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Bestattungsunternehmer schieben einen Zinksarg mit einer der Leichen, die in einem Bordell im Kettenhofweg ermordet worden waren, ins Auto.

KRIMINALGESCHICHTE IN ZWEI TEILEN

Der Sechsfach-Mord im Kettenhofweg - Teil 2

Vor 25 Jahren sorgt ein grausiges Verbrechen im schicken Frankfurter Westend für Schlagzeilen. Ein zu billiges Auto brachte die Ermittler auf die richtige Spur.

Frankfurt - Die schaurige Geschichte von der Russen-Mafia, die im Kettenhofweg so grausam zugeschlagen haben soll, ist pure Spekulation. Davon jedenfalls ist Oberstaatsanwalt Peter Köhler überzeugt. Angesichts der goldenen Rolex an Eugen Berwalds Handgelenk, weiterer Beutestücke aus der Villa und der Bargeldsumme von rund 20 000 Mark liegen für den damaligen Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität bei der Frankfurter Strafverfolgungsbehörde Motiv und Täter auf der Hand: "Es war geplant als Raub, der aus dem Ruder lief. Das Ehepaar Berwald handelte gemeinschaftlich."

Köhler sammelt akribisch Beweis um Beweis. Die Berwalds bestreiten bis zuletzt die Tatvorwürfe. Einer der größten Mordprozesse der Bundesrepublik beginnt Ende Januar 1996 vor der 22. Großen Strafkammer des Frankfurter Landgerichts und wird zur wahren Indizienschlacht. Rund 70 Zeugen hört das Gericht und neun Sachverständige. Oberstaatsanwalt Peter Köhler trägt in der ihm eigenen ruhigen, präzisen Art seine Sicht auf den Tatverlauf vor. Dabei spielt ein Pudel eine wichtige Rolle. Köhler erzählt heute rückblickend: "Im Kettenhofweg war zunächst nur die Beraubung des Betreiber-Ehepaars sowie der anwesenden Prostituierten geplant. Die vier Frauen sollten gefesselt und ihrer Habseligkeiten wie Schmuck, Geld und Ausweispapiere beraubt werden." Sofia Berwald sei schon bei der Planung des Raubzugs eine wichtige Rolle zugekommen, schließlich habe sie sich bestens in den Räumlichkeiten des Hauses und in den Gewohnheiten des Ehepaares Bartos ausgekannt. Zu jenen gehörte Gabors ausgiebiger Nachmittagsspaziergang mit dem Pudel. So auch an jenem Sonntag, 14. August 1994.

Hausherr überrascht Täter

Das ist der Zeitpunkt, an dem sich Sofia und Eugen Berwald Zutritt zum Haus verschaffen, um zu klauen, was nicht niet- und nagelfest ist: Geld, Schmuck, Designer-Handtaschen. "Aber der ursprüngliche Tatplan lief aus dem Ruder, weil der Hausherr mit dem Pudel viel früher zurückkam als üblich", sagt Peter Köhler. Es kommt zum Äußersten. Eugen Berwald, der ausgebildete Soldat, erdrosselt Gabor Bartos mit einem Spezialgriff. Lange scheint unwahrscheinlich, wie ein schlanker Mann wie Berwald den massigen Bartos hat überwältigen können. "Bartos muss sich nach Kräften gewehrt haben", weiß Köhler. "Aber er hatte ein Handicap: eine Unterschenkelprothese. Das schränkte seine Möglichkeiten der Gegenwehr ein." Inge Bartos und die vier russischen Mädchen müssen sterben, weil sie mögliche Zeuginnen des Mordes an Gabor sind.

Eugen Berwald beim Prozess um den Kettenhofweg-Mord. Fotos: 

Erschreckend profan also die Version des Ankläger über den Tathergang, während Eugen Berwald vor Gericht in seiner Darstellung vier russische Mafiosi aufmarschieren lässt mit einem Anführer namens Alexander. Wegen finanzieller Differenzen mit Gabor Bartos hätten sie die Prostituierten entführen sollen. Er selbst will nur Handlanger gewesen sein.

"Die drei Strafverteidiger der Angeklagten wurden während der gesamten Hauptverhandlung nicht müde, die Täterschaft ihrer Mandanten auf die Russenmafia und jenen "Alexander" abzuwälzen. Das Ehepaar Berwald habe das Haus unter Lebenden ohne Leichen verlassen", berichtet Köhler von Schlagabtauschen im Gerichtssaal. Am Ende hat er stets die besseren Beweise. Zum Beispiel einen bei den Berwalds aufgefundenen Schlüssel. Es ist der Schlüssel zu einem Zimmer im Haus Kettenhofweg. Eines der toten Mädchen lag in dem Zimmer, und es war abgeschlossen. Der größte Trumpf Köhlers aber ist eine Radlerhose mit seltsamen Löchern. Es sind Sehschlitze. "Köhler: "Eugen Berwald hat sich die Hose während der Tat zur Tarnung über den Kopf gezogen." Kriminaltechniker wiesen Speichelspuren des Angeklagten nach. "Außerdem befanden sich an allen sechs Leichen Faserspuren dieser Hose", so Peter Köhler.

Gewaltiger Medienrummel

Das Aussiedlerheim im bayerischen Rettenbach, wo unter anderem Sofia und Eugen Berwald festgenommen worden waren.

Der Medienrummel bei Prozessbeginn ist gewaltig. "Unzählige Reporter mit Kameras, Fotoapparaten und Mikrofonen waren erschienen", erinnert sich Köhler. Wie üblich bei solch spektakulären Prozessen bitten Pressevertreter Verteidiger und Anklagevertreter um Statements. Köhler: "Ich kann mich noch erinnern, dass ich bei der Gelegenheit einen wichtigen überlebenden Zeugen der Tat erwähnte, der mir gegenüber aber die Aussage bislang verweigert habe: Den Hund der Familie Bartos, der in der Wohnung eingesperrt tatsächlich als einziges Lebewesen überlebt hatte." Sein subtiler Humor kommt an. Allerdings beschäftigt die Medienvertreter weitaus mehr eine Frage, die Köhler so formuliert: "Wie ist es möglich sei, dass eine Person allein und offensichtlich lautlos vier junge Frauen, die Ehefrau des Bordellbetreibers und noch den Hausherrn selbst ohne den Einsatz von Schusswaffen oder anderen gefährlichen Werkzeugen, mit bloßen Händen, zunächst fesseln und anschließend töten könne." 

Für den Ankläger ist das rasch beantwortet: Eugen Berwald, ein durchtrainierter Mann von mindestens 1,80 Meter Körpergröße, hat als Soldat in Russland Fähigkeiten erlernt, die ihm genau das ermöglichen. Peter Köhler treibt eine ganz andere Frage um: Welche Rolle spielte Sofia? "Der Umfang ihrer Tatbeteiligung war ungeklärt. Und ist es für mich eigentlich bis heute", sagt Peter Köhler. "Sie hatte Zugang zu dem Haus. Für ihren Ehemann fertigte sie einen Lageplan. Sofia kannte die Opfer und deren Lebensgewohnheiten. Eine weitere aktive Teilnahme am Tatgeschehen konnte aber nicht bewiesen werden." So nüchtern beschreibt der Staatsanwalt seine Zweifel, die auch in 31 Prozesstagen nicht ausgeräumt werden.

Mitte Juli 1996, der Prozess geht seinem Ende entgegen. Oberstaatsanwalt Peter Köhler hält seinen Schlussvortrag. Wieder viel Presse, viel Publikum. Alle warten gespannt auf den Strafantrag. Etwa eine Stunde lang spricht Köhler. Er wägt Zeugenaussagen und Gutachten und fordert schließlich für Eugen Berwald lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes in sechs Fällen in Tateinheit mit schwerem Raub sowie wie die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Für Sofia Berwald fordert er acht Jahre Haft wegen schweren Raubes. Die Verteidigung beantragt Freispruch. Sie sieht das Ehepaar durch die Beweise nicht überführt. "Ich erinnere mich, dass die Verteidiger das Gericht eindringlich vor einem Fehlurteil warnten angesichts der Fantasie des Staatsanwaltes über den behaupteten Tathergang", berichtet Peter Köhler.

Die Beteiligung von Sofia Berwald an den brutalen Morden ist noch immer ungeklärt.

Schließlich das Urteil: Eugen Berwald bekommt lebenslänglich und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, seine Frau Sofia sechs Jahre Haft.Noch während der Haft, die Sofia in der JVA Preungesheim verbüßt, lässt sie sich von Eugen scheiden. Die erst kurz vor der Tat erlangte deutsche Staatsbürgerschaft verliert er dadurch. Noch sitzt er in Haft, in einer JVA in Sachsen. Frühestens in 25 Jahren nach Verurteilung, also 2021, kann eine Strafvollstreckungskammer prüfen, ob eine Aussetzung der lebenslangen Freiheitsstrafe auf Bewährung zu verantworten ist.

Nicht abgeschlossen

Mit dem Urteil ist für Peter Köhler das Kapitel indessen noch nicht abgeschlossen. "Ich hatte mir vorgenommen, nach einer gewissen Zeit Eugen in der Haft zu besuchen. Ich wollte versuchen, der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Ich war davon überzeugt, dass Sofia bei der Ausführung der Tat über die im Urteil festgestellten Aktivitäten beteiligt war." Zu dem Besuch kommt es freilich nicht. "Als mir bekannt wurde, dass sein Vollzugsverhalten nicht immer beanstandungsfrei war, habe ich von dem geplanten Besuch Abstand genommen", erzählt Peter Köhler. Heute ist die Sache für ihn erledigt.

Sofia ist nach vier Jahren unter Bewährungsauflagen aus der Haft entlassen worden. Wo sie lebt, ist nicht bekannt.
von Sylvia A. Menzdorf

Lesen Sie auch den ersten Teil: Der Sechsfach-Mord im Kettenhofweg - Teil 1

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