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Ulrike Schneider (von links), Pfarrer Christian Enke, Lothar Wachter, Ingrid Mönch und Petra Blochius empfinden im Museum den Schulalltag schwerhöriger Kinder nach.

Eigene Gesellschaft

Sie schenken Hörgeschädigten seit 50 Jahren ein Ohr

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Hessen gehört zu den wenigen Bundesländern, die eine eigene Gesellschaft zur Förderung von Gehörlosen und Schwerhörigen unterhalten. Nun feierte diese Gesellschaft ihr 50-jähriges Bestehen und fordert weitere Verbesserungen für beide Gruppen.

Schon als Student ließ sich Pfarrer Christian Enke durch Pater Amandus Hasselbach vom Liebfrauenkloster für die Arbeit der Gehörlosenseelsorge begeistern. „Ich fand die Gebärdensprache so faszinierend und vielfältig, dass ich sie auch selber gerne lernen wollte“, sagt der Pfarrer für katholische Hörgeschädigten-Seelsorge im Bistum Limburg. Bei der Jubiläumsfeier in der Frankfurter Stiftung für Gehörlose stellt er mehrere Gesprächssituationen in seiner Seelsorge nach, in denen er sprechend und gebärdend zwischen Gehörlosen, Hörbehinderten und Hörenden vermittelt – oft auch in ökumenischer Zusammenarbeit.

Eine Entwicklung, die bei der Gründung der Hessischen Stiftung zur Förderung für Gehörlose und Schwerhörige vor 50 Jahren in Friedberg kaum vorstellbar gewesen wäre. „Damals wurden Hörschädigungen von Kindern oft erst im dritten Lebensjahr festgestellt“, blickt der Vorsitzende Lothar Wachter, selbst Vater eines gehörlosen Sohnes, zurück. Heute sind in dieser landesweiten Gesellschaft rund 20 Schulen, Stiftungen, Seelsorgeeinrichtungen, Landes- und Arbeitsverbände und sonstige Einrichtungen für Gehörlose und Schwerhörige zusammengeschlossen.

Es ist ein starkes Netzwerk für die Gehörlosen und Hörgeschädigten, deren Zahl alleine in Frankfurt auf rund 500 geschätzt wird, das aber auch bundesweit seinesgleichen sucht, da es außer dem Deutschen Gehörlosen- und Schwerhörigen-Bund einen vergleichbaren landesweiten Zusammenschluss sonst nur in Nordrhein-Westfalen gibt. In Frankfurt ist die hessische Stiftung unter anderem mit der Schule am Sommerhoffpark für Hörgeschädigte, dem Landesverband der Gehörlosen Hessen und der Frankfurter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige vertreten, die in der Nibelungenstraße 16 a auch ein eigenes Museum unterhält.

„Bislang können wir unser Museum leider nur auf Anfrage öffnen, da es uns an Personal fehlt“, erklärt die Geschäftsführerin Petra Blochius. Sie hofft auf eine Kooperation mit Frankfurter Partnern, etwa der University of Applied Sciences (früher Fachhochschule). Wünschenswert wären regelmäßige Öffnungszeiten, in denen die Mitarbeiter auch interaktiv die Welt der Gehörlosen und Hörbehinderten vermitteln – ähnlich, wie das bereits im Frankfurter Dialogmuseum zwischen Blinden, Sehbehinderten und Sehenden geschieht.

Wie das funktionieren kann, demonstrierten die Stiftung und das Museum für Kommunikation vor zehn Jahren, als gehörlose Guides mit schalldichten Kopfhörern ausgerüstete Besucher mit vielfältiger Mimik und Gestik in ihre Welt einführten. „In ihrer Kombination aus Mimik und Gestik ist die Gebärdensprache eine vollwertige und inzwischen in Hessen gleichberechtigte Sprache, die sogar nord- und süddeutsche Varianten kennt“, erläutert Pfarrer Enke.

In der Ausstellung des Stiftungsmuseums demonstriert er auf einer nachempfundenen Schulbank, wie man die Frage „Hast du?“ gebärdet: „Dabei wackelt man mit den Fingern und formt den Mund, als wolle man ein ,sch‘ sprechen.“ Das Museum verfügt über eine reichhaltige Sammlung historischer Hilfsmittel, von Hörrohren und Schreibtelefonen bis zu den ersten Implantaten. „Kaum vorstellbar, dass Hörgeräte vor 50 Jahren noch die Größe einer Zigarettenschachtel hatten“, findet Wachter.

Der Cochlear Implant Verband-Hessen-Rhein-Main informiert umfassend über die medizinische Entwicklung von Hörprothesen für Gehörlose, deren Hörnerv nicht funktionsgestört ist. „Dank dieser Fortschritte geht meine Tochter heute in die siebte Klasse der Wöhlerschule“, berichtet Tanja Velte, Vorsitzende der Elterninitiative „Kleine Lauscher“ zur Förderung hörgeschädigter Kinder. Trotzdem bestehe bis heute das Problem fehlender Lehrkräfte, oft würden sich inklusive und exklusive Schulen für Hörgeschädigte Konkurrenz machen.

„Dass es im Jahr 2004 in Hessen endlich zur gesetzlichen Anerkennung der Gebärdensprache kam, ist auch der Verdienst unserer Fördergesellschaft“, betont Wachter. Dennoch sei es in vielen Bereichen noch ein weiter Weg bis zur „barrierefreien“ Gleichstellung Gehörloser und Schwerhöriger.

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