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Am Modell erklärt Dr. Aristotelis Kaisidis die komplexe Struktur der Schulter. Das beweglichste Gelenk im menschlichen Körper wird von zahlreichen Muskeln und Sehnen gehalten.

Frankfurter Mediziner

Schulter ist seine Spezialität

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Seit Jahresbeginn haben die Rotkreuz-Kliniken eine eigene Klinik für Schulterchirurgie – eine Rarität in der deutschen Medizinlandschaft. Vergleichbare Angebote gibt es bislang nur in Bad Neustadt an der Saale und in Hamburg. Von der Asklepios-Klinik in Seligenstadt hat das Frankfurter Haus dafür ein dreiköpfiges Ärzteteam um Schulterspezialist Dr. Aristotelis Kaisidis abgeworben.

Es gibt nicht viele Ärzte von der Sorte Aristotelis Kaisidis’. Genau genommen in Deutschland gerade mal eine Handvoll. Die Schulter – Kaisidis’ Spezialgebiet – zählt nicht gerade zur Lieblingsdisziplin der Orthopäden. Das kommt nicht von ungefähr, denn die Struktur des beweglichsten Gelenks in unserem Körper ist komplex: „Andere Gelenke sind knochen-, die Schulter ist weichteilgeführt“, erläutert der 43-Jährige, dass bei jeder Bewegung der Schulter eine Vielzahl unterschiedlicher Muskeln und Sehnen zusammenspielen. Während Knie- und Hüftgelenk in einer großen Knochenpfanne Halt finden, ist diese beim Schultergelenk „gerade mal so groß wie ein Knopf“, schildert Kaisidis.

Von Schulteroperationen raten viele Mediziner nach wie vor ab, weil der Zustand der Schulter danach oftmals schlechter ist als vor dem Eingriff. Kaisidis kennt diese Vorurteile. Vor zehn, zwölf Jahren sei die Schulterchirurgie „ein Nebenkriegsschauplatz gewesen“, entsprechend schlecht waren die Ergebnisse. Mittlerweile hätten sich die medizinischen Möglichkeiten rasant entwickelt. Allerdings gebe es in Deutschland viel zu wenige Spezialisten – neben der neuen Klinik für Schulterchirurgie an den Rotkreuz-Kliniken existierten vergleichbare Angebote nur in Bad Neustadt an der Saale und in Hamburg.

Dabei ist es mit der Schulter wie mit vielen anderen Dingen in der Medizin auch: Je öfter man es macht, umso besser das Ergebnis, zitiert Kaisidis anglo-amerikanische Studien: Nur wer 50 oder mehr künstliche Schultergelenke pro Jahr implantiere, erziele sehr gute, bei mehr als 100 Implantaten ausgezeichnete Ergebnisse. „Wenn einem aber die Expertise fehlt, sollte man es lieber sein lassen, sonst macht man nur noch mehr kaputt“, sagt Kaisidis.

Im Arztleben des Aristotelis Kaisidis spielt die Schulter seit jeher die Hauptrolle: Schon in seiner Zeit als Assistenzarzt an der Unfallchirurgischen Universitätsklinik in Patras, Griechenland, beschäftigte er sich mit dem komplexen Gelenk, vertiefte seine Kenntnisse später in der Schweiz am Kantonsspital St. Gallen und am St.-Anna-Hospital in Herne. Von 2010 bis 2015 leitete er die Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie mit dem Zentrum für Schulterchirurgie der Asklepios-Klinik in Seligenstadt.

Von dort ist der Deutsch-Grieche, der in München aufgewachsen und leidenschaftlicher Bayern-Fan ist, nun mit Oberarzt Dr. Panagiotis Pantos und Assistenzarzt Dimitrios Bochlos nach Frankfurt gewechselt. Zuletzt implantierte das Team in Seligenstadt 120 künstliche Schultergelenke pro Jahr. „Das dauert pro Gelenk 45 Minuten, und die Ergebnisse sind exzellent“, sagt der Chirurg. Neuerdings ist dies auch arthroskopisch möglich mit drei kleinen Schnitten zwischen 0,5 uns 1,8 Zentimetern Länge.

Dabei geht es längst nicht nur um künstliche Schultergelenke – Brüche, ausgekugelte Schultern, an- oder vollständig gerissene Sehnen – Arbeit gibt es mehr als genug für einen wie Kaisidis. „Es gibt allein zwölf verschiedene Rissformen bei Schultersehnen“ – und jede müsse unterschiedlich behandelt werden. Nimmt man alle Schulteroperationen zusammen, kommen der Chefarzt und sein Team pro Jahr auf 600 bis 700 Eingriffe. Eine Operation ist aber längst nicht in allen Fällen nötig. Oftmals könne auch gezielte Physiotherapie Beschwerden lindern, betont Kaisidis, der für so ziemlich jedes Schulterleiden ein passendes Trainingsprogramm entworfen hat.

Natürlich, in Frankfurt muss sich das Angebot erst noch herumsprechen, doch Kaisidis, der auch einen Lehrauftrag der Goethe Universität hat, denkt ohnehin in größeren Dimensionen: „Unsere Expertise in der Schulterchirurgie ist so groß, dass es fast schade wäre zu sagen, wir beschränken uns auf das Rhein-Main-Gebiet.“ Viele Krankenkassen etwa schickten ihm gezielt ihre Versicherten, auch von weiter her.

Oftmals sind es Hand-, Basket- oder Volleyballer, die mit Schulterbeschwerden zu Kaisidis kommen, weil diese Ballsportarten, genauso wie viele Wurfdisziplinen, das Schultergelenk besonders fordern. „Stellen Sie sich einen Speerwerfer vor, der seinen Arm mit einer enormen Geschwindigkeit nach vorne bewegt und auf einmal aufhört: Der Gelenkkopf geht weiter. Wenn Sie das immer wieder machen, gehen die vorderen Strukturen in der Schulter im Laufe der Zeit dahin“, erklärt der Experte. Er hat aber auch schon 30 Jahre alte Bodybuilder gesehen, „die hatten eine Schulter wie ein 150-Jähriger“, schildert Kaisidis, dass Gewichte, die wir stemmen, die Schulter siebenmal so stark belasten. „Wenn sie 50 Kilo stemmen, kommen 350 Kilo in der Schulter an.“

Grundsätzlich, sagt Kaisidis, der mit seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern in Seligenstadt lebt, sollten Betroffene nicht zu lange warten und die Ursache für ihr Schulterleiden rechtzeitig abklären lassen. „Das, was bei Knie und Hüfte gilt, nämlich Operationen so lange wie möglich hinauszuschieben, ist bezogen auf die Schulter katastrophal“, weiß der Spezialist, dass es für die Behandlung etwa der wichtigsten Sehne in der Schulter (Supraspinatus) nur ein bestimmtes Zeitfenster gibt. Dieses kann individuell unterschiedlich lang sein – ist es aber verstrichen, „kann man nichts mehr machen“.

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