Ella mit Apfel auf dem Kopf, ihre Mutter Maja Becker und Ralf Vandamme, mit dem die Pomologin den Kalender gestaltete. Foto: Unger
+
Ella mit Apfel auf dem Kopf, ihre Mutter Maja Becker und Ralf Vandamme, mit dem die Pomologin den Kalender gestaltete. Foto: Unger

Apfelzeit

Seckbach: Mit Kaiser Wilhelm beginnt in Frankfurt der Herbst

  • vonSabine Schramek
    schließen

Neuer Apfelkalender führt durchs Jahr. Ein Muss für Schoppenpetzer und Pomologen.

Zunächst eine Schätzfrage: Wie viele Apfelsorten gibt es: a. weltweit; b. in Deutschland; c. auf dem Berger Hang? Um es eine wenig spannender zu machen, finden sich die Antworten ganz am Ende des Artikels. Und dann auch noch auf den Kopf gestellt.

Die Frage, wie viele Äpfel in einen Kalender passen, ist dagegen schnell beantwortet: jeden Monat einer. Mal rot oder grün, gestreift, gepunktet, mit kleinen Sternen, mit Falten, Riefen oder geripptem Kelch, mit Rostflecken, marmoriertem Fruchtfleisch oder einer flammenden Grundfarbe - Kennzeichen der allseits beliebten Goldparmäne.

Apfeltypen nennt sich denn auch treffsicher das neue Kalendarium, das jetzt im Main-Äppel-Haus (MÄH) Lohrberg vorgestellt wurde. Verantwortlich dafür zeichnen Maja Becker, gelernte Försterin, die sich aktuell um den heimischen Streuobstwiesenbestand kümmert, und Ralf Vandamme. Im Zivilleben promovierter Politikwissenschaftler an der Hochschule Mannheim, steuerte er die Aufnahmen bei. Was beide eint: Sie haben sich der Pomologie verschrieben. Der Lehre von den Äpfeln. Was früher eine angesehene Wissenschaft war, die besonders von Dorfschullehrern und Pfarrern betrieben wurde, ist zuletzt etwas in Vergessenheit geraten. "Deshalb haben wir vor fünf Jahren eine eigene Gruppe gegründet, beschäftigen uns seitdem besonders mit den Äpfeln in der Region", sagt Maja Becker.

Regionale Schätze

Es geht nämlich nicht darum, einfach irgendwelche Früchte vom Baum zu roppen, reinzubeißen oder vielleicht auch Saft oder Ebbelwei daraus zu machen, sondern auch um die Kenntnis, was man da pflückt", sagt Gerhard Weinrich, Chef des MÄH, bei der Vorstellung des Kalenders auf dem Gelände des ehemaligen Lehr- und Versuchsgartens der Stadt, 185 Meter über dem Meeresspiegel. Hier wird Frankfurts höchster Ebbelwei gekeltert. Weinrich: "Es gibt weit mehr Sorten als Pink Lady und Braeburn, die es dafür das ganze Jahr über im Discounter gibt." Zwölf ganz besondere haben die Kalender-Macher in ihrem 32 mal 32 Zentimeter großen Werk aufgereiht. "Regionale Schätze", nennt sie Becker. Einen "Reichtum an Genuss, der ohne pomologisches Wissen verloren wäre", Ralf Vandamme.

Den Auftakt macht im Januar der Rheinische Bohnapfel, ohne den kein Kelterer einen vernünftigen Schoppen hinbekommt. So, wie mit der von vielen als hässlich empfundenen Schafsnase, dem Pin-up-Apple im November. Natürlich fehlt aber auch nicht die nach Pomologe Jakob Lebel benannte Sorte, die das Juli-Blatt schmückt und dort neben vier Detailbildern mit Beschreibung bedacht wird: knopfiger Stiel, schuppig Besatz; langer, tauben Kerne; breitgedrückt.

Vier, manchmal fünf Bilder, finden sich pro Seite. Eine Großaufnahme, drei oder vier immer rechtsstehende Details. Eine Herausforderung sei das gewesen, sagt Hobby-Fotograf Vandamme. Besonders die Schnittbilder des Fruchtfleisches. Da müsse man sehr schnell sein, bevor die Oberfläche braun werde, erzählt er. Denn um "Bild oder Abbild" gehe es bei den Aufnahmen. Also Aufnahmen, unverfälscht nach der Natur, oder doch mehr Visualisierung einer Imagination. Was alle eint, ist ein durchgängig schwarzer Hintergrund. Sicher ein wenig gewagt, aber nicht ohne ästhetischen Reiz.

Und während viele Bäume, die meist auf unregelmäßig oder schlecht gepflegten Streuobstweisen stehen, nur alle zwei bis drei Jahre richtig tragen (Pomologen nennen das Alternanz), kann man an dem Kalender Jahr für Jahr seine Freude haben. Sein gleichzeitig größtes Manko. Denn er ist nicht jahrgangsgebunden, verfügt über keine Angabe der jeweils aktuellen Wochentage. Zeitlos nennen das die Macher. Somit ist er ideal als ewiges Nachschlagwerk für Geburtstage oder Jubiläen. Frei nach dem Motto: "Immer wenn ich den Boskoop sehe, hat Oma Berta Geburtstag." Charmanter wäre da vielleicht die Eselsbrücke mit Tante Käthe und dem Ruhm von Kelsterbach (Mai).

Was sicher ist: Alle Apfeltypen stammen von hiesigen Wiesen. Oder dem "Hessischen Apfelweinäquator", wie die beiden Pomologen das Streuobstwiesenband von den Südhängen des Taunus bis in den Kahlgrund im Spessart nennen, Grenzgebiet zwischen Hessen und Bayern.

Kurz: Der Kalender ist ein köstliches Kompendium zwischen Kaiser Wilhelm (Oktober) und Goldparmäne (September) und nicht nur für Schoppenpetzer und Pomologen ein Gewinn. Leider gibt es ihn nicht in jährlicher Folge. Genügend Auswahl und Schönheiten aus der Region gäbe es genug.

Der Kalender ist ab sofort im Hofladen des Main-Äppel-Hauses Lohrberg, Klingenweg 51, für 12 Euro zu haben. Oscar Unger

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare