracht-Schilder

In einem Regal hoch über den Zigarettenfächern steht eine große Figur aus Pappmaché mit Zigarette im Mund und blickt auf die Kunden herab. "Das ist der Fernsehmoderator Jean Pütz", erklärt sie. "Kinder haben ihm die Zigarette aus dem Mund gebrochen, die habe ich dann wieder angeklebt. Und er passt prima in den Kiosk." Die Katzen auf Bildern, Marienkäfer auf kleinen Steinen und die Eule auf einem kunterbunt bemalten Kinderstuhl leuchten im Kiosk um die Wette mit Eintracht-Schildern.

Eine dicke Maus, die sie aus eng gefalteten Buchseiten penibel gebastelt hat, kann als Halter für Visitenkarten genutzt werden. Spiralförmige Bäume aus gefaltetem und gepresstem Zeitungspapier stehen aufrecht wie der Goetheturm neben Schalen und Körben aus ebenfalls fest gerolltem Papier. Schneider zuckt mit den Schultern. "Ich muss einfach etwas machen. Gerade habe ich eine kreative Pause und bemale nur Steine und Senfgläser." Bei den ersten Übungen, die eng gefalteten und gerollten Papierstreifen zu kleben, hat sie sich Verbrennungen zugezogen. "Ich bin Autodidaktin, da lernt man schnell aus Fehlern", meint die Frau mit funkelnden Augen.

Ursprünglich hat sie mit Tusche gezeichnet. Eine Ausstellung mit ihren frühen Werken hat sie ebenfalls gemacht. "Damals, als ich noch Bedienung war." 20 Jahre lang hat sie im ehemaligen Globetrotter gearbeitet, bis die legendäre Jazz- und Szenekneipe 1986 in der Schifferstraße geschlossen hat. Später hat sie - ebenfalls mit Tusche - die zwölf chinesischen Tierkreiszeichen gemalt, inklusive handschriftlichem Horoskop in Minischrift auf Großformat. "Pro Stück habe ich länger als eine Woche dazu gebraucht. Wenn ich mich verschrieben habe, musste ich komplett neu anfangen", erinnert sie sich. Postkarten mit den Charakterzügen und Tierzeichnungen verkauft sie ebenfalls. "So viel Geduld wie damals habe ich heute nicht mehr. Jetzt bin ich auf dem Aborigines-Trip mit vielen Punkten und Formen."

Kunden, die den Kiosk betreten, staunen. Sie schmökern in Second Hand Büchern, alten Asterix-Heften, Vintage Klamotten, Zeitungen, Zeitschriften und Kunst. Fischer erzählt geduldig Details zu jedem Stück. "Es ist mein zweites Zuhause hier", sagt sie und scherzt mit ihren Kunden, die sich sichtlich wohlfühlen, über das Gestern, Heute und Morgen. "Für Urlaub reicht es seit 14 Jahren nicht", sagt sie ohne jeden Groll. Fischer lacht viel und herzlich. "Auch wenn es nicht immer ganz leicht fällt", meint sie augenzwinkernd. Sie selbst war nie in Australien, auf Kuba oder in Argentinien. "Dafür haben mein Mann und ich einen Dackelmix, eine Maine-Coon-Katze, den Kiosk, Kunst und jede Menge Träume." sabine schramek

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