Wolfgang David, der Direktor des Archäologischen Museums, und Kuratorin Verena Smit vor dem Heiligen Grab. fotos: Holger menzel
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Wolfgang David, der Direktor des Archäologischen Museums, und Kuratorin Verena Smit vor dem Heiligen Grab.

Ausstellung

Sankt Leonhard: Im Glanze Heiliger Stätten

  • VonGernot Gottwals
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Archäologisches Museum Frankfurt gewährt einen neuen Blick auf 400 Jahre Kirchengeschichte

Frankfurt. Als es noch keine Hochhäuser gab, bestimmten in Frankfurt die Kirchtürme das Bild. Sankt Leonhard wies mit seinen an den Hauptturm der Grabeskirche zu Jerusalem erinnernden Chorflankentürmen den Pilgerweg ins Heilige Land, aber auch den Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Und im Innern des Gotteshauses stand ein monumentales Heiliges Grab für die Kirchenpracht des 16. Jahrhunderts.

Mehrmonatiges Puzzlespiel

In der Ausstellung "Im Glanze Heiliger Stätten. Sankt Leonhard in Frankfurt am Main" des Archäologischen Museums wagte sich der Kurator Thomas Flügen jetzt erstmals an den schwierigen Versuch, die erhaltenen Teile des Heiligen Grabs im Nordostteil der Kirche für die Annenkapelle des Karmeliterklosters zusammenzufügen - ein mehrmonatiges Puzzlespiel, Fragmente verschiedener Grabungen im Depot in der Borsigallee zu ergänzen.

Rund 80 Objekte aus dem 13. bis 16. Jahrhundert sind in der Schau zu sehen, darunter ein Faksimile der im Institut für Stadtgeschichte aufbewahrten 1219 ausgestellten Schenkungsurkunde von Kaiser Friedrich II., verschiedene architektonische Skizzen und Radierungen, Fragmente von Bodenfliesen und Glasfenstern, Figuren und Figurengruppen sowie Devotionalien an den Heiligen Leonhard, den Schutzpatron der Kirche seit 1323.

Zu den Exponaten gehören auch eine um 1430/40 entstandene Beweinungsgruppe mit der Gottesmutter und einem kopflosen Jünger, die aus über 60 Tonscherben zusammengesetzt wurde, und die Figur eines etwa zeitgleich entstandenen Atzmanns, ein stummer Diener in Gestalt eines Vorsängerpultes aus dem Chorraum. "Seit langer Zeit zeigt unsere Klosterkirche wieder christlichen Schmuck, sonst ist sie Hülle für ein Museum mit römischen Götterfiguren", merkt Museumsdirektor Wolfgang David an.

Nach der Säkularisierung des Karmeliterklosters 1803 wurden Teile an die nur etwa 100 Meter entfernte, Sankt Leonhardskirche überführt. Damit der mittelalterliche und frühneuzeitliche Kirchenschmuck aus Sankt Leonhard in der Annenkapelle der Klosterkirche gut zur Geltung kommt, wurde extra eine Trennwand entfernt. So bietet sich genügend Raum für das etwa fünf Meter hohe Heilige Grab, das so manche Überraschung bietet, wie die Kuratorin Verena Smit erläutert: "So ist Christus liegend mit offenen Augen und angespannten Muskeln dargestellt, als ob er seine Auferstehung jeden Moment erwartet."

Neben einem Engel und den drei Frauen, die am Ostersonntag zum Grab kommen, ist ein sprechendes Familienwappen mit Baumstumpf sehr hilfreich: "Es verweist auf Johannes Stotzel, den Verwalter der Baumaßnahmen von Sankt Leonhard, der das Ensemble um 1510/20 vermutlich als familiäres Grabmonument stiftete."

Dank erklärender Text- und Bildtafeln erfährt der Besucher einiges aus der Forschung zur Baugeschichte: "Friedrich II. schenkte den Frankfurter Bürgern 1219 als Ausgleich für einen verschobenen Kreuzzug das Grundstück für den Bau einer Kirche", ist Smit überzeugt. Er ließ sie der Gottesmutter und dem Heiligen Georg weihen, dem Schutzpatron der Kreuzfahrer. Da die Kirche zugleich eine Pilgerstation auf dem Jakobsweg war, erwarb das 1317 dort angesiedelte Kanonikerstift eine Armeliquie des Heiligen Leonhards, der in der Kirche Saint-Léonard-de-Noblat auf dem Jakobsweg begraben ist.

Zu sehen sind spätmittelalterliche Darstellungen mit dem später zerstörten Hauptturm der Jerusalemer Grabeskirche, der Sankt Leonhard als Vorbild diente. Bemerkenswert sind Putzfragmente, die die Linienstruktur eines Kettenhemdes zeigen, das zu einer gemalten Ritterfigur gehört haben könnte, vielleicht sogar zum Heiligen Georg. Zu den Devotionalien gehören Herzmuscheln von Jakobspilgern aus dem 13. Jahrhundert sowie Figürchen, Hufeisen und Miniaturanker zu Ehren des Heiligen Leonhard aus dem 14. Jahrhundert. Während die Restaurierung der Vorhalle von Sankt Leonhard weiter andauert, wird die Ausstellung vor ihrer Rückkehr dorthin etwa ein Jahr lang im Archäologischen Museum gezeigt, das coronabedingt frühestens an Pfingsten geöffnet werden könnte. Gernot Gottwals

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