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Bei Igor (l.) und Bruno Siskos "Westbar" sind erst einmal die Rollläden heruntergegangen. Die beiden Brüder haben viel Unterstützung von ihren Stammgästen erfahren, kämpfen aber - wie viele andere Gastronomen - ums wirtschaftliche Überleben.

Coronavirus

Schließung wegen Coronavirus in Frankfurt: Besitzer der „Westbar" berichtet

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Kneipen und Bars müssen wegen des Coronavirus schließen. Auch das Kult-Lokal "Westbar" hat vorläufig zu. Viele Gastronomen fürchten jetzt um ihre Existenz.

Frankfurt - Manchmal im Leben hilft nur noch Musik: Laut und druckvoll erfüllten am späten Dienstagabend die Gitarrenakkorde von "Hell on Wheels" die Räume der "Westbar" in der Königsteiner Straße: Das Lied der Offenbacher Rockband "V8-Wankers" wurde schon vor zwölf Jahren zu Beginn der Eröffnungsparty für die Höchster Lokalität gespielt - jetzt markierte es den vorläufigen Schlussakkord für die "Westbar".

Denn deren Gründer und Betreiber, die Brüder Bruno und Igor Sisko, müssen schließen. Wegen der neuen Corona-Bestimmungen. Die treffen zwar auch Restaurants hart, lassen ihnen aber noch gewisse Hintertürchen offen, etwa Öffnungszeiten bis 18 Uhr oder die Option, einen Lieferservice einzurichten.

Doch für Gaststätten wie die "Westbar", die ausschließlich auf den Abend setzen, bedeuten die Anweisungen das vorläufige Aus. "Wie sich das anfühlt?", wiederholt Bruno Sisko die Frage im Gespräch mit dieser Zeitung - und überlegt nur kurz: "Etwa so, als würde Dir jemand ein Organ entnehmen."

Coronavirus in Frankfurt: Kneipen und Bars müssen schließen

Viel Zeit, Geld und vor allem: Herzblut haben die Brüder in ihr Projekt gepumpt, damit es zu dem wurde, was sie sich erträumt hatten: Nämlich mehr als nur eine Sportsbar für Fußballverrückte. "Stadtteilbar" nennen es Bruno und sein Bruder Igor stolz. Zu den Eintracht-Spielen füllten die Fußball-Stammgäste regelmäßig die Räume. An den anderen Tagen fanden sich auch viele Nicht-Sportfans ein, vom Studenten bis zum Rentner.

Sie konnten in der in dunklem Holz getäfelten Bar mit 70 Sitzplätzen von ihrem Tag erzählen, flippern, flirten und feiern. Links oben begrüßte der Schädel eines Sachsenhausener Rinds die Gäste, geradeaus fing eine auf mehreren Leinwänden verteilte Collage die Blicke auf. Ein befreundeter Künstler hatte sie nach den Wünschen der Brüder angefertigt. Wie auch das mehrere Meter hohes Bild im Tischkicker-Raum, in dem die Größen der Rockgeschichte von Jimi Hendrix über Iggy Pop bis zu den "Beastie Boys" grüßten. In einem Raum verkauften die Brüder T-Shirts und andere Artikel, oft mit lokalpatriotischen Sprüchen versehen. Aufdrucke wie das trotzige "Höchst Asozial" und "Westliche Vororte" wurden zu Kult-Klassikern im Stadtteil.

Kneipenschließung wegen Coronavirus Frankfurt: Gäste bieten Hilfe an 

Das Konzept kam an: Die Sitzplätze waren bei Sportübertragungen Tage vorher ausgebucht, das Stammpublikum wuchs mit der Zeit. Und erst vor gut einem Jahr kürten die Nutzer der Facebookseite des Sport-Bezahlsenders "Sky" die Höchster "Westbar" zu einer der 20 besten deutschen Sportsbars. Nun schneidet die plötzliche Zwangspause, von der die Siskos nicht wissen, wie lange sie dauern wird, die Erfolgsgeschichte ab. Genannt als mögliches Ende der Schließung ist zwar mit dem 19. April das Ende der Osterferien. Doch Bruno Sisko fürchtet, "dass uns das Virus noch wesentlich länger begleiten wird." Bis dahin entfallen nicht nur die Einnahmen, sondern fressen Miete, Strom, Gas, Versicherung, Telefonkosten und das Abo für den Sportbezahlsender die Reserven der Eigentümer auf - wie auch bei anderen Wirten in der gleichen Situation.

Doch Aufgeben ist keine Option für die Sisko-Brüder: "Wir werden kämpfen und alles versuchen, um die Durststrecke zu überleben". Diesen Kampfgeist zieht Bruno Sisko auch aus den Reaktionen der vergangenen Tage: "Wir hatten unheimlich viele Gäste", berichtet er. Viele kamen, um ein Zeichen zu setzen, den "Westbar"-Betreibern Mut zu machen und ihre Hilfe anzubieten. "Der eine bestellt noch mal Klamotten bei uns, der andere bietet an, unsere Restware abzukaufen", erzählt der Wirt, der von seinem Stammpublikum begeistert ist. "Und einige sagen: Egal, was ist - wir helfen Euch". Die Menschen gäben ihnen das Gefühl, "dass wir mit unserer ,Westbar' Teil ihres Lebens geworden sind - das macht uns stolz und gibt uns viel Kraft.

Kneipenschließung wegen Coronavirus: Besitzer fürchten um Existenz

Doch wie geht es weiter, wenn kein Geld in die Gaststätten-Kassen fließt? Wenn noch länger zu ist? "Die Politik", so ist sich Bruno Sisko sicher, "ist sich bewusst, dass die Gastronomie dringend Hilfe braucht. Und dass Restaurants, Bars und Lokale wichtig sind, auch weil sie eine soziale Funktion erfüllen." Außerdem, fügt er, halb trotzig, halb augenzwinkernd hinzu: "Wenn dieser ganze Alptraum vorbei ist: Wo will man denn feiern, wenn nicht bei uns? Michael Forst

Mit Flexibilität und neuen Einfällen kämpfen die Gastronomen auch im Frankfurter Westen gegen die wegen des Coronavirus auferlegten Einschränkungen an. So hat der traditionsreiche "Riwweler" in Sossenheim sein Lokal zwar seit gestern für zehn Tage geschlossen, bevor er die Öffnungszeiten an die gesetzlichen Vorgaben anpasst. Sprich: Wie alle Restaurants darf der "Riwweler" nur bis 18 Uhr geöffnet haben. In der Zwischenzeit aber bietet er seinen beliebten Äppler "to go" und den Eierlikör, frisch abgefüllt, ebenfalls in der Mitnehm-Variante für Zuhause an. Viele andere Restaurants, darunter auch die Traditionshäuser "Zum Bären" und "Zum Schwan" am Höchster Schlossplatz, haben jetzt einen Lieferservice organisiert - bis 21 Uhr. Der "Schwan" kommt nach Höchst, Unterliederbach, Sossenheim, Nied, Sindlingen, Zeilsheim und in den Industriepark bis zu den Toren. Der "Bär" tapst bislang nach Höchst und Unterliederbach - "vorerst zum Üben", wie es auf der Website des Lokals heißt.

Viele Gastronomen fürchten, nach den Corona-Lockerungen nicht wirtschaftlich arbeiten zu können. Auch die „Westbar“ in Frankfurt sollen deswegen viele Kneipen geschlossen bleiben.

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