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?Wie war das mit der Queen??: FNP-Redakteur Thomas Remlein im Gespräch mit Protokoll-Chef Karlheinz Voß (rechts).

Protokollchef Voß im Interview

Ein „Schulterklopfen von Prinz Philipp“

Er sorgt für die gekrönten und ungekrönten Häupter, die den Frankfurter Römer besuchen. Karlheinz Voß, Chef des Protokolls, organisiert die städtischen Empfänge. FNP-Redakteur Thomas Remlein sprach mit dem 63-Jährigen.

Er sorgt für die gekrönten und ungekrönten Häupter, die den Frankfurter Römer besuchen. Karlheinz Voß, Chef des Protokolls, organisiert die städtischen Empfänge. FNP-Redakteur Thomas Remlein sprach mit dem 63-Jährigen. Wie wird man Protokoller?

VOSS: Protokoller? Wahrscheinlich sind Sie von der fünften Jahreszeit geprägt. . .

Sie meinen Jürgen Dietz in der Rolle des „Protokollers im Deutschen Bundestag“ in der Mainzer Fastnacht?

VOSS: . . .Der Protokoller, der in die Bütt’ geht. Ich glaube, wenn ich meinen Job als Büttenredner verstünde, wäre das ganz falsch. Ich hab’ den Beruf „Protokoller“, nicht gelernt, sondern habe eine ganz normale Verwaltungsausbildung, wie fast alle meine Kollegen im Protokoll. Und bin dann 1978 vom damaligen Personaldezernenten Brück berufen worden. Der weitere Werdegang war dann Learning by doing.

Welche Eigenschaften braucht man für diesen Beruf?

VOSS: Starke Nerven, Gelassenheit, Kreativität, in manchen Situationen auch, dass der Herr einem zur rechten Zeit eine flinke Zunge schenken möge. Und ein solides Handwerk. Die Journalisten und Gäste erleben ja nur dem Empfang. Das Rüstzeug einer Verwaltungsausbildung ist nicht falsch. Sie müssen Bestellscheine schreiben, Angebote einholen, sie müssen Magistratsvorlagen machen. Die großen Preise, die die Stadt Frankfurt vergibt, Ehrenplakette, Goetheplakette, Bürgermedaille, sind an einen Magistratsbeschluss gebunden.

Welchen Vorlauf hat jetzt beispielsweise der Neujahrsempfang mit über 1000 Gästen?

VOSS: Das Datum des Neujahrsempfangs wussten wir seit Sommer 2015. Die Arbeit mit Erstellung der Einladungslisten beginnt dann etwa im Oktober. Ein gutes Vierteljahr vorher beginnt die Arbeit. Man muss sich ja auch konzeptionell etwas überlegen.

Wie viele Mitarbeiter unterstützen Sie im Protokoll?

VOSS: Wir sind 19 Personen, mich eingeschlossen. Wobei eine vierköpfige Serviceabteilung mit einem Kellermeister dazugehört. Die guten Geister im Hintergrund, die die Verwaltungsarbeit machen. Die „Frontkämpfer“ und „-kämpferinnen“ sind bei uns acht.

Welche Arbeitszeiten haben Sie?

VOSS: Also am Neujahrsempfang haben die meisten um 8 Uhr angefangen. Das Dienstende war, weil die geneigte Prominenz noch vor Ort war, deutlich nach Mitternacht. Am Ende des Monats habe ich nicht vier, sondern fünf Wochen gearbeitet.

Findet Ihr Beruf überwiegend in den Abendstunden statt?

VOSS: Sie erleben es in den Abendstunden. Aber die Vorbereitungen sind tagsüber. Nur wer gut vorbereitet ist, wird den Empfang, die Feierstunde, gut gerüstet überstehen können.

Ist der Beruf eher etwas für Frühaufsteher oder eher für Nachteulen?

VOSS: Die Tendenz geht eher in Richtung Eule. Empfänge um 9 oder um 10 Uhr sind selten. Weil viele unserer geladenen Gäste berufstätig sind, werden die Empfänge eher am Abend oder am Wochenende gewünscht. Beispielsweise der Friedenspreis des deutschen Buchhandels, der immer am Sonntag, um 11 Uhr stattfindet.

Kommt das Ihrem biologischen Rhythmus zupass? Sind S ie eher Lerche oder Eule?

VOSS: Ich bin eine Eule.

Wie so viele Zeitungsjournalisten auch. Wer war denn Ihr berühmtester Gast?

VOSS: Berühmtheiten waren 1985 beim Gipfeltreffen der Kabinette Kohl und Mitterrand in Frankfurt. Aufregend, weil auch noch RAF-Zeiten waren. Kanaldeckel wurden versiegelt, um die Sicherheit zu gewährleisten. Offensichtlich haben wir es so gut gestaltet, dass die Bundesregierung uns 1989 ein zweites Mal das Vertrauen geschenkt hat, um ein Gipfeltreffen der Kabinette Margaret Thatcher und Helmut Kohl zu organisieren. Alle unsere Bundespräsidenten waren in Frankfurt, der Tenno war zu Gast, zur Goethepreis-Verleihung an Siegfried Lenz kam Königin Sofia von Spanien.

. . .Und die Queen?

. . .Und dann die Queen, die zum ersten Mal Frankfurt besucht hat. Als „Dinosaurier“ in der Protokoll-Abteilung habe ich ziemlich exakt gewusst, was da auf uns zukommt.

Der Queen soll ja ihr Rindfleisch mit grüner Soße nicht so geschmeckt haben.

VOSS: Den Eindruck hatte ich nicht. Ich habe mit der geeigneten Distanz beobachtet, dass sie den angebotenen Speisen zugesprochen hat. Sie war auch in angelegentlicher Unterhaltung mit dem Ministerpräsidenten des Landes Hessen. Von ihrer Gestik, die immer zurückhaltend sein wird, konnte man schon darauf schließen, dass wir die Dinge richtig organisiert hatten.

Ihren Mann, Prinz Philipp, hatten Sie schon vorher getroffen?

VOSS: Es war die dritte Begegnung. Am 14. März 1979, ich war gerade einmal ein Vierteljahr in der Protokollabteilung, war er mein erster namhafter Staatsgast. In der Ära Andreas von Schoeler 1993 durfte ich ihn ein zweites Mal betreuen. Da gab’s dann ein kleines Bankett in einem renommierten Hotel. Da nahm mich Prinz Philipp auf die Seite und sagte: Lieber Herr Voß, ich werde von Hotel zu Hotel durchgereicht und von Steak zu Steak. Wenn ich in Frankfurt in der Heimat bin, möchte ich auch heimische Kost haben. Gucken Sie doch mal, ob sie nicht Sauerkraut und Püree haben und ein Stück Fleischwurst. Das Hotel war auf alles eingerichtet, nur nicht auf Fleischwurst. Ich hab mir dann den nächsten Liftboy geschnappt und ihm gesagt, er möge einen Kringel Fleischwurst beim Metzger kaufen. Beim letzten Besuch im Sommer kam ich mit Prinz Philipp ins Gespräch. Ich habe an diese Geschichte angeknüpft und er hat sich auch wieder daran erinnert. Er hat es mit einem wohlwollenden Schulterklopfen und einem Händedruck goutiert.

Es soll ja sehr gut Deutsch sprechen.

VOSS: Er spricht gut Deutsch, seine Wurzeln sind ja auch hier in Hessen. Sowohl Schloss Wolfsgarten als auch Battenberg gehört ja zu unserer Region.

Spricht er Deutsch mit englischem Akzent?

VOSS: Nein. Es kommt wohl auch darauf an, wie sehr er sich mit einem Gast einzulassen gedenkt. Er ist ja für seinen gelegentlich bissigen Humor bekannt. Wenn’s ihm nicht so gut gefällt, befleißigt er sich der englischen Sprache, wenn er etwas aufgeräumter ist, spricht er deutsch. Ich hatte wohl dann auch die große Ehre, dass er Deutsch mit mir parliert hat.

Spricht er Deutsch wie ein Muttersprachler?

VOSS: Nein, es ist eher ein weitgehend akzentfreies Hochdeutsch.

An welche Gäste erinnern Sie sich besonders gern?

VOSS: Helmut Schmidt und Gorbatschow.

Warum?

VOSS: Vor seinem Besuch 1991 hatte ich Helmut Schmidt schon ein paar Mal betreuen dürfen, wenn er in Frankfurt weilte. 1991 gab es einen Wirtschaftskongress in der Alten Oper. Beim anschließenden Bankett zitierte er mich an seinen Tisch und hat mich interviewt. Die Fragen kamen dicht gestochen und scharf, mir ward schon warm: „Was macht denn der Volker Hauff? Was muss der machen?“ Die Sozialdemokraten kreisten um den Tisch und fragten sich: ,Warum hat der Voß das Privileg, da schon eine Viertelstunde sitzen zu dürfen? Wie gut kennen die sich?’ Nach einer halben Stunde hat er mich dann ziehen lassen. Ich war froh, denn ich wusste nicht, wie lange ich seine Fragen noch parieren hätten können. Andererseits war ich stolz, eine halbe Stunde durchgehalten zu haben.

Und Gorbatschow?

VOSS: Den durfte ich zweimal begleiten. 1996 in Begleitung seiner Gattin Raissa und 2010 war er unser Gastredner zum Tag der deutschen Einheit. Da habe ich ihn zum Flughafen begleitet. Da kamen wir auch ins Gespräch. Seine Tochter war noch dabei. Seine Tochter hat dann als Dolmetscherin mein Englisch ins Russische übersetzt.

Ein Mensch im Protokoll muss aus solchen Begegnungen seine Kraft ziehen. Gerade bei den Arbeitszeiten. Ich habe auch mit Hannelore Kohl intensiv zusammenarbeiten können. Sie war die Vorsitzende der ZNS-Stiftung. Wir haben gemeinsam eine Benefiz-Gala in der Alten Oper gestaltet. Ein großes Ereignis war auch der Besuch Arafats 1996. Der Römer war ein Hochsicherheitstrakt. Beeindruckend war, dass Ignaz Bubis als Vorsitzender des Zentralrats der Juden und Magistratsmitglied aufstand, um Arafat auf halbem Wege im Kaisersaal entgegenging und umarmte. Die beiden kannten sich offensichtlich. Für mich ein Zeichen, dass sich im Nahostkonflikt etwas bewegt. Der Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen.

Planen Sie schon Ihre Memoiren?

VOSS: Sie sind nicht der Erste, der das fragt. Ein Abiturkamerad ist viele Jahre Journalist gewesen, der den Gedanken an mich herangetragen hat. Ausgeschlossen ist es nicht.

Was war ihr schwierigster Empfang?

VOSS: Empfänge sind nur schwierig, wenn man seine Hausaufgaben, sprich die Vorbereitungen, nicht gut gemacht hat. Man geht mit Menschen um, Papier ist geduldiger als es Menschen sind. Deshalb muss man sich auf die Menschen einlassen. Dass wir schlecht vorbereitet sind, werde ich nicht zulassen.

Trotzdem: Vor welchem Empfang hatten sie trotz guter Vorbereitung am meisten Lampenfieber?

VOSS: Vielleicht im vergangenen Jahr beim Besuch von Udo Lindenberg. Staatsbesuche sind regelmäßig. Bei Lindenberg hatte ich Lampenfieber. Was wäre, wenn er nicht so mitspielt beim Eintrag ins Goldene Buch? Ich habe ein Gespräche erbeten, um ihn zu briefen. Auch um zu erfahren, was er möchte und was er nicht möchte. Es stellte sich heraus, dass er dem Goldenen Buch aufgeschlossen gegenüberstand. Wir haben dann geblättert und die Einträge studiert. Beispielsweise von Nelson Mandela. Als er inoffiziell Frankfurt besuchte, wurde das Goldene Buch zu ihm gebracht hat, weil es sein Gesundheitszustand, von Folter durchaus gezeichnet, es ihm nicht erlaubte, das Hotel zu verlassen.

Haben Sie Lampenfieber?

VOSS: Ja. Es macht keinen Unterschied, ob es ein kleiner Empfang ist oder ein großer. Ich habe dann Hände mit Eisschrankcharakter. Ich bin konzentriert, baue Spannung auf und wittere die Unbillen an jeder Ecke. Damit bin ich gut gefahren.

Bei den Empfängen fließen Bier und Wein wie beim Neujahrsempfang in nie versiegenden Strömen. Wie werden Sie Gäste los, die nicht nach Hause wollen?

VOSS: Ich baue darauf, dass die Gäste ein Einsehen haben. Ansonsten pflegen wir die Gastfreundschaft. So auch beim Neujahrsempfang, der deutlich nach Mitternacht zu Ende war. Wenn man das Gefühl hat, da ist nur noch ein harter Kern, weil die Gastfreundschaft im Römer kostengünstiger ist als in den umliegenden Lokalitäten, dann kann man sich dadurch retten, dass das Servicepersonal nicht mehr da ist, weil sie den Auftrag haben, schon ein wenig aufzuräumen. Wir haben im Protokoll gegenüber unseren Gästen eine Fürsorgepflicht.

Dass die Gäste am andern Tag arbeitsfähig sind?

VOSS: Ja. Und wir auch.

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