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Sachsenhausen: Wie sich ein Stadtteil verändert

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Von: Dieter Sattler

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Vergangene Zeiten an der Ecke Textorstraße/Schweizer Straße: Sowohl den Mexikaner (r.) als auch die Apotheke gegenüber gibt es nicht mehr. © Rainer Rueffer

Sachsenhausen ist ständig im Wandel. FNP-Redakteur Dieter Sattler, seit 20 Jahren Sachsenhäuser, schreibt über Vergangenes und Neues.

Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, es muss in meiner frühen Kindheit gewesen sein. Damals schloss die Reinigung, in die meine Mutter die Bettwäsche zum „Mangeln“ brachte, was auch immer das war. Als Bankerin hatte sie weniger Zeit als die anderen Frauen in der Nachbarschaft, die meist zu Hause waren. Immer wenn ich an dem eine Zeit lang leerstehenden Ladenlokal vorbeiging, schaute ich traurig in die Fenster. Ich hatte später leider noch oft „Gelegenheit“ dazu, denn alle Geschäfte, die hier eröffneten, machten schon bald wieder zu. Es gibt solche unglücklichen Ecken.

Dieses Mitgefühl, wenn ein Laden schloss, und damit vielleicht ein mit viel Hoffnung begonnenes Lebens-Projekt scheiterte, hat mich auch als Erwachsenen nie losgelassen. Wenn ich heute durch Sachsenhausen laufe, wo ich seit gut 20 Jahren wohne, freue ich mich an all dem Gewohnten und auch an vielem Neuen. Aber ich hänge auch Erinnerungen an früher gern besuchte Läden und Restaurants nach, die es nicht mehr gibt.

So vermisse ich den alten Schuster in der Textorstraße, der vor einigen Jahren gestorben ist. Im Sommer, wenn die Ladentüre offen stand, hörte man ihn immer mit Kunden plaudern, gegen Ende leider oft über Krankheit. Noch heute habe ich die alten Lieblingsstiefel, die er nach zweifelndem Anfangsblick („das wird schwer“) immer wieder mit viel Handwerkskunst „retten“ konnte. Der Laden steht seit 2015 leer.

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Dieter Sattler

Ich vermisse auch das französische Restaurant in der Textorstraße, das zum Glück nur in Richtung Alt-Sachsenhausen umgezogen ist und einer Kellerbar Platz gemacht hat. Wegen ihrer merkwürdigen Öffnungszeiten weiß man gar nicht so genau, ob sie noch existiert. Der Müll an der Tür spricht dagegen. Ähnlich verhält es sich mit dem Lokal in der Nähe, an dessen Tür ein Schild auf eine eigentlich schon längst abgelaufene Urlaubszeit hinweist – oft ein Zeichen dafür, dass es eigentlich schon vorbei ist, die Inhaber das Scheitern aber schamhaft verschweigen.

Das rustikale Frankfurter Lokal, das vorher dort war, lief besser, die Nachbarn saßen im Sommer gerne draußen. Das hatte so etwas Dörfliches. Die Kneipe musste aber wegen Krankheit aufgegeben werden.

Ich vermisse auch das Zeitschriftengeschäft nahe des Textorbades, wo man noch samstags bis zum Abend seinen Lottoschein abgeben konnte. Der Zeitungsstand war der beste in der ganzen Stadt. Hier konnte man wunderbar die Schlagzeilen der nationalen und internationalen Presse studieren.

Späte Reue

Apropos Textorbad: Als es fast ein Jahrzehnt renoviert wurde, klagte ich oft darüber. Seitdem es wieder eröffnete, war ich genau dreimal dort. Das schaffte ein Freund allein an einem längeren Besuchswochenende zur Buchmesse. Er wunderte sich, dass ich dieses Geschenk um die Ecke so selten nutze, wo ich doch andererseits ein Hotel auch danach auswähle, ob es ein Hallenbad hat. Verrückt!

Ich vermisse auch den Einkaufskiosk in der Diesterwegstraße, wo man am Sonntag Dosensuppen, Spaghetti, günstigen Rotwein, Kaffee und sogar Toilettenpapier kaufen konnte. Neulich sah ich den Betreiber zufällig in der Straßenbahn. Ich hätte ihm zu gerne gesagt, dass ich seinen Kiosk vermisse, aber er war in Gesellschaft. Die Reste des einstigen Kiosks sind in der Straße immer noch zu sehen.

Ich vermisse auch den Bio-Laden in der Stegstraße, den die Frau eines Tenniskumpels betrieb. Leider war ich zu selten dort – er liegt nicht auf meinem Laufweg. Immerhin gibt es jetzt dort ein ähnliches Geschäft. Doch immer, wenn ich vorbeikomme, denke ich, dass ich öfters hätte hier einkaufen müssen. Von Gelegenheitskunden wie mir konnte der Laden sicher nicht leben. Jetzt kommt die Reue zu spät.

Das Gewissen plagte mich nicht, als mein Optiker auf der Schweizer schloss. Ich habe meine letzten drei Brillen dort gekauft und einen Satz Kontaktlinsen, die ich nie trug. Der Inhaber klagte zwar am Ende über die zunehmende Konkurrenz durchs Internet und Kunden, die sich hier alles zeigen ließen, dann aber dort billiger kauften, ging aber nicht in Konkurs, sondern ordentlich in Rente. Aber ich vermisse ihn. Ebenso wie ein paar Häuser weiter an der Ecke Textor/Schweizer die mexikanische Bar, wo sich halb Sachsenhausen zum Eintracht-Gucken traf. Ich liebte vor allem den feurigen Bohneneintopf, den es hier gab. Als ich vor knapp zwei Jahren von einem Kurzurlaub zurückkam, sah ich das Schild „Geschlossen“ und war wie vom Donner gerührt. Eigentlich hatte der Laden gebrummt, die Umstände des Endes sind bis heute dubios. Vom Betreiber habe ich nie mehr etwas gesehen oder gehört. Ganz anders bei zwei weiteren Pleitiers aus Sachsenhausen, die man noch heute im Viertel sieht. Der eine wirkt immer noch ganz munter, der andere wie ein gebrochener Mann.

Plötzlich wieder zu

Aufgegeben wurde leider auch jenes italienische Lokal auf der Schweizer, das die Schwester eines ehemaligen FSV-Vizepräsidenten betrieb. Es schloss ohne jede Ankündigung. Und das Café im neuen Wohnblock in meiner Straße, in das ich mal wollte, hat auch schon wieder dichtgemacht: nach einem halben Jahr.

Aber es gibt auch Erfolgsgeschichten wie den Friseur auf der Schweizer, der sich im vergangenen Jahr selbstständig gemacht hat. Er zahlt dafür einen hohen Preis. Denn man sieht ihn sechs Tage in der Woche, manchmal bis zehn Uhr abends im Laden stehen. Aber es macht ihm Spaß, sein eigener Herr zu sein. Auch gegenüber tut sich endlich was: Dort, wo einst eine Apotheke und dann jahrelanger Leerstand war, öffnet demnächst wieder ein neues Geschäft. Freuen darf man sich auch mit dem pfiffigen Vietnamesen gegenüber, der einen Leerstand nutzt und seinen Imbiss zum Restaurant erweitert.

Am Ende noch etwas Trauriges: Mein Lieblingsrestaurant in Sachsenhausen hat mit einer umfangreichen Renovierung seinen alten Charme verloren. Die behagliche Atmosphäre, die allen Freunden sehr gefallen hat, ist 0815-Ambiente gewichen, und ich fühle mich jetzt ein wenig heimatlos. Zum Glück hatte ich am letzten Tag vor dem Umbau noch Fotos vom alten Interieur gemacht. Ich hatte so etwas geahnt. Aber das Restaurant läuft weiter gut. Es gibt genug Menschen, die den modernen Chic mögen. Um diesen Laden muss ich mir keine Sorgen machen. Dafür ist es beim Italiener, an dem ich auf dem Nachhauseweg vorbeikomme, fast jeden Abend verdächtig leer.

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