Wolfgang Baier-Steidinger im Garten seines Hauses: Bei der Mariengemeinde bietet er Sozialberatungen an.
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Wolfgang Baier-Steidinger im Garten seines Hauses: Bei der Mariengemeinde bietet er Sozialberatungen an.

Von Ruhestand keine Spur

Seckbach: Der verhinderte Bewährungshelfer

  • vonFriedrich Reinhardt
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Wolfgang Baier-Steidinger hilft mit Formularen und allen anderen Problemen.

Im Ruhestand ist Wolfgang Baier-Steidinger seinen Traumberuf nahegekommen. Bewährungshelfer wollte er als junger Mann werden. "Menschen helfen, auf die Beine zu kommen", das war sein Ziel, und in seinen Augen verkörperte dieses Ziel der Job des Bewährungshelfers. Den Beruf hat Baier-Steidinger nie ergreifen können. Dafür hilft er heute als ehrenamtlicher Sozialberater in der Seckbacher Mariengemeinde Menschen mit verwirrenden Formularen und im Irrgarten der Frankfurter Hilfsangebote. Sein Weg dahin begann mit Gefängnisbriefen und endete mit einer Leukämie-Erkrankung.

70 Jahre ist Baier-Steidinger alt. Drei Meisterbriefe hat er im Laufe der Jahre erworben, und in den knapp vier Jahren als Sozialberater hat er ein riesiges Netzwerk aufgebaut. 300 bis 400 Ämter und Hilfseinrichtungen sammele er in seiner Kontaktliste. Wenn aber der Fotograf dieser Zeitung ein Foto von ihm in seinem Garten macht, weicht sein Blick der Linse aus. Es ist ihm unangenehm, im Zentrum zu stehen.

Gefängnisbriefe statt Fußballschuhe

Zu ihm kommen Menschen, die keine Formulare ausfüllen können oder von ihrem Lebenspartner geschlagen werden. bei Wohnungsnot und Spiel- oder Alkoholabhängigkeit oder Problemen mit Schulden. Für fast alle Probleme weiß Baier-Steidinger, wo die Menschen Hilfe bekommen. "Ich bin der Erstkontakt", sagt er.

Erklärt Baier-Steidinger, warum er anderen helfen möchte, beginnt er bei seiner Kindheit. 1950 ist er in Frankfurt als jüngstes von drei Kindern geboren. Er wuchs erst in der Böttgerstraße in Bornheim auf, später in der Falltorstraße. Mit acht Jahren wollte er Fußball spielen. Für die Fußballschuhe war aber kein Geld da. Baier-Steidinger ging zum Jugend-Roten-Kreuz, der Jugend des Deutschen Roten Kreuzes. Er war bei Sanitätseinsätzen dabei und zu Weihnachten schrieb er Briefe an Menschen im Gefängnis.

Ein Briefwechsel mit einem Insassen dauerte ein Jahr lang: ein Autoknacker. "Er hat mir geschrieben, als wäre ich sein Sohn", erzählt Baier-Steidinger. Der Mann habe seine Taten bereut und der Junge verstand, dass im Leben nicht immer alles glatt läuft. Nach und nach entwickelte er die Vorstellung, dass jeder eine moralische Verantwortung für seine Mitmenschen hat. "Wir sind alle die gleiche Kreatur". Herkunft, Hautfarbe oder sozialer Status sind in Baier-Steidingers Augen nachrangig bis irrelevant.

Leben zwischen Arbeit und Abendschule

Einen sozialen Beruf konnte Baier-Steidinger nicht ergreifen. Sein Vater arbeitete in einem Familienbetrieb. "Es war klar, dass den die Kinder weiterführen", erzählt er. Sein ältester Bruder sei kein Handwerker gewesen. Also mussten er und der mittlere Bruder Gas- und Wasserinstallateure werden.

Neben der Lehre machte Baier-Steidinger noch Abitur in der Abendschule. Danach noch drei Meisterbriefe. "Zehn Jahre meines Arbeitslebens ging ich abends zur Schule", sagt er. Und: "Ich habe viel Glück gehabt in meinem ganzen Leben."

Die Familie habe immer zusammengehalten. Finanziell war er auch versorgt. Seine Frau habe er mit 17 Jahren beim DRK kennengelernt. Davon spricht Baier-Steidinger mit einer 20-zu-80-Mischung aus Stolz und Liebe in der Stimme. Zwei Kinder haben er und seine Frau.

Glück habe er auch 2016 gehabt, als die Ärzte bei ihm Leukämie diagnostizierten. Die Ärzte seien gut gewesen, sagt er. Der Bruder habe Stammzellen spenden können und in seinem Haus in Seckbach konnte er sich von der Krankheit erholen. Danach brauchte er eine neue Aufgabe. Erst in Bornheim wurde er Sozialberater, seit Oktober 2019 übt er das Ehrenamt in Seckbach aus.

Helfer ist Baier-Steidinger geworden, für Menschen, die im Gefängnis saßen, und alle anderen.

Friedrich Reinhardt

Nächster Termin am Donnerstag

Jeden zweiten Donnerstag im Monat von 16 bis 17.30 Uhr können Hilfesuchende Wolfgang Baier-Steidinger im Gemeindezentrum der Evangelischen Mariengemeinde aufsuchen, Zentgrafenstraße 23. Anmeldung per Telefon unter: (0178 1 02 79 24

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