Freuen sich auf den Moment, wenn sich die Tür wieder für alle öffnet: Intendant und Gründer Alexander Beck (Mitte), Sabrina Faber und Jan Oeter Nowak.
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Freuen sich auf den Moment, wenn sich die Tür wieder für alle öffnet: Intendant und Gründer Alexander Beck (Mitte), Sabrina Faber und Jan Oeter Nowak.

Platz für 20 Besucher

Sachsenhausen: Kleinstes Theater startet groß durch

  • VonSabine Schramek
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In der Brückenstraße wird das Programm wieder aufgenommen.

Klitzeklein ist das Theater Alte Brücke schon seit seinem Start im Jahr 2015. Genau 50 Besucher konnten bis Corona amerikanische Theaterstücke, Stegreif-Musicals und Mundart-Volkstheater hier genießen. Nach den Herbstferien soll es wieder mit neuer Bühne und Platz für 20 Zuschauer losgehen. Der genaue Termin steht noch nicht fest. Theatermacher Alexander Beck freut sich dennoch - auch wenn sich der Betrieb finanziell nicht lohnt.

Lebenstraum ging in Erfüllung

Vor fünf Jahren erfüllt sich Alexander Beck (47) einen Lebenstraum in der Kleinen Brückenstraße. Es begann mit der A-Cappella-Revue "Der Spion, der mich nicht liebte" aus den 50er Jahren. Seither gilt das "Theater Alte Brücke" als Geheimtipp. Beck und seine Schauspielkollegen sammelten Pennies und Euro mit ihrer Kunst. Mit Corona war damit Schluss. Das "kleinste Off-Broadway-Theater der Welt", wie Beck sein kuscheliges Theater mit bordeauxroten Tapeten voller goldener Blumen, Fotos und Broadway-Programmheften nennt, musste schließen. "Es war ein richtiger Schlag und Schock für uns", sagt Beck. "Vor allem für die Schauspieler."

Beck sitzt in einem roten, weichen Sessel auf der Bühne. Kein schwarzer Vorhang hängt an der Bühne, Kisten voller Requisiten überall und silbrige Traversen und Rohre auf dem dunklen Boden. An der Decke hängen still die Ventilatoren, die bis Corona für Frischluft gesorgt haben. Beck grinst. "Wir lassen uns nicht unterkriegen. Jetzt erst recht", ist er überzeugt. Während seine Schauspieler in Supermärkten Regale einräumen oder das Tragen von Masken der Kunden kontrollieren oder in ihre Ausbildungsberufe wie Frisör zum Überleben ausweichen, hat er keine Ruhe gegeben. "Wie weit muss man gehen, um zu überleben?", fragt er sich. "Wir machen Kultur, und die steht auf dem zweiten oder dritten Platz des Bruttosozialproduktes. Aber Künstler bekommen keine Soforthilfe."

Für das Theater Alte Brücke lief es besser. Eine "kleine Förderung der Stadt" zahlt die Miete. Soforthilfe konnte er für das Theater ebenfalls beantragen. Fans und Freunde haben pausenlos unterstützt mit Spenden und dem Kauf von Gutscheinen für die Zeit nach Corona. "Das ist für die Schauspieler eine kleine Corona-Gage. Die Leute sind so toll. In schlechten Zeiten sieht man, was man den Menschen wert ist. Einer spendet sogar jeden Monat 30 Euro und sagt, dass er das Geld sonst hier im Theater ohnehin ausgegeben hätte. Das berührt uns sehr." Durch eine Förderung vom Land Hessen konnte Beck in die Neueröffnung investieren. "In eine neue Bühne und in eine Klimaanlage mit ganz neuartigen Filtern. Das rettet uns wahrscheinlich", sagt er erleichtert.

Sein Glück sei, dass die Arbeit hier im Theater eine freiwillige sei. "Wir machen alles selber. Die Bar, die Bühne, die Kostüme, die Technik und die Maske. Das sind alles Berufe, in denen es keine Soforthilfe gibt." Er selbst hat auch viele Aufträge für Regie und als Schauspieler verloren, weil alles wegen Corona abgesagt werden musste. "Ich kann davon zwar nichts geltend machen, habe aber das Glück, dass ich keine Angestellten bezahlen muss. Auch mit dem Rücken an der Wand muss man eben beweglich bleiben." Er atmet tief ein und überspielt den Druck mit einem Zitat von Badesalz: "Wir müssen nur flexibel sein, drum trinkt die Welt auch Äppelwein." Seit der Schließung rödelt Beck fast rund um die Uhr. Das Team hat Livestreams über Facebook gemacht und arbeitet jetzt auch an einem digitalen Bezahlkonzept für die Stücke, die sie in Zukunft auf der Bühne aufführen wollen. Auch ein Podcast ist in Planung. Und ein Kalender für 2021. "Der Erlös von Spenden und Verkauf geht ans Theater und die Schauspieler wegen der Umsatzausfälle", plant er.

Los geht's mit 20 Besuchern

Wenn er wieder öffnet, wird die Bühne größer sein, die Luft perfekt, die Schauspieler weniger wegen der Abstandsregeln und im Publikum zunächst Platz für 20 statt 50 Zuschauer. "So schaffen wir es vielleicht, bis wieder 50 Gäste kommen können."

Beck, der im Brückenviertel groß geworden ist, denkt an die Vergangenheit des Theaters. "Hier war eine Wäscherei drinnen, für die mein Vater Wäsche ausgefahren hat. Danach ein Metzger. Und dann ein Fotostudio. Für mich ist das Theater das Wohnzimmer von Sachsenhausen. Hier geht es weiter. Und im Dezember machen wir eine kleine Gala, weil wir im Mai das fünfjährige Bestehen nicht feiern konnten. Ich suche noch nach einer passenden Location für die schönste Abstandsparty des Jahres." SABINE SCHRAMEK

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