Muhammad Sameer Murtaza zieht Vergleich mit der Geschichte des Christentums

Salafismus ist die Reformation des Islam

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Reform im Islam? Seit 250 Jahren ist dies Realität, glaubt man dem Islamwissenschaftler Dr. Muhammad Sameer Murtaza. Der Salafismus sei die islamische Reformation. Und wie die Reformation Luthers, Zwinglis, Calvins sei sie mit viel Blutvergießen verbunden – hier der Dreißigjährige Krieg, dort der „Islamische Staat“.

„Reformen in Religionsgemeinschaften dauern lange. Und sie sind furchtbar blutig.“ Dies sagt der Islamwissenschaftler Dr. Muhammad Sameer Murtaza (36). Der Forscher der Universität Mainz gehört als erster Muslim zur Stiftung Weltethos des katholischen Theologen Hans Küng (Tübingen). Murtaza wagt beim Informationsabend in der Moschee des Vereins Islamische Informations- und Serviceleistungen (I.I.S.) einen großen Wurf: Er referiert über 1400 Jahre Geschichte des Islam von Mohamed bis zur Gegenwart in Frankfurt. Etwa 60 Zuhörer sind gekommen, um ihm zu lauschen.

Murtaza betont: Die „Umma“, die Gemeinschaft der Gläubigen, braucht einen erneuerten Islam. „Es kann nicht so bleiben, dass der „IS“ unter Berufung auf den Islam Morde begeht, Moslems und Nichtmoslems tötet!“ Allerdings stehe diese Bewegung nicht außerhalb des Islam. „Es stimmt nicht, wenn wir sagen, das hat nichts mit dem Islam zu tun.“ Vielmehr seien der „IS“, Al Kaida und all die anderen Terrorbewegungen Teil – blutiger Teil – der islamischen Reformation.

Diese, führte Murtaza aus, läuft bereits seit 250 Jahren. Es ist der sogenannte Salafismus. Der Begriff bezeichnet eine Bewegung, die sich – wie die Protestanten um die Wende zur Neuzeit – auf die Schrift zurückbesonnen hat. „Sola scriptura“, nur die Schrift, leitete die Reformatoren um Luther an, und genau so wollten die Salafisten zurück zu den Wurzeln, zu Mohamed und den ersten 100 Jahren des Islam.

Vorangegangen, so Murtaza, waren 1000 Jahre moslemische Geschichte. Ein Goldenes Zeitalter der Gelehrsamkeit wurde im 13. Jahrhundert beendet durch Niederlagen: Das Reich von Cordoba wurde durch die spanischen Könige erobert, das Kalifat von Bagdad fiel unter den Hufen der mongolischen Pferde. Was der muslimischen Welt blieb, war ein Zeitalter der Stagnation. „Die Gelehrsamkeit wurde abgelöst durch stures Auswendiglernen.“ Etwa 500 Jahre war diese Strömung vorherrschend, dann begann mit Abd Al-Wahhab der Salafismus. Zurück zu den Wurzeln, zurück zum Koran, lautete sein Credo. Herausgekommen ist der Wahhabismus, eine wortgetreue Auslegung der Schrift. Bis hin zur Bekleidung geht es in dieser von Murtaza als „literalistische Salafiyya“ bezeichneten Richtung um eine Kopie des Lebens im siebten Jahrhundert. Die zweite Richtung des Salafismus nennt Murtaza reformistisch. Sie orientiert sich am Koran und den ersten Gläubigen, doch sie folgt dem Vorbild nicht sklavisch. „Der eigene Verstand wird nicht verteufelt, und grundsätzlich ist die Religion für den Menschen da, nicht umgekehrt.“ Die dritte Richtung ist die des ideologischen Salafismus, beispielsweise in den ägyptischen Muslimbrüdern ausgeprägt. Diese sehen im Islam ein System, das alle Fragen des Zusammenlebens klären kann. Als viertes schließlich gibt es die „literalistisch-ideologische Salafiyya“. Hier wird Gewalt als Mittel akzeptiert und sogar gefordert. Hier komme es darauf an, eine verderbte Welt zu zerstören, es komme darauf an, der Gemeinschaft einen Staat und einen neuen Kalifen zu geben, so erklärt es Murtaza.

Reform im Islam ist also Realität, eine blutige Realität. Murtaza bewertet wie alle Demokraten drei der vier salafistischen Richtungen negativ, lässt nur den reformistischen Salafismus gelten.

Seiner Meinung nach muss die Reformation weitergehen. Er fordert, dass in den Moscheegemeinden die Einheit in Vielfalt akzeptiert wird. „Es gibt verschiedene Richtungen, und keiner darf sagen, dass nur er Recht hat.“ Für diese Vielfalt gibt es jedoch Grenzen. Wer die Nächstenliebe verletzt oder eine Gefahr für die Gemeinschaft ist, muss notfalls ausgeschlossen werden. Schließlich fordert Murtaza von den Gläubigen die Anerkennung: „Islam ist Interpretation. Die verheerenden Folgen der wortwörtlichen Auslegung dürfen nicht länger geduldet werden!“

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