+
Stühle sind in einem leeren Klassenzimmer der Linne-Schule auf den Tische abgestellt. An Hessens Schulen fällt bis zum Ende der Osterferien der Unterricht aus.

Bildung

Schulen fühlen sich während Corona-Pandemie allein gelassen

  • schließen

In vielen Schulen herrscht Unsicherheit. Der Unterricht muss wegen des Coronavirus neu organisiert werden, aber Fragen bleiben.

  • In Hessen schließen viele Schulen wegen der Corona-Pandemie
  • Nachteil beim Lernen für viele Kinder
  • Kritik an Kommunikation von Schulamt und Kultusministerium

Frankfurt - Am ersten Tag der Corona-Ferien haben Frankfurts Schulen die unterrichtsfreie Zeit so gut es geht organisiert. Grundschulen versorgten Eltern mit Lehrmaterial - zumeist per Mail. An den Gymnasien steht der reibungslose Ablauf des in dieser Woche beginnenden schriftlichen Abiturs im Vordergrund. Die meisten halten es so: Die Abiturienten werden in kleinen Gruppen auf mehrere Klassenräume verteilt, um den empfohlenen Mindestabstand von zwei Metern zu gewährleisten. Abiturienten und ihre Eltern an der Wöhlerschule am Dornbusch focht das nicht an. Gut 200 von ihnen standen gestern entspannt beisammen und hängten Abi-Plakate auf. Keine Sorge wegen Corona? „Man muss ja nicht gleich übertreiben“, rief eine Schülerin zurück, ihre Eltern nicken.

Coronavirus bedeutet für einige Kinder einen Nachteil beim Lernen

Hört man sich um, wird deutlich: Schulleitungen, Eltern und Schüler bewerten die Lage extrem unterschiedlich. „Wir sind die ganze Zeit über schlecht informiert worden über die möglichen Gefahren durch das Virus“, sagt etwa Benedikt Gehrling, Leiter der Erich-Kästner-Grundschule in der Nordweststadt und Sprecher der Frankfurter Grundschulleitungen, „und dann sind wir über die Schließung der Schulen auch noch extrem spät informiert worden.“ Noch am Donnerstag habe der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) Corona-Ferien für ausgeschlossen gehalten, betont Gehrling. Die offizielle Mail mit der Verordnung sei dann erst am Samstag gekommen, also einen Tag nach der Entscheidung.

Für seine Schule ist die rasche Organisation aufwendig; gut 60 Kinder müssen betreut werden, weil ihre Eltern in Krankenhäusern arbeiten. Fünf Stunden hätte sein Kollegium am Sonntag daran gearbeitet, das Beste aus der Situation zu machen. Die Kinder aber, deren Eltern beim Lernen nur wenig unterstützen könnten, seien nun klar benachteiligt.

Lehrer verweisen beim Thema Coronavirus auf Kultusministerium

So sieht das auch Beate K., die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie ist Elternsprecherin an einer Grundschule und fragt sich vor allem, wie die Gymnasien nächstes Jahr mit den vielen nicht ausreichend ausgebildeten Schülern umgehen werden. Im Nachhinein wundert sich Beate K. ein wenig über die Sorglosigkeit, die auch an Schulen bis vor kurzem vorherrschte. „Es war kein Thema, und es gab nie Fragen von Eltern.“

Für Max liegt der Grund dafür auf der Hand. „Alle haben das unterschätzt; unser Bio-Lehrer war bis vor drei Wochen der Ansicht, das sei alles Hysterie.“ Max ist 19, hat Biologie als Leistungsfach und macht in diesem Jahr sein Abi. Auch er will weder seinen Namen nennen noch das Gymnasium, auf das er geht. „Wir Schüler haben uns über Messe-Absagen gewundert und warum wir noch im engen Raum zusammenhocken, und die Lehrer haben alle nur aufs Kultusministerium verwiesen.“

Corona bedeutet auch Unwissenheit über die Zeit nach den Osterferien

Dass er in die 13. Klasse geht, sieht Max als Glück an. „Die Zwölftklässler, bei denen jetzt die Qualifikationsphase mit neun Klausuren begonnen hätte, müssen nächstes Jahr voll reinhauen, um den riesigen Rückstand wieder aufzuholen.“ Denn für Max steht eines noch längst nicht fest: dass der Unterricht nach den Osterferien wieder aufgenommen wird.

Ulrich Wyneken von der Carl-Schurz-Schule, einem Gymnasium in Sachsenhausen, wüsste nicht, was dagegen spricht. „Wir tun so, als würde zwischen Osterferien und Sommerferien wieder unterrichtet“, sagt der Schulleiter ganz im Vertrauen aufs Kultusministerium. „Jedenfalls haben wir keine Infos für die Zeit nach den Osterferien.“

Kritik an Kommunikation während Corona-Pandemie

Grundschul-Leiter Gehrling schwant genau deshalb nichts Gutes angesichts der bisherigen Kommunikation von Schulamt und Kultusministerium. „Wir fühlten uns allein gelassen.“ Als Beispiel zitiert er aus einer Mail zu den Schul-Kino-Wochen. Darin heißt es: Wer mit einer Klasse teilnehmen wolle, solle das Gesundheitsamt kontaktieren und eine Risikobewertung vornehmen lassen. Was man von offiziellen Risikobewertungen halten kann, hat Schulleiter Benedikt Gehrling vor wenigen Wochen erfahren: Der Freund einer Mutter, ein Pfleger, musste in Quarantäne. Das Gesundheitsamt antwortete auf Nachfrage der Schule: So lange das Kind keine Symptome zeige, gebe es keinen Grund zur Sorge.

Kommentar: Wie der Wettlauf von Hase und Igel

Man sollte meinen, die Politik und mit ihr auch das Kultusministerium und seine Ämter hätten aus den Versäumnissen der vergangenen Wochen gelernt und würden nun den Rückstand aufholen. Iwo. Während die Schulen gerade ohne Vorbereitungszeit Notbetreuung und Heimunterricht organisieren und dabei - klar - auf Eltern angewiesen sind, zeichnet sich schon die nächste Hauruck-Aktion ab. Statt nämlich nun in Ruhe das Notfall-Szenario für nach den Osterferien vorzubereiten, geschieht wieder nichts.

Immerhin kam gestern Nachmittag noch Lob aus dem Staatlichen Schulamt. Dessen Leiterin Evelin Spyra bezeichnet die Leistung der Frankfurter Schulen im Sinne der Corona-Eindämmung als „vorbildlich“. Gut, wenn man sich auf seine Leute verlassen kann. Nur muss das auch umgekehrt gelten. Manche Schule fühlt sich alleingelassen. Verständlich. Dass einerseits Großveranstaltungen abgesagt wurden, andererseits Kinder und Jugendliche sich weiterhin in Klassenräumen versammelten, löste Unverständnis aus. 

Dass die Gefahr für Risikogruppen in Lehrerkollegien und Familien kleingeredet wurde, Verärgerung. Und weil eben Schulen ein Hotspot im Kampf gegen das Virus sind, könnte die Zwangspause bis zum 20. April nicht ausreichen. Wie also geht's weiter, wenn's in den Schulen nicht weitergeht? Die Frage liegt auf der Hand, Zeit ist nun da, Antworten zu finden. Sie mache sich erst Gedanken über den nächsten Schritt, wenn er verordnet wird, sagte gestern die Leiterin des Staatlichen Schulamts dazu. Es ist wie der Wettlauf vom Hasen und dem Igel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare