+

Premiere

Das Schauspiel Frankfurt zeigt Feydeaus Komödie „Klotz am Bein“

Roger Vontobel inszeniert diese Vaudeville-Farce als ebenso amüsanten wie wahnwitzigen Tanz der Untoten – mit prachtvollen Kostümen und viel Akrobatik.

Dass Gefühl und Geld gerne eine Zweck-Liaison eingehen, gilt nicht erst in Zeiten des globalen Kapitalismus. Schon in Georges Feydeaus großbürgerlichen Pariser Salonwelten war diese Tatsache ein komödienreifes Sujet. Grund für Roger Vontobel, Feydeaus Vaudeville-Farce „Klotz am Bein“ zu einem schrillen Zombie-Tanz hoch zu schrauben. Das gelingt ebenso amüsant wie wahnwitzig. Jetzt hatte die Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen im Schauspiel Frankfurt ihre umjubelte Premiere.

Olaf Altmanns Bühnenbild ist eine starke Setzung. Ein leeres Quadrat, das durch straff gespannte Fäden begrenzt wird, die bis in den Bühnenhimmel reichen. Die Schauspieler müssen durch diesen Fadenvorhang dringen, um sich in den Boxring des gesellschaftlichen Nahkampfs zu werfen. Und wenn sie erstmal drin sind, werden sie von ihm federnd zurückgeworfen – falls sie das selbst gewählte Schlachtfeld wieder verlassen wollen.

Klug zeigt Altmann dabei die gnadenlose gesellschaftliche Hackordnung. Während Diener Firmin (höchst akrobatisch: Stefan Graf) sich bei jedem Auf- und Abtritt brutal in den Fäden verheddert, muss er für sämtliche Gäste, allen voran die Baronin Duverger, den Vorhang unter höchster Anstrengung zum bequemen Eintreten beiseitezerren. Während die Bühne die innere Leere der dekadenten Society spiegelt, behaupten Ellen Hofmanns prachtvolle Barock-Kostüme eine aufgedonnerte Opulenz, mit der die Zombies zwar pralle Lebenslust vortäuschen, unter der aber dreist grinsend der Tod lauert.

Worum es der gelangweilten Viviane wirklich geht, wenn sie in die arrangierte Ehe mit Bois d’Enghien hineinstolpert, spuckt sie ihrer Baronin-Mutter in der frischen Neu-Übersetzung von Claudius Lünstedt ins Gesicht. „Natürlich ist das Liebe, wenn man sagen kann: Diesen Mann hätten alle gern gehabt. Ich hab ihn aber gekriegt und ihr nicht.“

Eigentlich hätte sie ja lieber einen „Gangster“, weil das viel aufregender ist, oder zumindest einen, für den sich eine umgebracht hat. Die Mama murmelt streng: „Aber das ist ja pure Eitelkeit, das ist doch keine Liebe.“ Da ist der Sprung vom Fin de Siècle zu Facebook samt künstlichen Likes, Posern und Influencern nicht mehr weit.

Was dem Schweizer Regisseur Roger Vontobel insgesamt glänzend gelingt, ist einerseits das gnadenlose Durchziehen seines straffen Konzepts. Während er seinen überragenden Schauspielern auf der anderen Seite jede Menge Raum für ihre sprühenden Eskapaden lässt. Wie die Mimen dabei waghalsig auf schmalem Grat zwischen Komik und Grausen changieren, ist herrlich anzusehende, umwerfende Körperkunst.

Allen voran brilliert Claude De Demo als titelgebender „Klotz am Bein“ alias Chanteuse Lucette. Mit allen ihr zu Verfügung stehenden femininen Registern, zu denen comic-dreiste Ohnmachtsanfälle, tiefe Brunftschreie und hysterische Diven-Zickereien zählen, kämpft sie um ihren Liebhaber Bois d’Enghien. Und vor allem darum, ihn trotz seiner anstehenden Heirat mit Viviane behalten zu können. Die gibt Friederike Ott als schrilles It-Girl, während ihre Mama, die Baronin Duverger, von Katharina Linder mit einfältigem Überbiss und bedächtigen Trippelschritten ausgestattet wird.

Nicht nur Heiko Raulin plappert sich grandios dümmlich durch seine Rolle als tödlich liebender General Irrigua, auch Peter Schröder macht den spillerigen Monsieur de Fontanet und seinen fiesen Mundgeruch zum zuverlässigen Running Gag des Abends. Als beständiger Bühnenhöhepunkt verleiht Max Mayer seinem Bois d’Enghien die Gehetztheit eines klapprigen Hundes, der zwischen seiner stets beischlafwilligen Affäre Lucette und der Heirat mit Viviane hin- und hergerissen wird, bis von ihm nur noch ein zerrüttetes Nervenbündel übrig ist.

Aber auch die übrigen Rollenporträts, wie das der Nini Galant (Altine Emini), die das Ergattern einer vielversprechenden Partie ebenso stolz zur Schau stellt wie ihre goldenen Schuhe an den Füßen, oder das von Lucettes Schwester Marceline, die Anna Kubin als Karikatur einer rotzigen Pubertären anlegt, überzeugen auf ganzer Linie. Auch Matthias Redlhammer, der Lucettes Ex-Ehemann mit der gespreizten Dekadenz eines Louis Quatorze anlegt, läuft zu Höchstformen auf. Im Verein mit der sprechenden Live-Musik von Keith O’Brien, der sämtliche Auf- und Abtritte ironisch untermalt, aber auch schon mal einen kleinen Zug im Salon zum ausgewachsenen Gesellschaftssturm aufblasen kann, wird dieser „Klotz am Bein“ zum leichtfüßigen Komödienball.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare