Torsten Schiller, Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Schweizer Straße.
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Torsten Schiller, Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Schweizer Straße.

Geschäftsleben

Sachsenhausen: "Wir brauchen eine Wohlfühlatmosphäre"

Aktionsgemeinschaft-Schweizer-Straße-Chef Torsten Schiller plädiert für schnelle Umgestaltung der Einkaufsstraße samt des Platzes.

Torsten Schiller (79) setzt sich seit 2016 als Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Schweizer Straße (AGS) für die Belange der Geschäftstreibenden auf der Schweizer Straße ein. Die Planungen der Stadt zur Umgestaltung von Sachsenhausens wichtigster Einkaufsstraße sieht Schiller kritisch. Redakteurin Stefanie Wehr sprach mit ihm über Kettenläden, Gastronomie in der Krise und Stadtplanung, die nicht vorankommt.

Herr Schiller, warum sind Sie mit der Stadt und den Planungen zur Umgestaltung nicht glücklich? Es ist doch ein gutes Zeichen, dass es bald vorangehen soll?

Die Stadt will einen Wettbewerb ausrufen, den brauchen wir aber nicht. Das ist vergeudete Zeit. Die Ideen für die Schweizer Straße sind doch längst da. Die müssen endlich umgesetzt werden, am besten gestern! Meiner Meinung nach will die Politik mit einem neuerlichen Wettbewerb nur Zeit gewinnen. Das plötzliche Interesse des Planungsdezernenten Mike Josef und des Verkehrsdezernenten Klaus Oesterling scheint mir dem Wahlkampf geschuldet und droht, so befürchte ich, nach der anstehenden Wahl wieder in der Versenkung zu verschwinden.

Was braucht die Schweizer Straße am dringendsten?

Wir müssen was tun, um den Einzelhändlern in der Corona-Krise zu helfen. Sonst haben wir bald nur noch Döner-Imbisse und Kettenläden auf der Schweizer. Beides wollen wir nicht. Wir wollen das Alleinstellungsmerkmal der Schweizer Straße mit ihren inhabergeführten Geschäften erhalten und fortbilden. Es ist ganz wichtig, dass Geschäfte und Gastronomie bald wieder öffnen dürfen. Es ist nicht einzusehen, warum z.B. Apotheken, Drogerien und sogar ein Vollsortimenter wie Müller offen sein können, die Kleiderboutique aber nicht, obwohl sie auch ein überzeugendes Hygienekonzept hat. Auch sollten für die Gastronomie zur Vermeidung drohender Insolvenzen Öffnungsmöglichkeiten aufgezeigt werden, zumal ihr für das soziale Zusammenleben eine wesentliche Bedeutung zukommt. Das wird offensichtlich unterschätzt. Die Gastronomie soll deshalb auf der Schweizer Straße draußen mehr Platz bekommen.

Die Schweizer Straße als Flaniermeile mit Tischen und Stühlen auf dem Bürgersteig?

Nicht nur. Vor allem sollten wir den öffentlichen Raum, den wir haben, besser nutzen, so dass man sich etwa auf dem Schweizer Platz aufhalten kann, auch ohne zu konsumieren. Wir brauchen ein schöneres Pflaster auf dem Schweizer Platz, weg mit den Blumenkübeln, dem Schilderwald. Ich kann mir mobile Sitzbänke vorstellen. Wir brauchen eine Wohlfühlatmosphäre mit Ruhe-Inseln zum Verweilen. Aber ein Leihfahrrad-Parkplatz wie derzeit vor dem Fellini ist eine Schande und sollte unterbunden werden. Auch die Leihroller sind mir ein Dorn im Auge.

Der Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) schlägt vor, die Straßenbahn-Haltestelle wieder auf die Mitte des Schweizer Platzes zu verlegen. Fänden sie das gut?

Davon halte ich nichts. So war es früher, und es gab einen Grund, warum man davon abgekommen ist. Die jetzige Haltestellenanordnung ist durchaus sinnvoll. Aber die Platzmitte sollte schöner gestaltet und bepflanzt und Sitzmöglichkeiten geschaffen werden.

Was ist mit den Parkplätzen, die mit einer Umgestaltung und Verkehrsberuhigung wegfallen?

Wir haben genügend Parkplätze in den Nebenstraßen, da sehe ich kein Problem. Die Leute müssen eben bereit sein, 200 Meter weit zu gehen, anstatt direkt vor dem Laden zu parken.

An der Schweizer Straße ist es wahnsinnig ungemütlich wegen des vielen Autoverkehrs. Eine Fußgängerzone wäre auch möglich, hieß es vom Stadtplanungsamt. Was hielten Sie davon?

Von der Idee bin ich abgekommen. Man kann die Straße nicht ganz autofrei halten. Zudem besagen Studien, dass Fußgängerzonen out sind. Wichtig ist aber, dass die Schweizer Straße ruhiger wird, dass weniger Autos hier durchfahren. Für Fußgänger ist es gefährlich. Autofahrer missachten rote Fußgängerampeln, Radfahrer haben kaum Platz. Man müsste eine Seite frei halten für einen Radweg und das Parken nur auf einer Seite ermöglichen. Wir favorisieren eine Einbahnstraßenregelung (Fahrtrichtung vormittags stadtauswärts, nachmittags stadteinwärts). Das alles haben wir längst vorgeschlagen. Aber weder das SPD-Planungsdezernat noch das Verkehrsdezernat haben je auf unsere Vorschläge reagiert.

Der Ortsbeirat 5 will aktiv werden und die Sachsenhäuser Bürger mitbestimmen lassen. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung?

Ja, eine Bürgerbeteiligung ist sinnvoll. Es muss aber schnell gehen! Und wir müssen eine erneute Mainkai-Sperrung verhindern, die ja im Wahlkampf wieder - von genau den SPD-Dezernenten, die jetzt plötzlich ein Auge auf die Schweizer Straße geworfen haben - propagiert wird.

War die Sperrung des nördlichen Mainkais schädlich für die Geschäfte auf der Schweizer?

Und wie! Wir spüren jetzt noch die negativen Nachwirkungen. Der Pendlerverkehr rauschte hier durch die Schweizer Straße, die Luftqualität war schlecht wie noch nie, es stank nach Abgasen, ein Verweilen war unmöglich. Radfahrer wichen auf die Gehwege aus und störten Fußgänger. Bis wir dieses Negativ-Image wieder loswerden, das dauert lange.

Ist die Schweizer Straße jetzt weniger beliebt?

Wie müssen um jeden Kunden kämpfen. Viele ältere Leute etwa vom Lerchesberg haben ein Problem: Die Anbindung von dort oben ist ungenügend. Dort müsste ein Pendelbus eingesetzt werden, der zur Schweizer fährt, so dass auch junge Leute aufs Auto verzichten können. Zwar haben wir mit U-Bahn, Straßenbahn und dem Südbahnhof eine gute Anbindung, aber vom Sachsenhäuser Berg aus ist die Schweizer nicht gut zu erreichen. Darüber muss auch nachgedacht werden.

So könnte der Schweizer Platz, vom Südwesten aus gesehen, nach einem Umbau aussehen. Vorstellbar wäre es laut Verkehrsdezernat etwa, die Haltestelle der Straßenbahn auf die Mitte des Platzes zu verlegen.

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