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Allein in den S-Bahnen sind die Fahrkarten-Kontrolleure rund 250 000 Stunden im Jahr im Einsatz.

Nahverkehr

Schwarzfahren in Nadelstreifen: Sechs Prozent sind ohne Karte unterwegs

Rund 50 Millionen Euro mehr würde der Rhein-Main-Verkehrsverbund jährlich einnehmen, wenn jeder Fahrgast einen Fahrschein kaufen würde. Manche können sich die Karte einfach nicht leisten, doch viele weigern sich aus Prinzip. Dabei ist Schwarzfahren kein Kavaliersdelikt.

„Fahrschein bitte“, sagt der Kontrolleur, und macht einen Schritt auf den Mann im dunkelblauen Anzug zu, der an der S-Bahn-Tür steht. Im gleichen Moment öffnen sich die Türen zur Taunusanlage. Der Mann macht einen Satz und rennt auf die Rolltreppe zu. Der Kontrolleur setzt zu einem kurzen Sprint an, dreht aber gleich wieder um. „Typisch Anzugträger“, murmelt er, während er in die Bahn zurückkehrt.

Zwar erfasst der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) nicht, wie viele Schwarzfahrer bei Fahrscheinkontrollen Anzug tragen. Doch der Vorfall vom vergangenen Mittwoch sei kein Einzelfall, sagt ein Sprecher: Immer wieder berichteten Kontrolleure davon, dass Banker oder andere Fahrgäste in feinem Zwirn vor ihnen flüchteten oder ihnen ungerührt die 60 Euro Strafe in die Hand drückten, die fällig werden, wenn man beim Schwarzfahren erwischt wird. Manche ließen sich die Zahlung sogar quittieren, wohl um sich das Geld später aus einer gemeinsamen Kasse erstatten zu lassen.

Die Banken weisen die Vorwürfe zurück. Die Deutsche Bank etwa teilt mit, dass rund 50 Prozent ihrer Mitarbeiter das vergünstigte RMV-Jobticket nutzten, das die Bank anbietet. Seit 2001 gebe es zudem einen Ethik-Kodex, der zum Beispiel vorschreibt, dass die Mitarbeiter „stets offen und ehrlich“ handeln und „sich und die Bank stets in angemessener Weise“ darstellen sollen. Angestellte werden gebeten, mutmaßliche Verstöße von Kollegen zu melden.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) bietet ihren Mitarbeitern ein Jobticket an. Ihr Ethik-Rahmen schreibt vor, dass das Verhalten der Mitarbeiter „das Ansehen der EZB“ nicht beschädigen dürfe: Sie sind verpflichtet, „sich in ihrem Berufs- und Privatleben auf eine Weise zu verhalten, die dem Status der EZB als europäisches Organ angemessen ist“. Die Commerzbank will zu diesem Thema keine Auskunft geben.

Insgesamt geht der RMV von einer Schwarzfahrerquote von rund sechs Prozent aus. „Damit summieren sich die Mindereinnahmen auf mehr als 50 Millionen Euro jährlich“, sagt RMV-Sprecher Sven Hirschler. Dieses Geld fehle nicht nur dem Verbund, sondern insbesondere den ehrlichen Fahrgästen. Denn die Fahrpreise berechnet der RMV auf Basis der ihm zugewiesenen Bundes- und Landesmittel sowie der Fahrgeldeinnahmen. „Verluste durch Schwarzfahrer können sich also indirekt im Angebot oder bei den Preisen bemerkbar machen.“

Warum Menschen überhaupt schwarzfahren, hat Stefanie Schwerdtfeger vom Institut für Humangeographie der Frankfurter Goethe-Universität erforscht. Sie hat 31 erwischte Schwarzfahrer im Rhein-Main-Gebiet befragt und herausgefunden: Knapp 40 Prozent der Befragten kaufen aus Prinzip kein Ticket. Bei denjenigen, die im Stadtgebiet erwischt wurden, sind es sogar 58 Prozent.

Dabei überwiegen diejenigen, die mit der Preispolitik des RMV unzufrieden sind oder finden, dass Nahverkehr im Generellen kostenlos sein sollte. „Wenn ich mit der Bahn fahre, zahle ich tatsächlich nur jedes zweite Mal, weil ich die Preise unverschämt finde“, sagte etwa eine 32-jährige Buchhalterin, die an der Haltestelle Höhenstraße erwischt wurde.

Fast genauso häufig gaben die Prinzipien-Schwarzfahrer aber auch an, kein Ticket zu haben, weil es günstiger ist, ab und zu erwischt zu werden, als jedes Mal eine Fahrkarte zu kaufen. „In meinem ersten Jahr hatte ich eine Monatsdauerkarte. Als ich gemerkt habe, dass es keine Kontrollen gibt, habe ich sie wieder abgeschafft“, sagte ein 28 Jahre alter Bankangestellter an der Haltestelle Kirchplatz. Sein monatliches Nettoeinkommen liegt laut seinen eigenen Angaben zwischen 3000 und 4000 Euro.

Im Tarifgebiet des RMV gibt es drei Kontrollformen: Stichproben- und Schwerpunktkontrollen sowie die laut Forschung deutlich effektiveren Stationskontrollen. Wie viel kontrolliert wird, kann der RMV nicht genau sagen, da zusammen mit dem Regionalverkehr abgerechnet wird. Allein in der S-Bahn seien die Kontrolleure aber „weit über 250 000 Stunden“ pro Jahr unterwegs.

Was viele nicht wissen: Das „Erschleichen von Beförderungsleistungen“ ist keine Ordnungswidrigkeit, sondern eine Straftat, die mit einer Geldstrafe oder sogar einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr geahndet werden kann. Bundesweit saßen im Jahr 2016 deshalb etwa 7600 Personen im Gefängnis, viele von ihnen, weil sie die Geldstrafe nicht bezahlen konnten. Das sind etwa drei Prozent aller bundesweit angezeigten Schwarzfahrer.

Wie oft man erwischt werden muss, bevor die Sache vor Gericht geht, verrät weder die Deutsche Bahn, die in Frankfurt die S-Bahnen betreibt, noch die VGF, die für U-Bahn und Straßenbahn zuständig ist: Es handle sich hierbei um „sensible Daten“, sagt VGF-Sprecher Bernd Conrads.

Zumindest eine Tendenz zeigt aber ein Vergleich mit Berlin: Bei der BVG wird man aktiv, wenn ein Fahrgast dreimal innerhalb von zwei Jahren beim Schwarzfahren erwischt wird. 2017 wurden dort rund vier Prozent aller Schwarzfahrer angezeigt. Bei der dortigen S-Bahn ist dran, wer dreimal innerhalb eines Jahres ohne Ticket kontrolliert wird, 2017 waren es rund zwölf Prozent der Erwischten.

Wenn der Mann im dunkelblauen Anzug also ein notorischer Schwarzfahrer ist, tat er gut daran, zu flüchten, denn Schwarzfahren kann schnell teurer werden als gedacht. Er hätte sich aber auch einfach einen Fahrschein kaufen können. Die einfache Fahrt kostet 2,75 Euro.

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