Bahnhofsviertel Frankfurt
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Anwohner beklagen die Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel. Unter anderem wird der offene Drogenkonsum auf den Straßen kritisiert. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2018. (Archivfoto)

Gewalt, Drogen und Dreck

Gewalt, Drogen und Dreck: Anwohner beklagen Lage im Frankfurter Bahnhofsviertel

  • vonGernot Gottwals
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Um die besorgniserregende Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel zu verdeutlichen, lassen sich die Anwohner eine kreative Lösung einfallen.

Frankfurt – Die Bilder sind bekannt und doch schockierend: Mitten im Unrat setzen sich Drogenabhängige ihren Schuss, während Passanten vorbeilaufen, auch Schulkinder. "Hier kann niemand mehr normal mit seiner Familie wohnen", sagt eine Anwohnerin. Natürlich sei ihr die Situation im Bahnhofsviertel bekannt gewesen, als sie mit ihrem Mann eine Eigentumswohnung in der Elbestraße kaufte. Doch nun habe sich die Situation seit Corona wesentlich verschlimmert.

Ein gutes halbes Jahr nach den versprochenen zusätzlichen Öffnungen von Aufenthaltsräumen und anderen Hilfsmaßnahmen* durch Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) schlagen Anwohner aus dem Bahnhofsviertel, die anonym bleiben wollen, erneut Alarm. Sie dokumentierten die katastrophalen Verhältnisse mit selbst gedrehten Videos in der jüngsten Sitzung des Ortsbeirates 1 (Altstadt, Bahnhofsviertel, Europaviertel, Gallus, Gutleutviertel, Innenstadt). Dort stießen sie mit ihrer schonungslosen, realistischen Bestandsaufnahme auf großes Verständnis, aber auch auf einige Kritik.

Frankfurt: Ortsbeiräte kritisieren Aufnahmen von Anwohnern im Bahnhofsviertel

„Offen von ‚Zombies‘ mitten im Dreck und Kot zu sprechen, ist schon sehr herabwürdigend, gerade auch, wenn man die dortige Lage kennt“, kritisierte etwa Maximilian Klöckner (Die Partei). Wer deshalb von entsprechend günstigen Wohnungsangeboten profitiere und dann die Lage dort als unerträglich darstelle, müsse sich selbst hinterfragen. Andererseits hatte auch Dezernent Majer beim Besuch des Ortsbeirates 1 im vergangenen November für den Zuzug von Neubürgern geworben, um das Quartier, in dem der Frankfurter Hauptbahnhof liegt, durch eine bessere soziale Durchmischung vor zunehmender Verwahrlosung zu schützen.

Vor allem Die Partei und die Linke kritisierten das Filmen von Drogenkonsumenten in verwahrloster Umgebung, ohne dass die Gefilmten durch eine Verpixelung unkenntlich gemacht wurden. „Doch genau so drastisch“ stelle sich doch eben jener Alltag auf den Straßen des Bahnhofsviertels dar, betonte ein anderer Anwohner und sprang seiner Vorrednerin energisch bei. „Oft kommen auch noch Schlägereien hinzu. In den Straßen herrscht beißender Uringestank. Die Menschen müssen einem leidtun, aber es sollte genügend Druckräume und dann keine Toleranz mehr gegenüber offenem Konsum auf der Straße geben.“ Stephan Korte (FDP) sagte: „Es wäre noch mehr Polizeipräsenz nötig. Aber da es sich um die Landespolizei handelt, können wir als Ortsbeirat da wenig ausrichten“.

Dauerhafte Verbesserung bei der Drogenpolitik im Bahnhofsviertel Frankfurt braucht Zusammenarbeit

Die Stadt nimmt sehr viel Geld in die Hand, um die Drogenprobleme im Viertel zu bekämpfen. Majer sprach im November 2020 von zwölf Millionen Euro jährlich. Allerdings kämen nur 45 Prozent der Süchtigen aus Frankfurt. „Immerhin verläuft durch das Bahnhofsviertel auch ein Schulweg. Die Kinder wünschen sich hier aufsuchende Sozialarbeit, um geschützt zu sein“, betonte Dirk Schneider, Kinderbeauftragter für das Gallus. Monika Christann (Linke) verwies auf den Verteilungskampf zwischen Arm und Reich, der sich auch in der Straßenprostitution zeige, Petra Thomsen (Grüne) auf den zusätzlichen Platz, der in einem Bahnhofsviertel ohne Autoverkehr entstünde.

„Unser Fokus liegt auf der Bekämpfung der Milieu-, Rauschgift- und organisierten Kriminalität, aber eine dauerhafte Verbesserung kann nur in der Zusammenarbeit mit den städtischen Behörden gelingen“, erklärt Polizeipressesprecherin Isabell Neumann auf Anfrage. Und Kirsten Gerstner, Referentin des Gesundheitsdezernats, erklärte: „Zusammen mit der Drogenhilfe haben wir gerade in der Pandemie unsere Angebote für drogenkranke Menschen enorm ausgebaut“. Die Konsumräume seien seit Jahresbeginn rund um die Uhr geöffnet und die Öffnungszeiten des Nachtcafés im Februar erweitert worden. Doch wegen der Pandemie seien die Hygienevorschriften noch streng, die Zahl der Personen, die sich in einer Einrichtung aufhalten dürfen, limitiert. Das Müllproblem werde durch zusätzliche private, unorganisierte Essensverteiler verschärft. (Gernot Gottwals) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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