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Der Höhepunkt einer überragenden Saison: Eintracht-Fans beim Pokalfinale im Berliner Olympiastadion

Interview mit Stephan von Ploetz

Das sagt ein Pädagoge und Fanprojektleiter über die Eintracht-Szene

Seit 18 Jahren ist Stephan von Ploetz beim Fanprojekt Frankfurt tätig und leitet dies seit Längerem. Der Pädagoge lässt im Gespräch mit FNP-Mitarbeiter Stefan Fritschi die Saison Revue passieren und hält einen Ausblick auf die kommende Spielzeit mit dem Höhepunkt Europapokal. Die Weltmeisterschaft, sagt der 52-Jährige, zieht die aktive SGE-Fanszene nicht in den Bann.

Herr von Ploetz, Eintracht Frankfurt erhielt diese Woche eine Geldstrafe über 86 000 Euro, aufgebrummt vom Deutschen Fußball-Bund wegen unsportlichen Verhaltens von Fans. Pyrotechnik, Rauchbomben, Schlägerei auf Schalker Tribüne und Spielverzögerung im eingeführten Montagsspiel – ist dies eine normale Saisonbilanz?

STEPHAN VON PLOETZ: Es ist nichts Außergewöhnliches passiert, wenn man das vergleicht, was in vergangener Zeit bei Eintracht-Spielen so alles passiert ist. Das Montagsspiel ist eher ein Lehrstück dafür, wie man mit Verantwortlichen eine solche Protestaktion kommuniziert. Das alles basiert auf gegenseitiger Rücksichtnahme. Sehr viele waren mit dem Protest zufrieden, auch die Verantwortlichen der Eintracht und die Spieler, und auch die Medien haben positiv darüber berichtet.

War die Protestform beim montäglichen Leipzig-Spiel nicht wegweisend für die kritische Fanszene? Dass man nicht alles hinnimmt, was in der Kommerzialisierungskultur Profifußball ausgetüftelt wird?

VON PLOETZ: Da es glücklicherweise ein Demonstrationsrecht gibt, ist es gut, wenn Fans dies kreativ wahrnehmen; dies ist nicht anders in der politischen Kultur, der mündige Staatsbürger wird sogar erwünscht. Viele Errungenschaften wie in erster Linie der Erhalt von Stehplätzen hätte es sonst nicht gegeben, dafür haben sich Fans schon in den 80ern eingesetzt. Durch Organisationsformen haben Fußballfans sich zu einer Größe entwickelt, sonst würde beispielsweise DFB-Präsident Grindel sich nicht mit ihnen unterhalten.

Mehr als fünf Montagsspiele wird es zumindest mittelfristig nicht geben. Allerdings ab nächster Spielzeit regelmäßig Montagsspiele in der 3. Liga. Viele Fans, die ins Stadion gehen, sind darüber enttäuscht. Wie tief ist der Graben zwischen ihnen und dem DFB/DFL?

VON PLOETZ: Hier stehen die Interessen der Fans auf der einen Seite und auf der anderen der Management-Gedanke nach mehr Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Dieses widersprüchliche Verhältnis ist in England ausgeprägter, dort verkaufen sogar Clubbesitzer Stadien.

Wie verhalten sich Fanprojekte in dieser vertrackten Situation?

VON PLOETZ: Fanprojekte sind, solange sie keine Gestaltungsmacht haben, nur Begleiter. Sie befinden sich in einer Zwischenwelt.

Wie sehr ist Widerstand und gar Gewalt in der Frankfurter Fanszene verbreitet und vernetzt? Gibt es Veränderungen im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten?

VON PLOETZ: Da gab es Aufs und Abs. Fest steht: Die regionalen Bezüge sind stärker geworden. Die Eintracht ist auch bekannter, attraktiver geworden und hat entsprechend Zulauf. Die Ultras sind gut organisiert, und vor 20 Jahren gab es noch keine Messenger-Services.

Die Fans der SG Eintracht bestätigten in dieser Saison ihre besondere Stellung hierzulande. Insbesondere mit den Protesten beim ersten vertraglich verankerten Montagsspiel und beim Pokalendspiel.

VON PLOETZ: Und ab September kommen noch sechs Europacupspiele hinzu. Alles, was mit dem Pokalendspiel zu tun hat, sticht heraus. Die wochenlangen Vorbereitungen, die Fahrt nach Berlin, die Choreographie, das Spiel, und dann noch der Sieg über die Bayern. Viele waren nach Spielende so ausgelaugt, dass sie gar nicht so richtig ausgelassen feiern konnten. Emotional wie körperlich war dies eine Grenzerfahrung – sicherlich eine positive, wie wenn man nach einer intensiven Sporteinheit nach Luft holt.

Nun geht es wieder auf Tour durch Europa. Ist das Interesse, ja die Lust auf solche Spiele ungebrochen in Frankfurt?

VON PLOETZ: Ja! Es wird auf jeden Fall drei phänomenale Heimspiele geben. Die Eintracht ist für Europa eine Bereicherung, höchstwahrscheinlich auch in sportlicher Hinsicht. Gute Stimmung, ausverkauftes Stadion, eben klassische Europapokal-Atmosphäre – die Fanszene der SGE ist ein „12. Mann“ der europäischen Extraklasse.

Vor fünf Jahren kamen Bordeaux und Porto der Eintracht entgegen und erhöhten das Gästekontingent, so konnten 12 000 respektive 7000 ins Stadion. Was passiert, wenn in kleinen Stadien in Nachbarländern wie Belgien, Niederlande, Schweiz und Österreich die Frankfurter auftauchen?

VON PLOETZ: Da wird dann Verhandlungsgeschick bei der Eintracht gefragt sein. Tel Aviv, Nikosia und Baku waren nicht so einfach erreichbar, deshalb war das Interesse auch nicht so immens. Einen Hype wird es nur geben, wenn auch die Fans die realistische Möglichkeit haben, ins Stadion zu kommen.

Drohen da nicht ähnliche Verhältnisse wie vergangene Saison in London bei Arsenal gegen Köln, als Zigtausende FC-Fans keine Eintrittskarten hatten und es zu Unruhen kam?

VON PLOETZ: Es ist bekannt, dass die SGE eine große, organisierte, lautstarke und reisefreudige Fanszene hat. Dies ist auch in der nächsten Saison zu erwarten.

Seit gestern rollt der Ball bei der Weltmeisterschaft in Russland. Deutsche Ultras zieht es dort nicht hin. Liegt es in erster Linie an der Abneigung gegenüber dem DFB?

VON PLOETZ: Es liegt vornehmlichen an den regionalen Bezügen, also zum Verein. Dieses Phänomen gibt es auch in Italien oder den Niederlanden. Starke Ultra-Szenen stehen in permanenter Konkurrenz zu anderen Ultra-Szenen, Freundschaften gibt es nur wenige. Bei den Hooligans war dies früher anders, da haben im Ligaalltag verfeindete Gruppierungen bei Europa- oder Weltmeisterschaften Allianzen gebildet.

Der Unterschied zwischen einem eingefleischten Fan eines Vereins und einem Fan der Nationalmannschaft ist also immens.

VON PLOETZ: Die DFB-Elf als Identifikationsmodell ist für Ultras zu unspezifisch. Ein Beispiel: Podolski und Wiese waren früher für Frankfurter mehr oder weniger Hassobjekte, warum sollten sie dann in der Nationalmannschaft unterstützt werden?

Hat Russland sein Hooligan-Problem in den Griff bekommen?

VON PLOETZ: Es wird ganz sicher keine anarchischen Szenen geben. Die russische Gesellschaft hat ein Interesse daran, dass Russland nicht ein schlechtes Bild abgibt bei der WM. Es geht um den Ruf, und deshalb kann nicht jeder machen, was er will.

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