Lehnt lässig an einer Säule in seinem Showroom: Sebastian Borst setzt auf Wohlfühl-Atmosphäre bei der Arbeit, FOTO: maik reuss
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Lehnt lässig an einer Säule in seinem Showroom: Sebastian Borst setzt auf Wohlfühl-Atmosphäre bei der Arbeit,

Frankfurter Geschäftsleben

Sein Erfolgsrezept: Viel Druck bei guter Laune

  • Michael Forst
    VonMichael Forst
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Hessischer Gründerpreis geht in die Bahnstraße in Höchst - Image-Film als Belohnung

Gut ein Jahr ist es her, dass Sebastian Borst die Textildruck-Werkstatt "Grafik-Idee" hinterm Höchster Bahndamm von Uwe Eisenmann übernommen hat - doch in der kurzen Zeit hat er Erstaunliches geleistet. Der Laden brummt, die Auftragsbücher sind voll. "Eine gut laufende Lokomotive auf ein nachhaltiges, digitales Gleis gebracht" - so umschreibt er den Grund, weshalb ihn jetzt die Jury des Hessischen Gründerpreises in der Kategorie "zukunftsfähige Nachfolge" zusammen mit zwei weiteren Kandidaten ins Finale am 3. November gewählt hat. "Damit sind wir schon mal unter den ersten drei Gewinnern", freut sich der 36-Jährige. Der Lohn, ein professionell gedrehter Image-Film, ist ihm damit bereits sicher.

Ganz locker ins Finale

Sein Halbfinal-Auftritt vor einer Jury aus Vertretern der Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer und Geldinstituten sei vergleichbar mit der TV-Sendung "Höhle der Löwen" gewesen, wo junge Firmengründer mit ihren Geschäftsideen alte Unternehmer-Hasen zu überzeugen versuchen. "Ich bin da allerdings relativ locker reingegangen", bekennt Borst. Denn zum einen hat er als langjähriger unabhängiger Abgeordneter im Kelkheimer Stadtparlament gelernt zu argumentieren. Zum anderen habe er wenig zu verlieren gehabt, weil er keine Investoren brauche.

Diese komfortable Ausgangsposition wiederum verdankt er jenem Einfall, den er noch als Mitarbeiter Uwe Eisenmanns zu Beginn der Corona-Pandemie Anfang 2020 umgesetzt hatte: Ein Schlauchschal, mit Bembel und der schönen hessischen Aufschrift "Babbel mich ned voll und wasch dei Händ" dekoriert, entwickelte sich zum Verkaufsschlager. "Der Babbel-Morf hat mir letztlich die Übernahme gesichert", erzählt Borst. Denn in der unsicheren Corona-Zeit vor gut einem Jahr erklärten ihn viele Freunde für verrückt - und mehrere Banken sprangen ab mit der Empfehlung, mit der Betriebsübernahme doch besser bis nach der Pandemie zu warten. Bis auf eine Bank: "Die sagten: ,Cool, der Junge hat gute Ideen, selbst wenn die Zeiten schwierig sind'", erzählt Borst.

Hinzu kamen im Laufe dieses Jahres gliech mehrere Zertifizierungen, die dem Firmen-Image dienlich sind: Etwa eine der Tierschutzorganisation Peta für in Textil und Druck vegane T-Shirts. Borst ist stolz: "Damit waren wir die erste Textildruckerei in Deutschland".

Als weiteren Meilenstein bezeichnet er ein andere Urkunde, die seinen Showroom ziert: Sie zeugt vom "Global Organic Textile Standard" (Gots), der weltweit umwelttechnische Anforderungen entlang der gesamten textilen Produktionskette sowie Sozialkriterien definiert. Konkret zählen dazu die Verwendung von Biobaumwolle bis hin zu fairen Arbeitsbedingungen - sowohl der Arbeiter in den Erntegebieten wie den eigenen Mitarbeitern in der Höchster Werkstatt.

Zu den ersten Dingen, die er in der Werkstatt umkrempelte, gehörte, das große Chefbüro abzureißen und in einen Pausenraum umzuwandeln, den es vorher so nicht gab, wie Sebastian Borst erzählt. Dort freut sich auf einer Couch täglich Otti, Borsts von rumänischen Straßen geretteter Hund ("unser Mitarbeiter für gute Laune") über Streicheleinheiten. Ein weiterer Aufenthaltsraum mit Tischkicker oder ähnlichem ist geplant.

Modelabel im Fokus

Doch trotz oder gerade wegen des Wohlfühl-Charms, betont Borst, arbeiten er und seine Leute hart, um der "gigantischen Auftragslage" gerecht zu werden. Bei den Kunden setzt er, auch dies sei eine wichtige Neuerung, nicht mehr auf einzelne Käufer, die ein oder zwei T-Shirts wollen. Im Fokus sind nun vielmehr kleine Modelabels, die sich in überschaubarer Auflage von beispielsweise 100 Stück ihre Textilien mit Motiven ihrer Wahl bedrucken lässt. Damit bediene er einen Trend, weg von den riesigen Modemarken, hin zu kleineren lokalen und nachhaltigen Labels.

Das Team, vier Festangestellte, drei Jahrespraktikanten und fünf 450-Euro-Kräfte, sei jung und motiviert, sagt Borst, der sich selbst einen "coolen Chef" nennt. Der Grund? "Ich war schließlich selber 17 Jahre Mitarbeiter". Als Azubi hatte er damals bei Uwe Eisenmann angefangen. "Und jetzt," berichtet er stolz über ein weiteres zukunftsweisendes Novum, "haben wir erstmals wieder einen Auszubildenden bei uns eingestellt." Michael Forst

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