Juni 1946, die Bolongarostraße in Höchst. Rechts zu sehen ist das Wollgeschäft von Theo Mies, hinten links das Kronberger Haus. Im Juni 2021 ist der Straßenzug trotz aller Veränderungen wiederzuerkennen.
+
Juni 1946, die Bolongarostraße in Höchst. Rechts zu sehen ist das Wollgeschäft von Theo Mies, hinten links das Kronberger Haus.

Stadtteilgeschichte

Schokolade, Nylons, Kaugummi und der AFN

  • Holger Vonhof
    VonHolger Vonhof
    schließen

Seit 75 Jahren gibt es die FNP - viel hat sich seitdem verändert. Deshalb drehen wir die Uhren zurück und werfen einen Blick in die Vergangenheit. Heute nach Höchst.

Höchst -Einer, der heimgekehrt ist aus dem mörderischen Krieg, geht mit seiner Freundin oder Frau die Bolongarostraße entlang. Ein Bein hat er verloren - aber zumindest nicht das Leben, wie so viele andere. Es ist Juni 1946, als dieses Bild aufgenommen wird. Die Spuren des Krieges sind unübersehbar: Das Schaufenster des Wollgeschäfts von Theo Mies ist zugemauert; viel gibt es nicht in den Läden, die offen haben. Ein US-Soldat schäkert am Fenster mit einer Deutschen, die ihre Haare mit Lockenwicklern eingedreht hat. Berühren sich ihre Hände auf dem Fensterrahmen? Es scheint so. Mehr als ein Jahr sind die Amerikaner jetzt da, und das anfängliche Fraternisierungsverbot beginnt aufzuweichen. Von den GIs bekommen viele unter der Hand nötige Lebensmittel, aber auch Luxusartikel wie Nylonstrümpfe, Kaugummis oder Schokolade. Besonders die Kinder gewinnen die Herzen der Amerikaner; sie werden selten weggeschickt, denn ihnen geben die Besatzer keine Schuld am Krieg. Das Höchster Schloss, nur einen Steinwurf entfernt, hat sich der amerikanische Soldatensender American Forces Network (AFN) als Hauptquartier auserkoren. Es war im Besitz der Farbwerks-Gründerfamilie von Brüning, die von den Amerikanern kurzerhand ausgewiesen wurde. Etwas mehr als drei Monate nach dieser Aufnahme, am 1. Oktober 1946, nahm der AFN seinen Sendebetrieb vom Höchster Schloss aus auf. Und der Soldatensender blieb bis 1966. Dann zog er an die Bertramswiese, in direkte Nachbarschaft des Hessischen Rundfunks, den es 1946 noch nicht gab. Noch 1945 hatten die Amis "Radio Frankfurt" gegründet; gesendet wurde erst aus Bad Nauheim und dann vom Frühjahr '46 an aus dem notdürftig in Stand gesetzten alten Funkhaus an der Eschersheimer Landstraße.

Viele Ältere, die 1946 Buben oder Mädchen in geflickten Lumpen waren, bekommen noch heute strahlende Augen, wenn sie sich an den Geschmack von Hershey's Chocolate erinnern. Bald nach diesem Foto, am 15. Juli 1946, kamen auch die ersten amerikanischen CARE-Pakete in Deutschland an - mit Corned Beef und Vollmilchpulver. Trotzdem wurde der Winter 1946 / 47 ein weiterer Hungerwinter.

In der US-amerikanischen Zone wurde am 30. März '46 die Sperrstunde aufgehoben. Die sozialdemokratische Stadtverordnetenfraktion beschloss am 17. Juli 1946 einstimmig, den Düsseldorfer Oberstadtdirektor Walter Kolb als Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters zu benennen. Kolb wurde am 1. August 1946 ins Amt eingeführt und bezog bald darauf Wohnung im westlichen Pavillon des Bolongaropalasts in Höchst, dem heutigen Standesamt. Dort war am 18. Mai 1946 der Chemiker, Erfinder und passionierte Büchersammler Otto Vollbehr gestorben. Offiziere der US-amerikanischen Kunstschutz-Einheit "Monuments Men" hatten ihn nach Kriegsende nach Frankfurt kommen lassen, damit er mit seiner Expertise bei der Katalogisierung der immensen, von den Nazis geraubten jüdischen Bibliotheken half. Er liegt auf dem Höchster Friedhof begraben.

Walter Kolb, der seine Wohnräume übernahm, gilt als populäre Verkörperung des Wiederaufbaus Frankfurts nach dem Zweiten Weltkrieg. In Höchst erinnern sich Ältere noch daran, dass er im Garten des Bolongaropalasts mit seinen zwei großen Hunden spazieren ging - und sich Gedanken darüber machte, wie die zerstrittene Stadtregierung zu einen sei. Am 19. September wurde schließlich im Römer die Große Koalition aus SPD und CDU vereinbart. Mit der Beendigung dieser Magistratskrise wurde 1946 der Grundstein für die Zusammenarbeit von SPD und CDU bis Anfang der 70er Jahre gelegt; einiges soll dabei unter den Bäumen des Bolongarogartens geklärt worden sein. hv

Die nächste Folge der Serie

Morgen sehen Sie auf der Innenstadt-Seite, wie sich der Westhafen in 75 Jahren verändert hat.

Im Juni 2021 ist der Straßenzug trotz aller Veränderungen wiederzuerkennen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare