+
Die historische Turmuhr der Schule am Landgraben soll auch weiterhin läuten, auch nachts. Diese Forderung unterzeichneten in nur einer Woche 400 Bergen-Enkheimer.

Anwohner vermissen "zartes Läuten"

Die Schuluhr in Bergen-Enkheim soll weiter schlagen

  • schließen

Die Stadt soll dem Drängen eines Anwohners nicht nachgeben, da sind sich viele Bergen-Enkheimer mit dem Ortsbeirat einig. Fast 500 Unterschriften sammelten Nachbarn der Schule am Landgraben dafür, dass das Läutewerk der Schuluhr nachts an bleibt.

Rainer Lehmann lässt nicht locker. Mehrfach legt der Linke-Politiker seinen Parlamentarierkollegen in der Sitzung des Bergen-Enkheimer Ortsbeirats 16 ans Herz, ihren Parteifreunde im Stadtparlament klarzumachen, wie wichtig es vielen Bergen-Enkheimern ist, dass die historische Uhr der Schule am Landgraben auch künftig nachts läuten darf. Und dass die Stadtverwaltung auf keinen Fall jenem Bürger aus der Nachbarschaft nachgeben soll, der das viertelstündliche Läuten abschalten lassen will.

Anfangs war es ein Gerücht, dass die Uhr zurzeit still sei, weil besagter Anwohner das von der Stadt gefordert hatte. Inzwischen hat die Stadt dies bestätigt und dass die Verwaltung erwäge, bei der derzeitigen Wartung die Uhr so umzustellen, dass sie nachts nicht mehr schlägt (wir berichteten). Das hatte Nachbarn wie Margit Janz, Konrad Seiboth oder FDP-Ortsbeirat Norbert Weil veranlasst, Unterschriften für das Läuten der Uhr zu sammeln. Und so übergab Janz dem Ortsbeirat fast 500 Unterschriften, die sie und andere in nur einer Woche sammelten.

Seit 1912 melde sich das Läutewerk jede Viertelstunde, erklärt Seiboth. „Für mich sowie viele weitere Mitbürger war das Läuten immer ein Zeichen der Verbundenheit und des örtlichen Charmes.“ Nicht nur Bergener hätten unterschrieben, sagt Janz. Auch Enkheimer, die einst am Landgraben in die Schule gingen. „Schon meine Oma, dann mein Vater und ich selbst und sogar mein Sohn gingen hier zur Schule. Die Uhr hat immer gebimmelt, das soll auch weiter so bleiben.“ Sie störe nicht, „sie schlägt ja nicht wie Big Ben in London, sondern zart, mit einem hellen Ton.“

Janz liest aus dem Brief einer früheren Bergerin vor. Diese erzählt, wie das Bimmeln der Schuluhr ein Symbol für die Heimat war, wenn sie von einer Reise kam und schon von weitem die Uhr sah oder hörte. „52 Jahre lebe ich nun unweit der Schuluhr und ich freue mich immer, wenn ich sie höre. Zwei Kriege hat sie unversehrt überstanden“, zitiert Janz aus dem Brief.

Auf Bitten der stellvertretenden Ortsvorsteherin, Alexandra Weizel (WBE) ergründete der Jurist und CDU-Ortsbeirat Michael Reiß, ob es Urteile in ähnlichen Fällen gibt. Das Läuten von Kirchenglocken, etwa zu Gottesdiensten oder Beerdigungen, schütze die Verfassung – nicht aber wenn es die Uhrzeit anzeigt. „Auch dann, wenn es sie seit hundert Jahren gibt.“ Heute sei die Lautstärke maßgeblich, der Grenzwert liege nachts bei 40 Dezibel.

Seiner Ansicht nach könne die Stadt einen Bürger, der sich beschwert, „nur abweisen“, sagt Reiß. „Sonst kann ein Einzelner ja mit einer Beschwerde etwas gegen alle anderen erwirken.“ Wer das Läuten nicht wolle, könne ja klagen. Dann müsse er aber beweisen, dass es zu laut sei. „Wenn man hört, wie zart unser Glöckchen läutet, vermute ich, dass die Grenzwerte eingehalten werden.“ Selbst wenn sie zu laut sei, könnte ein Gericht auch für zumutbar befinden, dass sie nachts zumindest stündlich schlägt.

Und so bittet der Ortsbeirat die Stadtverordneten, die Verwaltung zu veranlassen, dem Drängen eines Einzelnen nicht nachzugeben und das Läuten so zu lassen, wie es ist. „Vielleicht muss man einen Kompromiss schließen. Aber der kann doch nicht am Anfang, sondern nur am Ende einer Auseinandersetzung stehen“, so Lehmann.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare