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Mesut Sertas musste an diesem Tag seinen Bäckerladen an der Elisabethenstraße abgeben.

Einzelhandel leidet

Frankfurter Elisabethenstraße: Die Baustelle und ihre spürbaren Nachwirkungen

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Anderthalb Jahre war die Elisabethenstraße eine Baustelle. Viele Geschäfte mussten mit Einbußen von über 40 Prozent kämpfen. Seit November ist die Straße frei, doch von einer schönen Einkaufsstraße fehlt jede Spur.

Frankfurt - Mesut Sertas müsste eigentlich zum Amt, sein Gewerbe abmelden. Aber von der Elisabethenstraße kommt der kräftige Mann mit den weißen Härchen im Bart nicht so recht los. Vor seinem leergeräumten Geschäft trifft er noch eine Stammkundin, die jeden Tag bei Sertas ihre Brötchen geholt hatte. Sie schaut traurig durch die geputzten Schaufensterscheiben in den Raum, in dem Theke, Kaffeemaschine und Brotregal fehlen. Bei „Bettis Lottoladen“, direkt an der Bushaltestelle, hat Sertas schon einen Abschiedskaffee getrunken, doch er will noch rüber zur Wäscherei der Familie Yozgat. Man wird sich umarmen, sich lange an den Schultern festhalten und auf die Stadt schimpfen.

Am Ende stand Insolvenz

Dass Sertas seinen Bäckerladen aufgeben muss, das sei vorab gesagt, liegt nicht nur an der Baustelle, die die Elisabethenstraße von Sommer 2017 bis vergangenen November lahm legte. Sein Vermieter hat ihm auch gekündigt. Dennoch habe die Bauphase Sertas über 40 000 Euro Schulden eingebrockt, sagt er. Die Kunden seien weg geblieben. „Mir blieb nichts anderes übrig als Insolvenz anzumelden.“

Von der Baustelle hat sich auch „Bettis Lottoladen“ noch nicht erholt. 70 Prozent Umsatzeinbußen habe man hinnehmen müssen, sagt die Inhaberin Elisabetta Divito. Nur 110 Euro sei an manchen Tagen in ihre Kioskkasse geflossen. Auch sie habe darüber nachgedacht zu schließen.„Keiner hat damals etwas für uns gemacht“, sagt sie, und mit „keiner“ meint sie die Stadt.

Mehr Unterstützung hätte sie sich erhofft. Mit Geld? Ja, aber nicht nur. Auch beim Leben mit der Baustelle. Den Bauarbeitern habe sie hinterher rennen müssen, damit man ihr ein Brett über das Loch vor der Eingangstür legt oder die Lücke vor der Fassade schließt.

Nicht alle Geschäfte in der Elisabethenstraße hat die Baustelle so hart getroffen. Die Druckerei macht den größten Teil ihres Umsatzes ohnehin über das Internet. Das Reisebüro hat während der Bauphase mit seinen Kunden eben per E-Mail kommuniziert, sagt Inhaberin Marcelina Strobach. „Getroffen hat es viele Geschäfte hier.“ Für den Lottoladen sei die Situation etwas besser geworden, seit die Straße wieder geöffnet ist, sagt Divito. Aber ein großer Teil der Kundschaft sei nicht zurückgekehrt. „Die Leute suchen sich neue Wege, trinken ihren Kaffee woanders und kaufen dann dort auch ihre Zigaretten.“ Von der versprochenen Einkaufsstraße, die die Straße zwischen Alt-Sachs und dem Brückenviertel belebt, ist noch nichts zu spüren.

„Es ist eher schlechter geworden“, sagen Suat Yozgat und seine Frau von der Wäscherei gegenüber. Nicht nur, dass sein Laden praktisch die gesamte Stammkundschaft verloren hat. Parkplätze seien auch weggefallen. „Wenn doch mal ein Kunde wiederkommt, erhält er gleich einen Strafzettel, wenn er bei uns vor der Tür hält.“

Neues Konzept

Familie Yozgat hat zwei Mitarbeiter entlassen und ihre Wäscherei umgekrempelt, um sich anzupassen. Mit Schneidereien im Rhein-Main-Gebiet kooperiere man nun. Die nehmen die dreckigen Sachen an, Yozgat holt sie ab, wäscht sie und bringt sie wieder zurück. „Das ist mehr Arbeit für weniger Geld.“Da kommt Sertas in die Wäscherei, um „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Umarmung, festhalten, traurige Blicke. Vielleicht verwandelt sich die Elisabethenstraße im Frühling doch noch zu einer Bummelmeile? Yozgats Frau hält das für ausgeschlossen. „Hier gibt es doch fast nur Kioske. Wer geht denn da einkaufen?“ Nicht mal einen Bäcker gibt es mehr.

Kommentar von Friedrich Reinhardt: Der Bau-Kümmerer

Straßen müssen saniert werden, keine Frage. Und die Elisabethenstraße hatte eine Schönheitskur nötig, sagen auch die Gewerbetreibenden dort. Wie man so eine Baustelle aber führt, kann für kleine Geschäfte über Leben und Pleite entscheiden. In Frankfurt gibt es an anderer Stelle schon ein Konzept, das hier helfen könnte: der „Kümmerer“. Alt-Sachsenhausen hat einen, die Berger Straße bekommt ihn bald und auch Baustellen sollten einen haben. Er hätte ein Ohr für die Bedürfnisse der Anwohner und könnte eventuell kleine Arbeitsschritte auf der Baustelle daran anpassen. Manchmal braucht es nur ein Brett vor dem Eingang, damit die Stammkundin mit dem Rollator in den Laden kommt. Die Geschäfte kämen besser durch die oft langen Bauphasen, die Straßen wären danach noch so lebendig wie vorher und vor allem: Anwohner würden sich der Stadt nicht ausgeliefert fühlen. Der „Kümmerer“ wäre auch gut für die Bauarbeiter. Statt von verzweifelten Geschäftsleuten angemotzt zu werden, könnte man beim Bäcker darüber reden, wie schön die neue Straße einmal werden wird.

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