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Literatur

Sachsenhausen: Von Liebenden, Ladenhütern und einem Klopapiermord

  • vonBrigitte Degelmann
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Theaterlehrer und Schauspieler legt Sammlung mit 80 Texten in Zeiten von Corona vor.

Geschrieben, sagt Gerd Müller-Droste, habe er eigentlich immer wieder mal. Meist jedoch Sachtexte, etwa für ein Buch über Theaterpädagogik, das er einst mit herausgab. Doch dann kam die Corona-Pandemie. Und der 69-jährige Theatermacher und Pädagoge, sonst viel unterwegs, saß zu Hause in Sachsenhausen, blickte aus dem Fenster und staunte darüber, dass plötzlich wieder Kinder auf der Straße spielten: "Das habe ich jahrzehntelang nicht mehr gesehen. Und es hat mich an meine eigene Kindheit erinnert."

Gedichte und Geschichten

So begann der gebürtige Sauerländer damit, seine Gedanken und Reminiszenzen zu Papier zu bringen, in kurzen Geschichten. Vielleicht auch sensibilisiert durch eine Lungen-Operation, die er im vergangenen Jahr überstehen musste, weswegen er nun zur Risikogruppe zähle, sinniert er heute. Irgendwann kam ihm die Idee, diese und andere Texte mit anderen zu teilen: ein Buchprojekt zu starten, mit Gedichten und Geschichten über diese außergewöhnliche Zeit, um persönliche Erfahrungen und Wahrnehmungen festzuhalten.

Das ist ihm gelungen. "Liebende...auf Mindestabstand" ist das Buch betitelt, das jetzt vorliegt und am Montagabend in Schwalbach erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Es ist eine Sammlung von mehr als 80 Texten zur Corona-Pandemie, verfasst von rund 60 Autoren - hauptsächlich aus dem Rhein-Main-Gebiet, aber auch aus Nordrhein-Westfalen, Bayern, Österreich, Südtirol und sogar aus Spanien.

Amüsantes wie Norbert Preusches "Pilsken nur mit Mundschutz drauf", das nicht nur Kohlenpott-Fans erheitern dürfte, Nachdenkliches wie Erika Lützner-Lays Reflexionen über das Wort "Helden" und Satirisches wie "Der Klopapiermord" der Schreibgruppe "Gelnhäuser Blütenlese". Aber auch Märchenhaftes ist darin zu finden, ebenso eine witzige Kindergeschichte - ein Bilderbuch, das der Frankfurter Harald Körner gezeichnet hat, um das Phänomen Corona seinem kleinen Enkel zu erklären. Dazu gesellen sich Haikus und andere Gedichte, die gelegentlich an Heinz Ehrhardt erinnern, etwa Christian Knopfs "Vom Kassenschlager zum Ladenhüter": "Eins der Corona-knappen Güter/wird unverseh'ns zum Ladenhüter/und jeder weiß: Gemeint ist hier/nicht Kaviar. Nein! Klopapier."

Ein roter Mund grüßt den Leser

Unterstützt wurde Gerd Müller-Droste vom Schwalbacher Verein "Jamali Diversity", gegründet von seinem früheren Schüler, dem Fußballprofi Modjieb Jamali. Dieser warb ebenso für das Projekt wie der Kelkheimer Verleger Paul Pfeffer, der das Buch in seinem Verlag, der Edition Pauer, herausbrachte. Eine besondere Note verleihen dem Werk die Illustrationen des Frankfurter Künstlers Mike Kuhlmann. Nicht nur wegen der Zeichnungen auf den Seiten, sondern auch wegen des Titelbilds: Es zeigt einen tiefroten, fast schon schwärzlich schimmernden Mund mit vollen, aber leicht verzerrten Lippen - einerseits aufreizend, andererseits abschreckend. Genau diese Doppeldeutigkeit, diese Mischung aus Verlockung und Krankheit, habe man beabsichtigt, sagt Müller-Droste: "Das will verunsichern, schockieren, aber auch verführen."

Sein Plan: Er will einige der Geschichten in absehbarer Zeit auf die Bühne bringen, mit einer freien Theatergruppe im Rhein-Main-Gebiet. Schließlich blickt er auf eine jahrzehntelange Erfahrung zurück. Schon während er in den 1970er-Jahren in Marburg studierte - Germanistik, Theaterwissenschaften und Geschichte -, wirkte er als Schauspieler. Später trat er unter anderem beim Kabarett "Die Maininger" in Frankfurt auf, absolvierte aber auch ein Referendariat an der Carl-Schurz-Schule in Sachsenhausen.

In den Stadtteil habe er sich damals gleich verliebt, erinnert er sich, vor allem wegen der Jugendstilhäuser und der Apfelweinkneipen. So blieb er mit seiner Familie dort. Auch dann, als er sich zunächst in der hessischen Schul- und Jugendtheaterszene engagierte und schließlich, Anfang der 1990er-Jahre, eine Stelle als Theaterlehrer an der Albert-Einstein-Schule in Schwalbach antrat, wo er bis 2016 tätig war. Seitdem arbeitet er als freischaffender Regisseur, Theaterpädagoge - und jetzt eben auch als Buchautor. Brigitte Degelmann

Der Titel

Das Buch "Liebende... auf Mindestabstand", herausgegeben von Gerd Müller-Droste in Kooperation mit dem Verein "Jamali Diversity", ist in der Edition Pauer erschienen, umfasst 214 Seiten und kostet 14,80 Euro. Gefördert wurde es von der Taunus-Sparkasse Bad Homburg, der Naspa und dem Main-Taunus-Kreis.

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