"United Hostel"

Scharfe Kritik an Flüchtlingsunterkunft

  • vonChristian Scheh
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Im „United Hostel“ im Bahnhofsviertel sind etwa 160 Asylbewerber untergebracht. Aus dem Kreis der Flüchtlingshelfer und Bewohner wird jetzt scharfe Kritik an der Einrichtung laut. Die Schilderungen reichen von Tieren im Essen bis zu Prügeleien in den Zimmern.

Schlechtes Essen, zu kleine Zimmer, problematische Wohngruppen und immer wieder Prügeleien – was Jannis Plastargias über das „United Hostel“ im Bahnhofsviertel zu hören bekommt, erfüllt ihn mit Sorge. Der Flüchtlingsberater hat regelmäßig mit Bewohnern der Unterkunft in der Kaiserstraße 52 zu tun. Die „ständigen Beschwerden“ über die Einrichtung haben ihn dazu getrieben, sich privat an diese Zeitung zu wenden. „Meiner Ansicht nach dauert es nicht lange, bis die Situation da richtig eskaliert“, sagt Plastargias. „Teils traumatisierte, teils depressive, teils paranoide geflüchtete Menschen ungeachtet der Herkünfte zu acht in ein kleines Zimmer zu sperren, erscheint mir mehr als schwierig.“

Plastargias sagt, dass die Beschwerden der Geflüchteten bei den Mahlzeiten beginnen: „Das Essen soll miserabel sein, kürzlich wurde mir sogar über eine Maus im Essen berichtet.“ Gleichwohl müssten die Bewohner zu den Mahlzeiten gehen, um ihre Anwesenheit im „United Hostel“ mit einer Unterschrift nachzuweisen. Dem Flüchtlingsberater wird auch von Prügeleien in den Zimmern berichtet, „weil da Menschen aus verfeindeten Regionen mit verschiedenen nationalen oder religiösen Hintergründen zusammengewürfelt werden“.

Nach Angaben des Flüchtlingsberaters haben einige Bewohner schon versucht, sich rauswerfen zu lassen – etwa, indem sie dem Hostel länger fernblieben. Die Hoffnung, einer anderen Unterkunft zugewiesen zu werden, sei aber meistens enttäuscht worden: „Mittlerweile gibt es wohl die Order, dass die Jungs nicht rausgeworfen werden dürfen.“ Von „Jungs“ spricht Plastargias, weil in der Einrichtung viele junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren leben. „Da macht sich richtig Verzweiflung breit“, betont der Flüchtlingshelfer. Für ein paar Wochen gehe das ja alles, „aber mehrere Monate ohne Aussicht auf Veränderung?“.

Zwei afghanische Bewohner des Hostels, die wir bei einem Ortsbesuch zufällig antreffen, bestätigen die Schilderungen im Großen und Ganzen: „Die Mahlzeiten sind unser größtes Problem“, sagt Abdullah A. (20). Von einer Maus habe er zwar nur gehört, er habe aber einmal „mit eigenen Augen gesehen“, dass kleine Krabbeltiere – „so ähnlich wie Ameisen“ – im Essen gewesen seien. Zimmergenosse Hamidi M. (24) ergänzt, dass es jeden Tag dasselbe Essen gebe: „Morgens Brot, mittags Reis mit Hähnchenfleisch, abends Makkaroni.“ Die beiden ärgern sich über die Kürzung ihrer Vollverpflegungspauschale, die mit der Unterbringung im Hostel einhergeht: „Wir würden viel lieber auf die Mahlzeiten im Hostel verzichten, das Geld in voller Höhe erhalten und uns selbst um unser Essen kümmern.“

Die Situation in den engen Sechser- und Achter-Zimmern sei schwierig, „vor allem jetzt, bei der Hitze“. Es gebe oft Konflikte zwischen Bewohnern mit unterschiedlichem Hintergrund. „Die Polizei kommt zwei, drei Mal pro Woche“, schätzt Hamidi. Der Afghane berichtet auch, dass es auch an einer Möglichkeit zum Wäschewaschen fehle: „Wir müssen in einen Waschsalon gehen, was Geld kostet.“ Wer beim Waschen von Kleidung im Hostel erwischt werde, müsse 30 Euro Strafe zahlen.

Beim Evangelischen Verein für Wohnraumhilfe, der in Frankfurt die Vergabe von Unterkünften für Bedürftige koordiniert, sind zwar noch keine größeren Beschwerden über das „United Hostel“ eingegangen, Geschäftsführer Peter Schäfer berichtet aber nach einem Gespräch mit seinen Mitarbeitern, dass die Fluktuation in der Unterkunft „sehr stark“ sei. Dass Bewohner die Einrichtung verlassen und drei, vier Tage nicht wieder auftauchten, komme „deutlich häufiger“ vor als in anderen Einrichtungen. Schäfer hält es für denkbar, dass sich Geflüchtete so eine Unterbringung in einer anderen Unterkunft verschaffen wollen.

Eine Anweisung, solche Asylbewerber wieder ins „United Hostel“ zurückzuschicken, gebe es keineswegs, allerdings seien die Unterbringungsmöglichkeiten für alleinreisende, erwachsene Flüchtlinge in Frankfurt begrenzt. Weil die Fluktuation in den anderen Unterkünften weniger hoch sei, komme es zwangsläufig vor, dass Bewohner aus dem „United Hostel“, die sich abermals ans Hilfesystem wenden, wieder genau im Hostel landen. „Die Unterkunft verfügt schließlich über 160 Plätze.“

Zu den konkreten Beschwerdepunkten kann Schäfer nichts sagen. Er verweist an den Träger der Einrichtung, den Verein Arbeits- und Erziehungshilfe (VAE). Schäfer bestätigt nur, dass die Unterbringung im „United Hostel“ mit festen Mahlzeiten und einer Kürzung der Verpflegungspauschale einhergehe. Grund sei, dass das Hostel zunächst eine Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gewesen sei. Obwohl seit einiger Zeit vor allem erwachene Asylbewerber dort leben, laufe der Vertrag mit dem Caterer weiter.

VAE-Geschäftsführer Rolf Mayer zeigt sich sehr überrascht über die Kritik. Dass es in einer so großen Unterkunft auch mal zu Problemen und Beschwerden komme, sei normal. Die Mitarbeiter stünden aber in regem Austausch mit allen Bewohnern, es gebe zum Beispiel einen wöchentlichen Rundgang durch sämtliche Zimmer. „Eigentlich sind wir immer erstaunt darüber, wie gut alles läuft.“ Wenn sich jemand mit Problemen ans Personal wende und unbedingt die Unterkunft wechseln wolle, „versuchen wir auch, im Rahmen der Möglichkeiten eine Lösung für ihn zu finden“.

Mayer widerspricht den Schilderungen des Flüchtlingshelfers und der Flüchtlinge in mehreren Punkten: Es gebe im Hostel mitnichten ständig Prügeleien und Streit; vor ein paar Tagen sei die Polizei jedoch einmal gerufen worden, weil es zu einem Konflikt zwischen Catering-Mitarbeitern und Bewohnern gekommen sei. „Der Eindruck, dass oft Polizei da ist, könnte auch daher rühren, dass unbegleitete minderjährige Asylbewerber immer von Polizisten gebracht werden.“

Was die angebliche Maus im Essen angeht, berichtet Mayer, dass jüngst „eine Maus durch die Küche gehuscht“ sein soll. Man habe sofort reagiert und Maßnahmen ergriffen. Von Tieren im Essen könne jedenfalls keine Rede sein. VAE-Mitarbeiter seien bei den Mahlzeiten immer zugegen. Es gebe auch keinen Teilnahmezwang. Anfängliche Beschwerden über ein zu eintöniges Angebot seien aufgegriffen worden, so dass es nun täglich wechselnde Gerichte gebe.

Mayer hält es selbst nicht für ideal, dass es im Hostel keine Koch- und Waschmöglichkeiten für Flüchtlinge gibt. Man habe erwogen, solche einzurichten, aber keine Möglichkeit dafür gefunden.

Dass das Waschen im Hostel mit einer Strafzahlung einhergehe, sei falsch. Das treffe nur für den Fall zu, dass jemand einen Schaden verursache.

Das Hostel habe, wie auch die Unterkünfte in Turnhallen, provisorischen Charakter. Wenn die Flüchtlingszahl nicht wieder steige, werde es voraussichtlich am Jahresende „vom Netz genommen“.

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