Redakteurin Sarah Bernhard ist zufrieden. Ihre Click & Meet-Tour bescherte ihr die benötigten Schuhe und die Computertastatur. Stressig war's nicht, nur im Schuhgeschäft drängte die Zeit.
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Redakteurin Sarah Bernhard ist zufrieden. Ihre Click & Meet-Tour bescherte ihr die benötigten Schuhe und die Computertastatur. Stressig war's nicht, nur im Schuhgeschäft drängte die Zeit.

Konsum und Corona

Schuhe suchen bis zum Gong: Auf Frankfurter Einkaufstour nach Terminplan

  • vonSarah Bernhard
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Click & Meet muss sich in manchen Geschäften noch einspielen, die meisten Kunden aber reagieren verständnisvoll Wir haben das Shoppen im gebuchten Zeitfenster ausprobiert.

Frankfurt -"Wollen Sie mich verarschen?", schreit die dunkelhaarige Frau. "Das ist nicht Einkaufen, das ist Erpressung!" Sie steht vor dem Pult am Eingang des Siemes Schuhcenters in Griesheim und versteht nicht, warum sie Name, Adresse und Telefonnummer angeben soll, wenn sie Schuhe kaufen möchte. "Und was ist, wenn ich sie nicht angebe?" Die Provokation prallt an der Filialleiterin hinterm Pult ab. "Dann können Sie hier auch nicht einkaufen", sagt sie ruhig.

Seit genau einer Woche dürfen Geschäfte in Hessen wieder öffnen, sofern sie ein Terminvergabesystem nutzen. "Click & Meet" (Klicken und sich treffen) heißt dieses Konzept, click, weil man im Internet (oder telefonisch) einen Termin ausmacht, meet, weil man dann ins Geschäft darf. Wir wollten wissen, was die Händler nach der ersten Woche dazu sagen. Und ob das System tatsächlich funktioniert. Ich brauche neue Schuhe und eine Computertastatur - und mache mich auf zum Praxistest.

Die Terminvergabe des Schuhcenters braucht tatsächlich nur einen Klick, 24 Stunden vorher schickt das Unternehmen eine Erinnerungs-E-Mail, über die man den Termin auch absagen oder verschieben kann. Kunden, die einfach vor der Tür stehen, werden auf die nicht gebuchten Slots geschoben. "Die meisten Kunden haben Verständnis", sagt die Filialleiterin. Inklusive der dunkelhaarigen Dame seien bisher erst drei Personen wieder gegangen.

"Den meisten Kunden reicht die Zeit"

Hat man das Formular mit den Kontaktdaten ausgefüllt und einen nummerierten Sicherheits-clip in Empfang genommen, hat man 30 Minuten Zeit zum Einkaufen, bevor die Nummer wieder ausgerufen wird. Für entscheidungsunfreudige Kunden eine Herausforderung. Gerade, als die Mitarbeiterin ansetzt, um meine Nummer 27 auszurufen, stehen die neuen Schuhe auf dem Band. "Den meisten Kunden reicht die Zeit", sagt die Filialleiterin. "Insbesondere Mütter mit Kindern sind meistens deutlich schneller fertig." Viele empfänden das jetzige System deshalb sogar als Entlastung: "Bei uns ist es oft sehr voll. So ist es nicht nur für uns, sondern auch für die Kunden angenehmer."

Auch für Andreas Bovet, den Mit-Inhaber von Betten Raab in der Schillerstraße, ist "Click & Meet" eher ein Vor- denn ein Nachteil: Eine Matratze kaufe man sowieso nicht im Vorbeigehen, "nun können wir die Kunden ohne Störung beraten". Zwei bis drei Termine hat Bovet - täglich, die ganze Woche ist bereits ausgebucht. "Ich bin gut ausgelastet", sagt er. Um die Mitarbeiterin aus der Kurzarbeit zu holen, reiche das allerdings noch nicht.

Und auch für die meisten anderen Branchen sei das System eine Katastrophe. "Man will doch durch die Stadt und die Läden bummeln, dann geht man einen Kaffee trinken und dabei fällt einem ein, dass man noch schnell eine neue Hose kaufen könnte. Mit "Click & Meet" geht das alles nicht", sagt Bovet. Die Leute hätten aber keine Lust, nur für einen Termin nach Frankfurt zu fahren.

Auf dem Weg durch die fast leere Skyline Plaza bestätigt sich das: Hier hängt ein schöner Pullover im Schaufenster, dort ein schönes Oberteil, das auch dringend nötig wäre - aber in den kleinen Läden, in die nur ein oder zwei Kunden gleichzeitig dürfen, sind die "Click & Meet"-Termine für die nächsten Stunden bereits vergeben. Leichte Frustration macht sich breit. 60 Mieter des Skyline Plaza dürfen regulär öffnen, weil sie Artikel des täglichen Bedarfs anbieten, weitere 30 Prozent dank "Click & Meet", darunter Saturn. Dann eben direkt dorthin in den ersten Stock.

"Vereinbart jetzt einen Termin", schreibt das Unternehmen auf der Homepage des Skyline Plaza, per WhatsApp, Telefon oder E-Mail. Doch unter der angegebenen Nummer gibt es keinen Whatsapp-Account. Der Saturn-Mitarbeiter am Telefon rät, einfach vorbeizukommen, da am Eingang sowieso nochmals Daten aufgenommen werden müssten.

So handhabt das auch Gudrun Spieske, Inhaberin der Bastelkiste Höchst. "Heute habe ich drei Termine, aber wenn dazwischen jemand vor der Türe steht, lasse ich ihn natürlich rein und trage ihn nachträglich als Termin ein", sagt sie. Der Sinn von "Click & Meet" sei ihr deshalb schleierhaft: "Ohne Termine würde das bei mir genauso laufen und wäre genauso sicher." Das ärgere sie besonders deshalb, weil sie eine der wenigen in der Straße sei, die erst jetzt wieder öffnen durfte: Imbisse und Läden, die Tabak, Zeitschriften oder Lotto anbieten, konnten durchgehend weiter verkaufen. Sie missgönne es den anderen Einzelhändlern nicht, "jeder hat es gerade schwer". Aber je länger sich die Pandemie hinziehe, "und je mehr es ans Eingemachte geht, desto ungerechter wird es vom Gefühl her."

"Es ist okay, sich nur umzuschauen"

Die Saturn-Front ist mit rot-weißem Band abgesperrt, ein Security-Mitarbeiter patrouilliert. Wenn nicht auch hier ein Pult stünde, könnte das Elektronikgeschäft als Tatort durchgehen. "Haben Sie einen Termin?", fragt der Mitarbeiter am Pult. Ja, nee! Hätte ich über das Buchungssystem auf der Saturn-Seite machen können, sagt er. Auch dort steht aber, dass man einfach vorbeikommen soll. Ein ausländisches Paar verzweifelt daran, die Postleitzahl seiner Unterkunft zu ermitteln, eine Pflichtangabe. Andere Wartende stehen zögernd herum. Alle sind ein bisschen irritiert. Schließlich wird eine beliebige Frankfurter Postleitzahl ausgewählt und alle dürfen hinein, weil die maximale Kundenzahl von 52 noch lange nicht erreicht ist.

Angela Henn, Inhaberin von Peggy Sue Vintage in Sachsenhausen, ist die geringe Kauflust der Menschen ebenfalls aufgefallen. "Den Leuten fehlt der Optimismus, dass Corona irgendwann aufhört. Die haben gar keine Lust mehr, sich etwas Schönes zum Anziehen zu kaufen." Mit einer Ausnahme: "Oberteile. Wegen der ganzen Online-Konferenzen."

Wie Bettenspezialist Bovet vorhergesehen hat, fehlen auch Henn die Flaneure und Restaurantbesucher. "Abends und nach Wochenenden hatte ich oft Anrufe, dass die Frau etwas Schönes im Schaufenster gesehen habe, das sie jetzt unbedingt haben wolle." Dazu komme bei kleinen Modeläden ein drittes Problem: "Neukunden haben oft Scheu, einen Termin auszumachen, weil sie denken, dass sie dann eine Verpflichtung eingehen." Das sei unnötig. "Es ist völlig okay, sich unverbindlich umzuschauen."

Bei Saturn gäbe es ebenfalls die Möglichkeit, sich ganz ohne Gedränge umzuschauen. Da es hier keine Oberteile zu kaufen gibt, führt der Weg aber direkt zu den Tastaturen. Ein Mitarbeiter in der Nähe hat sofort Zeit für Fragen. Keine Schlange an der Kasse. Geld- und zeitmäßig hat "Click & Meet" also deutliche Vorteile. Ob die Motivation reicht, um für ein neues Oberteil noch einmal einen Termin zu machen, ist allerdings fraglich.

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