Rachid Rawas SPD Ortsbeirat 9 Marie-Bittorf-Anlage
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Würde die Marie-Bittorf-Anlage, in der seine Lieblingsbank steht, gerne mehr beleben: Rachid Rawas. Für die SPD sitzt der Jugendpädagoge und evangelische Theologe im Ortsbeirat 9.

Lieblingsort

„Seh‘ ich den Spargel, bin ich zu Hause“

Sechs Wochen Sommerferien, das sind 42 Tage, die viele Frankfurter - wegen Corona - zu Hause verbringen werden. In einer kleinen Serie stellen wir deshalb Lieblingsorte vor. Heute begleiten wir Rachid Rawas zu seinem.

Ginnheim -Ganz allein, fast schon ein bisschen fehl am Platze wirkt die braune, etwas in die Jahre gekommene Holzbank auf dem kleinen Hügel in der Marie-Bittorf-Anlage. Gezielt streicht Rachid Rawas über die aufgeraute Sitzfläche, unbedingt müsste diese erneuert werden, sagt er. Wenn nicht direkt die ganze Bank, fügt der 60-Jährige hinzu, klopft die jetzt staubige Hand an der schwarzen Hose ab und setzt sich. "Einfach schön", sagt er. "Da", ruft er plötzlich, "da, sieht man den Ginnheimer Spargel." Und tatsächlich. Mit ein paar Verrenkungen sieht man die Spitze des Europaturms durch die dichten Kronen der alten Bäume blitzen. "Wenn ich den Spargel sehe, dann bin ich zu Hause", sagt Rawas, lehnt sich zurück und schließt kurz die Augen.

Innehalten kann er aber nur wenige Sekunden. Denn schon kommt eine Frau vorbei. "Hallo Rachid" ruft sie, der Ginnheimer grüßt zurück. Ständig gehe das hier so. Denn man kennt Rawas, der seit mittlerweile 25 Jahren in der Selma-Lagerlöff-Straße wohnt. Im Erdgeschoss, mitten im Grünen. "Ich will nirgendwo anders sein. Hier bin ich zu Hause." Dass er beinahe jeden kennt, den er auf der Straße trifft, daran habe er sich mittlerweile gewöhnt.

Vielleicht sei das auch ein Grund dafür, dass er, um in Ruhe entspannen zu können, vornehmlich nachts in der Siedlung, häufig in der Bittorf-Anlage, unterwegs ist. "Aber sogar dann erkennt man mich", sagt Rawas, lacht und streicht sich eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht. Denn durch die weißen lockigen Haare, die fast so etwas wie sein Markenzeichen sind, erkenne man ihn auch im Dunklen. Obwohl er ansonsten gerne ganz in Schwarz geht.

Nachts, sagt Rawas, versprühe die kleine Grünanlage nördlich der Platensiedlung einen besonderen Zauber. Vor allem in den lauen Sommernächten. Und dann, wenn der Spargel magentafarben leuchtet. "Das ist magisch und zieht mich an", sagt Rawas, der sich allerdings schwer tut, einen wirklichen Lieblingsort zu definieren. Er spricht lieber von einem Lieblingsraum und der sei dort, wo einmal der Grünzug Grünes Ypsilon entstehen soll. Die Marie-Bittorf-Anlage sei quasi der Mittelpunkt, ein Delta, an dem sich das Ypsilon in zwei Richtungen spaltet. "Einen schöneren Ort, um sich zu begegnen, gibt es doch nicht", sagt Rawas und zeigt durch den Park. Und von der Bank auf dem kleinen Hügel habe man einen guten Überblick.

Der Park soll, bestenfalls schon im kommenden Jahr, der Ort für ein großes Stadtteilfest werden. Eines von insgesamt vieren in der neu geplanten Grünanlage, die Ginnheim mit dem Dornbusch verbinden soll. Auch zwischen Astrid-Lindgren-Schule und dem Kinderzirkus Zarakali, im Sinai- und im Niddapark seien verschiedene Aktionen geplant. Der Bittorf-Anlage, dem Park direkt vor seiner Haustür, täte so ein Fest sicher gut, sagt Rawas. Denn die Grünanlage müsste unbedingt mehr belebt werden. Zwar gibt es auf der Wiese in der Mitte zwei Tore und einen kleinen Bolzplatz, sowie einen von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG gebauten und betreuten Spielplatz am Rand. Das war es aber auch schon. Als "verschenkten Raum der Begegnung" bezeichnet Rawas den Park deswegen.

Früher wurde hier gedealt

Vor Beginn der Corona-Pandemie, sagt er dann und zeigt auf die beiden Hauptwege, sei oft nachts in der Anlage gedealt worden. Von rechts und links seien die Dealer und Käufer gekommen, in der Mitte hätten sie sich getroffen und ihre Geschäfte abgewickelt. Um dann in unterschiedliche Richtungen wieder aus dem Park zu verschwinden.

Und jetzt? Jetzt sei es ruhig, sagt Rawas. Seit mittlerweile vier Monaten. Was die Abende auf seiner Lieblingsbank freilich noch schöner mache. Dass die Ruhe von Dauer ist, daran glaubt er allerdings nicht. "Das ist eine tickende Zeitbombe. Irgendwann kommen sie zurück. Nur wann, das weiß leider niemand. Aber ich finde es hier trotzdem schön", sagt Rawas, lehnt sich wieder zurück und schließt noch einmal die Augen. Zumindest für die nächsten paar Sekunden. judith dietermann

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