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?Groß angelegter Feldversuch?: GEW-Vorstand Guttmann

GEW warnt vor einem Scheitern der Inklusion

Sebastian Kuttmann zur Inklusion: „Es fehlt ein durchdachtes Konzept“

An Frankfurter Grundschulen rumort es gewaltig. Um förderbedürftigen Kindern gerecht zu werden, fehle es an Personal und Räumen, klagt die GEW. Der neu eingeführte „inklusive Unterricht“ stehe vor dem Zusammenbruch, warnen Vertreter der Lehrergewerkschaft.

Dass sie die Inklusion grundsätzlich für eine gute Idee halten, daran wollen die Gewerkschaftler keinen Zweifel lassen. Jedes Kind, egal ob körperlich oder sonst wie beeinträchtigt, soll grundsätzlich in jeder Schule unterrichtet werden können. Diesem Ziel fühlen sich auch jene Mitglieder der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Frankfurt verpflichtet, die gestern bei einem Pressegespräch über ihre Sorgen berichteten.

Nicht die schulische Inklusion an sich war das Ziel ihrer scharfen Kritik, sondern deren Umsetzung durch die Landesregierung. Schulen und Lehrer seien überfordert, weil es an so ziemlich allem fehle, was für eine erfolgreiche Verbindung von normalem und Förderunterricht notwendig wäre. Die Klassen müssten kleiner und die Zahl der Sonderpädagogen an den Schulen größer werden, forderten die GEW-Vertreter. „Vor allem aber fehlt ein durchdachtes Konzept“, sagte Sebastian Guttmann, Bezirksvorsitzender der Lehrergewerkschaft in Frankfurt. „Wir wurden in einen groß angelegten Feldversuch geschmissen.“

Guttmann ist selbst ausgebildeter Sonderpädagoge, arbeitet also mit jenen Kindern, um die es beim Thema Inklusion geht. Seine Kollegin Ute Harbauer, die jahrzehntelang an einer Förderschule unterrichtet hat und sich nun an der Michael-Grzimek-Grundschule in Nieder-Eschbach um förderbedürftige Schüler kümmert, pflichtete ihm bei. „Die Schulen können gar keine festen Strukturen entwickeln, weil sich die Vorgaben ständig ändern und die ihnen zugeordneten Förderlehrer immer wieder wechseln.“

Derzeit sei sie als einzige Sonderpädagogin für zwölf Schüler zuständig, die auf viele Klassen verteilt seien, berichtete Harbauer. Es handle sich vor allem um lernschwache Kinder, die einen entsprechenden Förderbedarf hätten. Doch deren Integration in den normalen Unterricht klappe nur bedingt. Ihre Grundschullehrerkollegen bräuchten viel mehr Unterstützung.

Ähnliches erzählten auch die anderen Frankfurter Förderschullehrer beim GEW-Gespräch. Ihre Kritik in Richtung Wiesbaden: Die Landesregierung habe sich verpflichtet, die Inklusionsziele der UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen, wolle dafür aber nicht mehr Geld ausgeben als für das frühere System, bei dem Behinderte oder anderweitig förderbedürftige Schüler in Sonderschulen zusammengefasst wurden.

Die Frage, ob sie neben finanziellen Motiven vielleicht auch ein bildungspolitisches Kalkül vermuten, beantworteten die GEW-Vertreter eher vorsichtig. „Zumindest ist nicht zu erkennen, dass es in Hessen gewollt ist, Inklusion tragfähig auszubauen“, sagte Nicolas Voges, Pädagoge am Zentrum für Erziehungshilfe. Vielleicht befürchte die Landesregierung, dass der inklusive Unterricht zum Ende des Gymnasiums führe, gab GEW-Vorstand Guttmann zu bedenken. „Wenn ein geistig behindertes Kind aufs Gymnasium darf, aber ein anderes Kind nicht, wirft das natürlich Fragen auf.“

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