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Schädel, Kopf und Keltenfürst

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Von: Sabine Schramek

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So hat er wohl mal ausgesehen. Liane Giemsch und die Büste des Keltenfürsten FOTO: enrico sauda
So hat er wohl mal ausgesehen. Liane Giemsch und die Büste des Keltenfürsten © sauda

Aufwendige Gesichtsrekonstruktion ist Teil der sehenswerten Sonderausstellung

INNENSTADT - Im Frankfurter Stadtwald gibt es etwa 360 Grabhügel aus der Bronze- und Eisenzeit. Beim Bau der A 661 wurde nicht nur der wohl größte Grabhügel in Oberrad gefunden, sondern auch das prächtigste Grab - inklusive Skelett. 50 Jahre später hat eine Rechtsmedizinerin seinen Kopf lebensecht rekonstruiert. Er ist Gegenstand der aktuellen Kelten Sonderausstellung des Archäologischen Museums Frankfurt, die noch bis Ende des Jahres gezeigt wird.

Blonde Haare, blaue Augen

Er war knapp 1,80 Meter groß, etwa 50 Jahre alt und hat viel Fleisch gegessen. Und er kam aus dem Vordertaunus, hatte blau-graue Augen und blonde Haare. Ein Schlüsselbeinbruch links hat ihm Schmerzen bereitet und viel Muskelkraft im linken Arm genommen. Muskulös und stark war er dennoch und er hatte Glück im Unglück - er war Rechtshänder. Und er war privilegiert und hoch angesehen. Ein Wagenfahrer und Fürst. Stolz blickt die Büste des Mannes mit dem kräftigen Kinn aus der Vitrine und guckt vorbei an seinem eigenen Skelett, das mit prächtigen Grabbeigaben einen Meter weiter liegt. Er lächelt wissend. Der „Fürst aus dem Stadtwald“ ist 700 vor Christus gestorben, doch er scheint fast lebendig.

Liane Giemsch, die Kustodin für prähistorische Archäologie im Museum in der Karmelitergasse erzählt so bildlich von dem Mann, der als eines der ältesten bekannten Zeugnisse aus der Bronze- und Eisenzeit im Rhein-Main-Gebiet zählt, als habe sie ihn persönlich gekannt. Beerdigt im Zentrum eines Hügelgrabes, das einen Durchmesser von etwa 40 Metern und eine Höhe von vier Metern hatte, umgeben von einer Einfriedung aus Eichenholz und 50 weiteren Gräbern bis in die späte Eisenzeit, wurde er 1966 bis 1967 im Zuge des Baus der A661 ausgegraben. Der Fürst und sein Grab zählen zu den bedeutendsten Funden Frankfurts. „50 Jahre später haben wir uns entschlossen, ihn einer wissenschaftlichen Neuuntersuchung mit modernsten naturwissenschaftlicher Verfahren zu unterziehen. Computertomographien, DNA-Analysen und eine forensische Gesichtsrekonstruktion gehörten dazu“, berichtet Giemsch.

Monatelang hat die Frankfurter Rechtsmedizinerin Constanze Niess sein Antlitz rekonstruiert. Davor hat die Anthropologin Carolin Röding von der Uni Tübingen jahrelang sein Gesicht als 3-D-Modell am PC aufgebaut. Das Schwierige war, so Giemsch, „dass seine linke Gesichtshälfte eingedrückt war. Vermutlich weil eine der Eichenbohlen der Einfriedung eingestürzt ist.“

So wurde das rechte Jochbein am Computer gespiegelt, nachdem Röding „ausschließlich digital“ den Schädel in minimale Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt hat. Fehlende Stellen wurden durch Referenzdaten anderer archäologischer Funde ergänzt. So penibel bis der Kopf so aussah, wie der Fürst selbst.

3-D-Modell, auf den Millimeter genau

Niess, die normalerweise für die Polizei zur Identifizierung von Toten rekonstruiert, hat das 3-D-Modell mit Millimeter genau abgemessenen Weichteilmarkern, die wie winzige Nadeln aussehen, die Muskulatur, Fettgewebe und Haut mit einer Art Plastilin aufgebaut. Als Forensikerin kann sie mit Studien anderer Funde genau errechnen, wie viel Fett- und Gewebeanteile wo hingehören.

„Im Alter ändern sich vor allem die Gesichtszüge durch Falten“, so Giemsch. „Das Gesicht des Fürsten ist jünger. So, wie er mit etwa 30 Jahren wohl ausgesehen hat.“

Weder Haar- noch Augenfarbe sind Zufall. DNA-Untersuchungen an Knochen, die Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der gerade mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurde, entdeckt hatte, haben es möglich gemacht. „Man dachte lange, dass DNA nur an Gewebe gefunden werden kann. Er hat herausgefunden, dass das Felsenbein, einer der drei Knochen, aus denen das Schläfenbein besteht, ein der höchsten Knochenmassen hat und DNA enthalten kann.“

Mit seinem Nachfolger arbeitet Giemsch an dem europaweiten Projekt „Iron Age Europe“, an dem 20 Institute und auch der Fürst mit dem Archäologischen Museum beteiligt sind.

Die DNA des Fürsten, der vor 2700 Jahren auf heutiger Oberräder Gemarkung beerdigt wurde, hat seine Haut-, Haar und Augenfarbe zutage gebracht. Nur eines ist noch nicht geklärt: Wo der Mann mit dem stolzen Blick gewohnt hat. Man weiß von etwa 360 Hügelgräbern im Stadtwald, die angelegt wurden, lange bevor dort Wald wuchs. Siedlungen sind bis heute noch nicht gefunden worden.

Bis zum 30. Oktober sind im Rahmen der Ausstellung „Kelten in Hessen?“ Nicht nur das Skelett des Fürsten mit den vielen Grabbeigaben aus Bronze, Eisen und Keramik, sein Schwert, Pferdegeschirre, Ohrreiniger und Messer sondern auch die Rekonstruktion des Schädels im Archäologischen Museum in der Karmelitergasse 1 zu sehen.

Von Römern und Germanen

Führungen durch die Ausstellung „Kelten in Hessen“, gibt es an diesem Sonntag, 16. Oktober, 14 Uhr, mit Janine Lieb und am folgenden Mittwoch, 19. Oktober, 17 Uhr, mit Sara Martin.Die Tour kostet 5 Euro. Hinzu kommt der Eintrittspreis.

An besagtem Mittwoch findet zudem um 18.30 Uhr der Vortrag „Alles Kelten und Germanen? Bevölkerungen und Traditionen im römischen Reich“ von und mit Carsten Wenzel, Kustos für Provinzialrömische Archäologie, statt. SABINE SCHRAMEK

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