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Aug? in Aug? mit der Kobra ? Ulrich Kuch hätte auch keine Bange, wäre diese nicht aus dem roten Faden gebastelt. . .

Der Rote Faden - Folge 196

Der Schlangenmann - Dr. Ulrich Kuch

Eine runde, traditionelle Hütte in einer spärlich besiedelten Gegend Zentral-Afrikas. Niedrige Lehmwand mit Schilfdach um eine Feuerstelle mit verbeultem Kochtopf.

Eine runde, traditionelle Hütte in einer spärlich besiedelten Gegend Zentral-Afrikas. Niedrige Lehmwand mit Schilfdach um eine Feuerstelle mit verbeultem Kochtopf. Im Halbdunkel der Hütte ist der knapp ein Meter lange, massige Körper einer Puff-Otter („Bitis arietans“) auf dem Wandvorsprung kaum auszumachen.

Nur die Bewegung der Augen und das Violett der gespaltenen Zunge verraten das gefährliche Ende des Tieres. Ihr Giftvorrat im Körper reicht aus, um mehrere Erwachsene zu töten.

„Wie schmerzhaft und gefährlich der Biss einer Giftschlange sein kann, hatte ich als Jugendlicher am eigenen Leib erfahren“, schildert Dr. Ulrich Kuch ein Erlebnis in Frankfurt, das für ihn gut ausging. „Es hat mich damals nicht davon abgehalten, mich weiter mit giftigen Schlangen zu beschäftigen, ganz im Gegenteil“, bekräftigt er heute.

Oktober 2016: in dieser Hütte einer abgelegenen Region Zentral-Afrikas betreibt Kuch, der an der Universitätsklinik Frankfurt als Experte für Schlangengift angestellt ist, Grundlagenforschung. Krieg und Bürgerkrieg verhinderten hier in Afrika für Jahrzehnte jede Bestandsaufnahme von Schlangen. Für Biologen einfach nur ein „weißer Fleck“ auf der Landkarte.

Eine internationale Hilfsorganisation will nun wenigstens wissen, welche verschiedenen Schlangenarten dort heimisch sind. Unter welchen Umständen und wie oft Menschen von Bissverletzungen betroffen sind. Zuletzt häuften sich die Fallzahlen der Gegend stark. Die Organisation engagiert sich weltweit mit großem Aufwand, damit Schlangenbisse endlich als vernachlässigte Tropenkrankheit anerkannt werden.

Die Bewohnerin der Hütte ahnte längst, dass eine Schlange in ihrer Hütte lebte, konnte sie aber nie entdecken. Sie ist froh, dass Ulrich Kuch ausgerechnet in ihrem Dorf forscht und die Schlange in ihrer Hütte fangen wird.

In solchen Momenten wirkt Ulrich Kuch ganz ruhig, nicht cool. Sehr vorsichtig, voller Konzentration. Als er die Schlange in der Hütte nach einigem Suchen entdeckt, registrieren seine Augen jede Bewegung des Reptils. In seiner Rechten hält er einen gebogenen Schlangenhaken, die Linke steckt in einem mächtigen, bissfesten Lederhandschuh. Vorsichtig fixiert er die Schlange im Genick mit dem Haken, bevor er sie mit sicherem Griff des Handschuhs vom Vorsprung nimmt.

Die gefährliche Schlange windet sich um seinen Unterarm, hat aber eigentlich keine Chance zu entkommen. Solange er den Kopf gut festhält, ist er sicher. Eigentlich. Manchmal denkt Ulrich Kuch an seinen Freund und Kollegen, der eine winzige Unachtsamkeit mit dem Leben bezahlte. In Myanmar verwechselte er eine giftige mit einer ungiftigen Art, die optisch nur äußerst schwer zu unterscheiden ist.

Unter dem niedrigen Dach der Hütte ist es schon Vormittags heiß und stickig. Mehrmals wischt Kuch mit dem Handrücken über seine Stirn. Schweißperlen rinnen über Hals und Gesicht, färben Kragen und Brust seines Hemdes schnell dunkel. Wissen und Vorsicht sind die besten Begleiter bei der Jagd giftiger Schlangen.

Ulrich Kuch wird die Schlange lebend in einem speziellen Gefäß transportieren. Er wird ihr Gift entnehmen, es trocknen und analysieren, um dazu beizutragen, wirkungsvollere Gegengifte zu entwickeln.

Bei seinen Forschungseinsätzen in Nepal, Indonesien, Bangladesch, Indien, Myanmar, Ecuador und vielen Nationen Afrikas hat er schon oft menschliches Leid sehen müssen: Kinder, Frauen und Männer, die nach dem Biss einer Schlange aus Augen, Mund und Nase bluten; deren Muskelgewebe und Knöchel grotesk anschwellen, sich schwarz verfärben und absterben.

Unzählige Opfer, die nach dem Biss einer Schlange Amputationen über sich ergehen lassen mussten, bleibende Organschäden davon trugen oder starben. Laut Weltgesundheitsorganisation fordern Schlangenbisse weltweit mindestens 100 000 Menschenleben, jedes Jahr.

Wenn Dr. Kuch Schlangen fängt, wenn er ihnen Gift entnimmt oder sie klassifiziert, geht er mit ihnen, trotz des menschlichen Leids, das die Reptilien verursachen, äußerst behutsam um. Seine Forschungsarbeiten hat er für die Goethe-Universität und ihr Klinikum, die Universität Newcastle, die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und viele weitere Auftraggeber im In- und Ausland durchgeführt.

Sein Interesse an Naturwissenschaft entwickelt sich früh. 1972 wird er in Höchst geboren, wächst dort mit seinen zwei älteren Brüdern und den Eltern in einer Mietwohnung auf. Da dort die Haltung von Hunden, Katzen und ähnlichen Haustieren nicht möglich ist, beschäftigt sich Ulrich erst mal mit Pflanzen und Fischen. Sein Kinderzimmer ähnelt schon bald einem tropischen Gewächshaus. Er beginnt Bananenstauden zu züchten und verschiedene Palmenarten. Ungewöhnliche Fischarten wie der Schlammspringer oder Schlangenkopf-Fische bevölkern seine Aquarien zwischen den Pflanzen. Da war Ulrich acht, neun Jahre alt.

Längst sind Leidenschaft und Wissensdurst für seinen späteren Beruf erwacht. Spätestens als die Familie von Höchst in ein Haus nach Kelkheim umzieht, wird das offenbar. „Der Wasserspiegel meiner Aquarien sank dort schnell. Aus den Aquarien wurden Terrarien. Ich hielt zwei Geckos und meine ersten Schlingnattern. Als Ende 1984 die ersten Giftschlangen hinzu kamen, besaß ich schon einen recht großen Bestand an Terrarien. Die Schlangen in meinem Kinderzimmer und im später eigens dafür aufgerüsteten „Hochsicherheits-Kellerraum“ ertrugen meine Eltern und Brüder mit großer Toleranz. Auch die Nachbarn bei uns im Wohngebiet, die natürlich von den Schlangen wussten, blieben gelassen“, berichtet Kuch heute schmunzelnd, aber nicht ohne Dankbarkeit.

Mit 12 Jahren kam Ulrich auf die Idee, das Gift von Schlangen zu erforschen. Weder in Stadtbibliotheken, noch im gut sortierten Buchhandel war Fachliteratur über Schlangengifte zu bekommen. Auch gegoogelt wurde damals natürlich noch nicht. Ulrich fing an, sich den Bibliotheksausweis seines älteren Bruders auszuleihen, der zu dieser Zeit schon Physik an der Goethe-Universität studierte. Von nun an verbrachte Ulrich viel Zeit im Lesesaal der Universitätsbibliothek an der Bockenheimer Warte.

„Fernausleihe, Präsenzbibliothek, offenes Magazin, die verschiedenen Signaturen – ich brauchte Zeit und Hilfe, bis ich die inneren Abläufe einer Uni-Bibliothek verstanden hatte. Aber die Mitarbeiter erklärten mir alles sehr geduldig. Als kleiner Steppke bestellte ich dann Stapel wissenschaftlicher Fachmagazine, Aufsätze und Bücher über Schlangen, die Wirkung und Zusammensetzung ihrer Gifte,“ erinnert sich Kuch an die erste Zeit im Lesesaal der Universität.

Wie ernsthaft und zielstrebig Ulrich Kuch seine Erforschung der Schlangengifte schon damals betrieb, bezeugt eine gut 30 cm lange Narbe auf seinem linken Unterarm. Seine mexikanische Mokassin-Otter biss ihm bei der Giftabnahme in den Finger. Selbst in einem so renommierten Krankenhaus wie der Frankfurter Uniklinik war die Behandlung einer solchen Vergiftung damals eine große Herausforderung. Die Schwellung des Unterarms drohte die Nerven zu zerquetschen; Hand und Arm wären womöglich unbeweglich geworden. Um den Druck auf das Gewebe durch die Wirkung des Giftes zu vermindern, blieb den Ärzten nur eine Fasciotomie durchzuführen, eine Spaltung der Unterarmmuskulatur.

„Für alle Beteiligten war meine Behandlung ein ziemlicher Stress. In der internationalen Literatur gab es keine Angaben, was genau nach dem Biss dieser Art passieren kann“, kommentiert Kuch die Ereignisse von damals. Dass er sich im Wintersemester 1992/93 an der Universität Frankfurt für Biologie (Zoologie und Humangenetik) einschreibt, erscheint als Randnotiz.

Dass er als Erstsemester auch im Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Toxikologie belegt und bei Prof. Dietrich Mebs („Herr der Gifte“, titelt eine Spiegel-Veröffentlichung aus dem Jahr 2000 ehrfurchtsvoll über Mebs) an der Analyse von Schlangengiften mitforschen konnte, passt schon eher zu Kuchs akademischer Leidenschaft.

In den Semesterferien reist er nach Ecuador, arbeitet auf einer Schlangenfarm. Auf dem Rückweg nach Frankfurt hat er für Studienzwecke getrocknetes Schlangengift im Gepäck. Zwischen 1993 und 1996 zieht es ihn nach Indonesien. Dort wurde gut 60 Jahre zuvor der Java-Krait entdeckt, eine geheimnisvolle Giftnatter, die seitdem kaum erforscht wurde. Nach einem halbjährigen Forschungsaufenthalt in Indonesien ist der Java-Krait nicht mehr ganz so geheimnisvoll. Und Kuch hat 2000 seine Diplomarbeit über diese Schlange in der Tasche, die tagsüber ohne jede Angriffslust lebt, aber als nachtaktiver Jäger recht bissig werden kann. 2007 schließt Kuch (stark vereinfacht ausgedrückt) seine Promotion mit einer Arbeit über die Evolution und Verbreitung asiatischer Giftschlangen und ihrer Toxine ab.

Was aber treibt ihn an? Woher stammt die eigentliche Motivation für all den mühsamen und nicht selten riskanten Forschungsaufwand? Die nächtlichen Erkundungen im Schilf zwischen Myriaden von Moskitos. Auf Reisfeldern im Monsunregen oder in Kriegs- und Krisengebieten. Ist das nur Tierliebhaberei?

Wer Ulrich Kuch in der Notaufnahme eines sehr einfachen Krankenhauses erlebt, ganz gleich ob in Südostasien oder Afrika, wer Unterhaltungen beiwohnen könnte, die er mit den Patienten oder einfachen Dörflern über Schlangenbisse führt, der erlebt einen wissbegierigen, aber stets bescheidenen Wissenschaftler, der den Menschen zuhört, der ihnen und ihrer schmerzhaften und gefährlichen Situation zugewandt ist. Obwohl er ziemlich sicher mehr über Schlangen weiß, als alle Dorfvorsteher, Minister und Mediziner des Einsatzlandes zusammengenommen.

„Ob die Schlange, die dort oben im Baum hängt, gelbe oder rote Frösche frisst, ist mir heute egal. Ich habe durch die Patienten von so viel Krankheit und Leid gehört und gesehen, verursacht durch den Biss giftiger Schlangen.

Für mich steht inzwischen die klinische Forschung und Versorgung des Menschen ganz klar im Vordergrund. Meine wissenschaftliche Arbeit soll vor allem dazu beitragen, die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten von Giftschlangenbissen zu verbessern“, sagt der Toxinologe nach der Rückkehr vom letzten Einsatz in Zentral-Afrika. Dr. Ulrich Kuch ist ein bemerkenswerter Wissenschaftler und Mensch.

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