fff_PaulHuettel_8_231120
+
Dass er Bierbrauer und Mälzer aus Überzeugung ist, merkt man Paul Hüttel an. Und sein Bier überzeugte die Prüfer. Foto: Enrico Sauda

Sein Märzen ist spitze

  • vonGernot Gottwals
    schließen

SACHSENHAUSEN Auszubildender der Binding ist Hessens bester

Nach dem Abitur wollte Paul Hüttel (22) zunächst Chemikant werden. "Bei einem Tag der offenen Tür der Mannheimer Eichbaumbrauerei habe ich mich dann aber für die Ausbildung zum Brauer und Mälzer entschieden, da ich nach der Herstellung ein schmackhaftes Endprodukt in der Hand halten wollte", erklärt er. Als Auszubildender bei Binding lernte er seit 2017 fleißig und ehrgeizig, schloss seine Ausbildung erfolgreich ab - doch dann kam die dicke Überraschung.

"Erst vor vier Wochen, als ich die ganzen Prüfungen schon fast nicht mehr auf dem Schirm hatte, habe ich dann erfahren, dass ich auch der beste Geselle meines Jahrgangs in Hessen bin", freut sich Paul Hüttel. Nach dem Bewertungsschlüssel der Industrie- und Handelskammer hat er für die theoretische und praktische Prüfung sowie den zusammen mit drei weiteren Prüflingen angesetzten "Gesellensud" in Form eines Märzens 94 von 100 Punkten erhalten, was einem sehr gut bis gut entspricht.

Am liebsten Export im Glas

Zwar muss der frischgebackene Brauer und Mälzer, der Bier mit Handwerkskunst verbindet und am liebsten frisch gezapft in geselliger Runde genießt, Corona-bedingt auf größere Feierlichkeiten verzichten. "Aber unser Produktionsleiter Sven Rumbler hat mir in unserem wunderschönen Sudhaus ganz herzlich gratuliert und die Urkunde überreicht", betont Hüttel und meint, er werde nun doch das ein oder andere heimische Flaschenbier öffnen - am liebesten seine Lieblingssorte Binding Export, kräftig malzig und spritzig mit einer leichten Hopfennote.

Der Hopfen spielte in seiner Ausbildung eine besondere Rolle, da die Binding-Brauerei direkt vor dem Verwaltungsgebäude einen Lehrgarten für die Auszubildenden betreibt. "Der reicht zwar nur für 400 bis 800 Liter, aber es ist faszinierend, diesem Rohstoff so nahe zu kommen und zu sehen, wie sich ab Juli die Dolden bilden", betont Hüttel. Wobei übrigens nur die weiblichen Hopfenpflanzen zum Brauen verwendet werden können. Hüttel hegte und wässerte den Garten, was vor allem in den Hitzesommern 2018 und 2019 eine Herausforderung war, und verwendete die geernteten Dolden, um einem Export mit der Sorte Hallertauer Blanc eine besonders hopfige Note zu verleihen.

Handwerk und Technik

Nach dem Abitur wollte der gebürtige Wormser lieber einen praktischen Beruf erlernen, statt ein Studium aufzunehmen. "Das ist gar nicht so ungewöhnlich, in meinem Jahrgang waren viele Abiturienten, manche sogar mit abgeschlossenem Studium", stellt Hüttel fest. Denn der Ausbildungslehrgang zum Brauer und Mälzer sei sehr komplex und herausfordernd, verbinde traditionelles Handwerk und moderne Technik. "Man braucht sehr viel Fingerspitzengefühl, um mit sorgfältig ausgewählten Rohstoffen sowie richtigen Mischungsverhältnissen und Temperaturen das perfekte Bier zu brauen", findet er.

Da zum vollendeten Gerstensaft bekanntlich Hopfen und Malz gehören, lernte in der Gernsheimer Durst Mälzerei, wie man Getreide zum Keimen bringt und im Korn Enzyme aktiviert, die beim Stärke- und Eiweißabbau des Bierbrauens notwendig sind. Hüttel kam im Sudhaus, im Gär- und Lagerkeller, bei der Flaschenabfüllung und Qualitätssicherung zum Einsatz und lernte im Zuge eines Austausches auch die Dortmunder Actien-Brauerei (DAB) kennen. "Dort werden wieder andere Abfüllanlagen für den Export ins Ausland verwendet", berichtet der 22-Jährige.

Doch dann kam die "heiße Phase": Zwar ahnten die Betriebs- und Ausbildungsleiter frühzeitig, dass sie einen besonders begabten Jungbrauer in ihrem Ausbildungsjahrgang haben. Doch die Tücke lauert bekanntlich oft im Detail, etwa im Teilgebiet "Schankanlagentechnik", in dem die Prüflinge eine solche Gerätschaft detailgetreu vorführen und erläutern müssen. "Das haben wir extra noch einmal mit unserem Ausbildungsleiter Thomas Wilz geübt, das hat schließlich viel Druck von uns genommen", sagt Hüttel.

Derzeit im Gärkeller

Als Geselle ist er derzeit im Gär- und Lagerkeller tätig. Wohin die Reise weiter geht, kann Hüttel zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht sagen. Was das Bier immer noch besonders macht? "Die auf Tradition beruhende moderne Produktionstechnik, die viele Möglichkeiten eröffnet, um selbst Engpässe bei der Verarbeitung von Rohstoffen zu überbrücken." Gernot Gottwals

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare