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Was war, was sein wird: Ex-Geschäftsführer Wolfgang Rhein (l.) und seine Nachfolger Andreas Schadt und Thomas Schmitter (r.)

Praunheimer Werkstätten

Scheidender Geschäftsführer der Praunheimer Werkstätten und seine Nachfolger im Gespräch

Die Praunheimer Werkstätten haben eine neue Führungsspitze: Der langjährige Geschäftsführer Wolfgang Rhein ist jetzt Rentner, die Geschäfte führen Andreas Schadt und Thomas Schmitter. Im Interview mit Redakteurin Judith Dietermann sprechen sie über die Zukunft der Werkstätten.

25 Jahre waren Sie, Herr Rhein, der Kapitän bei den Praunheimer Werkstätten. Wohin geht jetzt Ihre Reise?

WOLFGANG RHEIN: Das weiß ich selber noch nicht so genau. Ich habe sehr gerne gearbeitet, mein Privatleben war untergeordnet. Deswegen stellt mich die Frage, was ich künftig tun werde, vor eine Herausforderung, die ich erst einmal bestehen muss.

Aber die Katze lässt das Mausen nicht. Ich werde auch weiterhin eng mit den Werkstätten verbunden bleiben. Mit der Distanz, dass ich meinen Nachfolgern nicht in die Suppe spucke, aber trotzdem so viel Nähe, dass ich noch etwas beitragen kann.

In welcher Form?

RHEIN: Zum einen das Sozialrecht, das sich in den vergangenen Jahren zu einem meiner Hobbies entwickelt hat. Ich werde Leute begleiten, die vom öffentlichen Kostenträger zu wenig bekommen, obwohl es ihnen zusteht. Zudem gibt es bei den Werkstätten das Projekt „Capito“, das mir sehr ans Herz gewachsen ist. Dabei geht es um barrierefreie Kommunikation.

Jetzt geben Sie das Steuerrad ab, in vier Hände statt bisher zwei. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

RHEIN: Die Aufgaben sind viel komplexer als noch vor 25 Jahren. Das ist nur kollegial machbar. Zudem gibt es bei den Werkstätten eine Besonderheit: Die gemeinnützige trifft auf die gewerbliche Welt. Das erfordert besondere Kompetenzen. Auch die Pädagogik hat sich enorm weiterentwickelt, das Angebot ist viel differenzierter. Schon seit mehreren Jahren arbeiten wir deswegen als Team. Es gibt zwar einen Geschäftsführer, wir treffen die Entscheidungen aber gemeinsam.

Für Sie, Herr Schmitter und Herr Schadt, ist es okay, dass Sie nicht jeweils alleiniger Geschäftsführer sind?

THOMAS SCHMITTER: Absolut. Ein Jahr hatten wir nun Zeit, uns auf die neue Aufgabe vorzubereiten. Das hat gezeigt, dass es passt.

ANDREAS SCHADT: Es ist in der heutigen Zeit sinnvoll, die Geschäftsleitung auf mehrere Schultern zu verteilen. Denn nicht nur die Komplexität hat zugenommen, wir müssen auch immer schneller werden und Dinge gleichzeitig erledigen.

Wie werden Sie die Aufgaben aufteilen?

SCHMITTER: Ich komme aus dem kaufmännischen Bereich. Zudem werde ich mich um den Bereich „Arbeiten“ kümmern.

RHEIN: Herr Schmitter ist der Wirtschaftsfachmann, Herr Schadt ist Pädagoge. Beides ist in den vergangenen Jahren viel professioneller geworden. In der Pädagogik müssen wir viel anspruchsvoller arbeiten. Mit Berufsbildern, die es vor einigen Jahrzehnten noch gar nicht gab. Das sind die Fähigkeiten, bei denen sich meine Nachfolger sehr gut ergänzen.

Wie sieht sie denn aus, die Zukunft der Praunheimer Werkstätten unter der neuen Geschäftsführung?

SCHMITTER: Wir möchten noch mehr dafür tun, dass unsere Beschäftigten besser auf dem ersten Arbeitsmarkt integriert werden können. Dafür gibt es die betriebsintegrierten Beschäftigungsplätze. Der Beschäftigte hat weiter den Status als Werkstattbeschäftigter, arbeitet aber in einem Unternehmen außerhalb der Werkstatt für behinderte Menschen. 21 solcher Plätze haben wir in Frankfurt. Es ist ein Instrument, das den Übergang erleichtern soll. Je kleinteiliger dieser erfolgt, desto besser.

Funktioniert der Wechsel von der Werkstatt auf den Arbeitsmarkt problemlos?

SCHADT: Leider nicht. Es gibt immer wieder Klienten, die sich nicht angenommen fühlen und lieber zurück in die Werkstatt möchten.

RHEIN: Ich habe kürzlich mit einer Mutter gesprochen, deren Sohn jetzt zu uns kommt.

Er fühlte sich im Betrieb nicht ernst genommen. Wenn das Klima an einem Arbeitsplatz nicht passt, haben wir den Drehtüreffekt: Die Leute gehen schnuppern und kommen weinend wieder zurück, weil es bei uns schöner ist. Das wollen wir nicht, aber wenn das Klima zu rau ist, scheitern viele.

Was für Aufgaben kommen noch auf Sie zu in den nächsten Jahren?

SCHADT: Wir wollen nach und nach unsere Wohnheime auflösen und nur noch Wohnungen anbieten. Das ist unser Beitrag dazu, dass sich das Bewusstsein wandelt und behinderte Menschen zunehmend weniger am Rand der Gesellschaft stehen. In den Kindergärten und auch in den Schulen ist es längst normal, dass behinderte mit nicht behinderten Kindern spielen und lernen.

Die Wohnheime werden aufgelöst?

SCHADT: Ja. Nach dem Umbau soll es dort Wohnungen geben, die sowohl von behinderten wie auch von nichtbehinderten Menschen bezogen werden können. Sonst ist das mit der Inklusion ja nur ein Lippenbekenntnis.

Wie gehen Sie vor?

SCHADT: Wir beginnen in der Hohemarkstraße. Ist dort der Umbau abgeschlossen, geht es an der Praunheimer Mühle weiter.

SCHMITTER: Damit wir ein Wohnheim auflösen können, müssen wir für diese Menschen an anderen Orten Wohnungen zur Verfügung haben. Das haben wir jetzt an zwei Standorten – in der Bolongaro- und in der Sonnentaustraße. Dorthin werden die Bewohner im nächsten Jahr umziehen. Dann ist die Hohemarkstraße leer und der Umbau beginnt.

Das hört sich nach einem Mammutprojekt an …

SCHADT: Ja, und das Auflösen dieses klassischen Wohnheim-Komplexes ist zugleich für die Praunheimer Werkstätten ein ziemlich großer Schritt.

RHEIN: Der auch teurer wird. Denn das Wohnheim ist auch deswegen eingerichtet worden, weil es so schön ökonomisch ist. Ab 24 Plätze aufwärts lebt es sich für die Kostenträger leichter. Aber die Menschen sind dafür auf einer Insel weggesperrt. Es gibt keinen vitalen Verbund mit der Außenwelt.

So, wie es vor einigen Jahrzehnten Usus war …

RHEIN: Ja, in den 1950er Jahren galten Menschen mit Down-Syndrom noch als schwerstbehindert, sie mussten im Nationalsozialismus sogar versteckt werden. Heute gibt es viel stärkere Behinderungen, und auch diese werden bei den Praunheimer Werkstätten integriert. Wenn andere Träger abwinken. Bei uns bekommen sie die Möglichkeit, etwas zu tun, anstatt zu Hause zu versauern. 170 Plätze haben wir aktuell für solche Menschen in unseren Tagesförderstätten.

SCHMITTER: Nach Erhebungen werden bis 2030 noch rund 130 Menschen mit schwersten Behinderungen hinzukommen. Dieser Bereich wird bei den Praunheimer Werkstätten also noch mehr an Bedeutung gewinnen. Die Gewichtung wird sich ändern ebenso wie der Charakter. Vielleicht weniger produktionsorientiert, mit dem Schwerpunkt auf Betreuung. Wir wollen diese Menschen gut betreuen. Das liegt unserem Vorgänger Wolfgang Rhein sehr am Herzen. Das können wir Ihnen zusagen, das wird auch in Zukunft so bleiben.

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