Emilia (14) bekommt von Sinan Yüksel (Auszubildender bei der DRK Frankfurt) die Herzdruckmassage an einer Sanitätspuppe gezeigt.
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Emilia (14) bekommt von Sinan Yüksel (Auszubildender bei der DRK Frankfurt) die Herzdruckmassage an einer Sanitätspuppe gezeigt.

Wiederbelebungskurs am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium

Schüler lernen, Leben zu retten

Ein ungewöhnliches Projekt hat das Heinrich-von-Gagern-Gymnasium am Zoo auf eigene Faust gemeinsam mit dem Deutschen Roten Kreuz Frankfurt ins Leben gerufen: Einen Reanimationskurs für alle Schüler der 8. Klassen, um die Todesrate beim plötzlichen Herztod zu mindern.

„Da ist immer wieder Unkenntnis und die Angst, etwas falsch zu machen. Wegen dieser unbegründeten Furcht sterben Menschen“, erklärt Jan Czudai, Leiter des Schulsanitätsdiensts und Lehrer für Politik, Wirtschaft und Englisch am Gymnasium. „Jedes Jahr sterben 65 000 Menschen den plötzlichen Herztod in Deutschland, weil Rettung zu spät kommt.“

Es kommt auf die Sekunde an. „Jede Minute, die das Herz still steht, senkt die Überlebenschance um 10 Prozent“, so der ehemalige Rettungsassistent des DRK Frankfurt. Nach fünf Minuten sinke die Todesrate auf 50 Prozent. Bereits nach einer Minute Herzstillstand können irreversible Hirnschäden auftreten. Das soll anders werden. Das Gymnasium hat sich mit dem DRK Frankfurt, dem Jugendrotkreuz Frankfurt, den Eltern, Lehrern und dem Schulsanitätsdienst zusammengeschlossen, um einen Tag lang allen 110 Schülern der 8. Klassen direkte Wiederbelebungsmaßnahmen beizubringen. Das Feststellen des Atemstillstands, Mund-zu-Mund-Beatmung, Herzdruckmassage und die Nutzung des Defibrillators.

Rhythmus ist wichtig

An Phantompuppen mit fast lebensechten Gummigesichtsmasken mit Zähnen und Nasenlöchern üben die Kinder Herzdruckmassage. Sie knien auf roten Decken, drücken fest 100 bis 120 Mal mit übereinander gelegten Händen in der Minute. Alle 30 Sekunden beatmen sie tief durch den Mund. Der Rhythmus ist wichtig, darum läuft im Hintergrund Musik. „Stayin“ alive“ von den Bee Gees. „Ich finde es komisch, wie tief man in den Brustkorb drücken kann und dass es dabei keine Verletzungen gibt“, wundert sich Emilia (14). Das Beatmen sei ein merkwürdiges Gefühl. „Für einen anderen Menschen zu atmen, das kann ich nicht beschreiben.“ Emilia hat schon einmal einen Mann in den Bergen gesehen, der umgekippt ist und von Spaziergängern beatmet wurde, bis der Rettungsdienst nach 20 Minuten kam. Ob er überlebt hat, weiß sie nicht. Nach dem Kurs würde Emilia helfen und hofft, dass „ein anderer die Mund-zu-Mund-Beatmung macht“.

Vor kurzem haben die Schüler im Biologie-Unterricht das Thema Herz-Kreislauf-System durchgenommen und sie verstehen die Zusammenhänge. Es tauchen Fragen auf, ob man auch bei Schwangeren und Säuglingen eine Herzmassage machen dürfe. „Selbstverständlich“, antwortet Konstantin Heuchert, DRK Frankfurt Rettungsdienstmitarbeiter.

Auch Herzflimmern wird erklärt und wie ein Defibrillator richtig eingesetzt wird. „Nicht wie im Fernsehen. Bei Herzflimmern wird er genutzt, dann bekommt das Herz einen kurzen Schock, steht kurz still und kann dann selbständig wieder schlagen. Das Gute an dem Gerät ist, dass es Diagnosen selbst stellt und mit euch spricht, ob und was ihr tun sollt“, so Heuchert geduldig.

Dänemark macht’s vor

Das Projekt soll Schule machen. Es gibt zwar einen Beschluss des Kultusministeriums aus dem Jahr 2014 für solche Schulungen. In Hessen sei aber bisher nicht passiert, ärgert sich Czudai. In Dänemark seien Wiederbelebungstrainings längst Pflicht an Schulen, und die Überlebensrate bei Herzstillstand habe sich bereits verdoppelt. „Also nehmen wir es eben selbst in die Hand. Immerhin geht es um Menschenleben. Wir planen, dass alle achten Klassen jährlich ein Training machen und noch eines vor dem Abitur.“

Durch Reanimation können mindestens 5000 Menschen pro Jahr in Deutschland gerettet werden. Die Angst, etwas falsch zu machen, sei unbegründet. „Was soll man falsch machen, wenn ein Herz nicht mehr schlägt?“, fragt Czudai. „Jeder, der hilft, kann strafrechtlich nicht belangt werden. Wer nicht hilft, dem droht eine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung.“

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