1. Startseite
  2. Frankfurt

"Seid immer gerecht und habt keine Angst"

Erstellt:

Von: Sabine Schramek

Kommentare

Neta Shapiro gibt den Schülern des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums Einblicke in die israelische Gedankenwelt. Ihre Großeltern sind 1938 aus Frankfurt geflüchtet.
Neta Shapiro gibt den Schülern des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums Einblicke in die israelische Gedankenwelt. Ihre Großeltern sind 1938 aus Frankfurt geflüchtet. © Maik Reuß

Israelin war zu Gast am Friedrich-Dessauer-Gymnasium, deren Großeltern 1938 aus Frankfurt flüchteten.

Seit 1984 lädt die Stadt ehemalige Frankfurter jüdischer Herkunft ein. Seit 2012 ist das Programm auch für die Angehörigen der zweiten und dritten Generation offen. Der Verein "Projekt jüdisches Leben in Frankfurt" unterstützt sie bei der Spurensuche. Am Dienstag haben Nachfahren von durch Nazis Verfolgten und Getöteten mit Schülern am Friedrich-Dessauer-Gymnasium gesprochen.

Neta Shapiro war noch nie in Deutschland, dennoch liegen ihre Wurzeln hier. "Geschichte beginnt mit Fragen", sagt die Mutter von vier Kindern, die bei Jerusalem lebt und dort an der Nationalbibliothek für Geschichte arbeitet. "Fragen zeigen Interesse und führen zu dem, was man weiß, was man wissen will und was man wissen muss", sagt sie mit weicher sanfter Stimme auf Englisch zu den Elftklässlern am Friedrich-Dessauer-Gymnasium im Leistungskurs Geschichte. Die Schüler sind anfangs still, blicken nach unten und trauen sich noch nicht wirklich, einer Israelin Fragen nach dem Holocaust zu stellen.

Shapiros Uropa Felix Beifuß stammte aus Bad Berleburg in Nordrhein-Westfalen. Er starb früh, sein Sohn Felix kam ins Waisenhaus nach Frankfurt, ging hier zur Schule, war Wirtschaftsberater und studierte weiter zum Wirtschaftsprüfer. 1933 durfte er wegen seiner jüdischen Herkunft nicht weiterlernen. Er musste sein Haus in der Seilerstraße 10 weit unter Preis an die Stadt Frankfurt verkaufen und floh 1938 mit seiner Frau und seinen sieben Kindern nach Israel. "Sie liebten Frankfurt. Das war ein Teil des Problems. Es gibt ein Tagebuch bis 1934, das nur Gutes über Frankfurt und sein Leben zeigt." Sie überlegten, ob sie in die USA oder nach Israel gehen. Er entschied sich für Israel, obwohl die Verdienstmöglichkeiten in den USA besser waren. Er wollte eine jüdisch-religiöse Erziehung für seine Kinder. Das war ihm wichtiger und er hat es nie bereut", so Shapiro.

Was Deutschland heute bedeutet

Die Männer konnten Hebräisch durch das Beten. Oma Klara wollte kein Hebräisch lernen. "Sie hat dadurch viel Schönes versäumt. Mit ihren Enkeln konnte sie sich nicht unterhalten." Die Schüler tauen langsam auf. Sie fragen, was Deutschland für sie heute bedeutet? "Deutsche Worte triggern immer noch. Worte wie 'schnell', 'links' oder 'rechts'. Ich wollte eigentlich nie hierhin und auch keinen deutschen Pass", gibt sie ohne Groll zu. "Nach einer Woche hier denke ich anders und überlege, ob ich den Pass doch annehme. Wir sind die dritte Generation, meine Kinder sind die vierte Generation nach dem Holocaust."

Sie erzählt, dass viele Israelis Urlaub im Schwarzwald machen und dass das Thema Shoah schon bei Kindern ab vier Jahren ein Thema ist. "Allein schon durch den Holocaust Memorial Day. Heute würde mehr über die Überlebenden gesprochen als über die Details der Gräueltaten durch die Nazis. Ihr kleiner Bruder habe die Oma mal gefragt, wie sie überlebt hat. "Er fragte, ob sie Gas gerochen hat. Die Antwort war ruhig: Nein, das habe ich nicht." Sie zeigt den Schülern damit, dass Israelis nach vorne gucken und sehr pragmatisch seien. Die Vergangenheit aber nicht einen Tag lang vergessen. Schwarzer Humor sei an der Tagesordnung und helfe dabei, den Horror zu verarbeiten. Böses Blut gebe es nicht mehr. Sie hat das Grab ihrer Uroma in Frankfurt auf dem jüdischen Friedhof besucht. "Das war hoch emotional. Sie ist mehr als 100 Jahre tot. Es ist wie der Besuch bei Ahnen, nicht wie bei der Familie."

Besuch bei den Ahnen

Die Schüler wollen wissen, ob sie selbst Antisemitismus erlebt habe. Sie verneint. Auch die Konflikte mit Palästinensern seien kein Antisemitismus. "Dabei geht es um etwas ganz anderes", sagt sie. "Wir hören von Antisemitismus in der ganzen Welt. Das ist in Israel nicht unser Problem. Wir sind froh, dort zu leben und das Land selbst mit aufgebaut zu haben." Die Schüler wundern sich, erleben selbst Antisemitismus und Rassismus und werden immer wissbegieriger. Sie löchern die Frau, die so sanft, taff und ausgeglichen wirkt. Vor allem möchten sie einen Rat von ihr an ihre eigene Generation. Shapiro denkt kurz nach und zitiert ihren Urgroßvater. "Seid immer gerecht und habt keine Angst vor niemandem. Wenn Ihr Euch daran haltet, könnt Ihr Euren eigenen Werten ohne Furcht folgen und ein zufriedenes Leben in Harmonie leben." Sabine Schramek

Auch interessant

Kommentare