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Sein Traum: Ronaldo boykottiert die WM

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Von: Enrico Sauda

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„Keine Weltmeisterschaft auf Friedhöfen“: Mit diesem eindringlichen Appell protestiert Coach Nunzio Esposito gegen das Fußball-Großturnier in Katar. „Es sind Menschen gestorben, die wenig bis nichts hatten. Wie kann man die Augen davor verschließen?“
„Keine Weltmeisterschaft auf Friedhöfen“: Mit diesem eindringlichen Appell protestiert Coach Nunzio Esposito gegen das Fußball-Großturnier in Katar. „Es sind Menschen gestorben, die wenig bis nichts hatten. Wie kann man die Augen davor verschließen?“ © Enrico Sauda

„Keine Weltmeisterschaft auf Friedhöfen.“ Das ist der Leitspruch, mit dem sich Personal Trainer Nunzio Esposito dagegen ausspricht, dass im November die Fußballweltmeisterschaft in Katar über die Bühne geht. Unter www.ne-humanrights.com hat er eine Petition gestartet. Redakteur Enrico Sauda hat mit ihm gesprochen.

Um sein Anliegen zu untermauern, nahm Esposito mit Simon Stadler , Träger des Hessischen Filmpreises, ein Video auf, in dem zu sehen ist, wie auf einem Friedhof Fußball gespielt wird. Die Botschaft dabei ist deutlich: Die Stadien, die im Emirat gebaut wurden, forderten viele Menschenleben. Wir sprachen mit Esposito, der als Coach in der Sendung „The Biggest Looser“ zu sehen war und mit Musik- und Fußball-Größen arbeitet, über die Weltmeisterschaft und warum Weltstar Cristiano Ronaldo nicht teilnehmen sollte.

Herr Esposito, warum ziehen sie diese Aktion durch?

Beim Bau der Stadien und der dazugehörigen Infrastruktur sind mehr als 15 000 Menschen gestorben. Der Tod dieser Menschen wurde arglistig in Kauf genommen. Man wusste schon bei ihrer Einreise, dass viele von Ihnen sterben würden. Nebenbei haben die Kataris allen Arbeitern bei ihrer Einreise die Pässe weggenommen. Wieso?

Was erhoffen Sie sich?

Ich möchte etwas bewegen. Aber um etwas zu verändern, musst du aktiv werden. Es ist mir unerklärlich und völlig unverständlich, dass auf Grundlage dessen und im Wissen all dieser Abscheulichkeiten im Winter die Fußballweltmeisterschaft stattfinden soll. Dabei bin ich bekennender Fußballfan, arbeite viel mit Profi-Fußballern und jungen Talenten zusammen.

Haben Sie mit den Profis über die WM geredet?

Ich habe in den vergangenen Monaten und Wochen Gespräche mit einigen aktiven wie ehemaligen Fußballprofis, aber auch mit Funktionären geführt. Ich möchte jetzt nicht im Wortlaut wiedergeben, was der ein oder andere ausgesagt hat. Ich werde zum jetzigen Zeitpunkt keine Namen nennen, aber alle sind notiert, die sich für oder dagegen entschieden haben und sich wie Aale und Schlangen gewunden haben.

Was genau haben Sie denn vor?

Mein Ansinnen ist es, einen aktuellen Nationalspieler dazu zu bewegen, dieser WM fernzubleiben und sie zu boykottieren. Ich bin sicher, wenn das gelingt, werden andere folgen.

Haben Sie jemand bestimmten im Blick?

Würde etwa ein Christiano Ronaldo sagen, er verzichte auf die Teilnahme und somit seiner letzten Weltmeisterschaft, weil er das, was dort geschehen ist, mit seiner Haltung und seinen Werten nicht vertreten kann, würde er weltweit großes Aufsehen erregen und somit ein Zeichen setzen. Und das nicht nur in der Sportszene, vielmehr bei allen Menschen und vor allem bei allen Hinterbliebenen der Opfer. Diesen Respekt und diese Beachtung ist das Mindeste, was sie verdienen.

Das könnte Folgen haben.

Ja. Es wäre sogar denkbar, dass dieser eine Spieler, ob es ein Ronaldo ist oder ein Joshua Kimmich , als erster Sportler überhaupt den Friedensnobelpreis erhält.

Ist das nicht utopisch?

Wenn jemand über einen gewissen Bekanntheitsgrad und Einfluss verfügt, dann sollte er nicht als Werbeikone für Antischuppen-Shampoo, Rasierapparate, Chio Chips, Bifi-Salami und Nutella werben oder Pseudobesuche in den Slums machen, um so der Welt seine Wurzeln und seine Menschlichkeit zu zeigen. Er sollte etwas für die Menschenrechte tun, etwas machen, was den Menschen etwas gibt. Und ihnen nicht etwas nimmt. In diesem Fall einen Vater, einen Sohn, einen Bruder ... ein Leben. Er muss seine Popularität nutzen, damit diese WM abgesagt wird und nicht, um noch mehr Geld zu verdienen.

Man riskiert aber auch Anfeindungen. Für viele Menschen ist die Fußball-WM Lebensinhalt.

Fußball - so wie alle anderen Sportveranstaltungen auf dieser Welt - ist nichts weiter als Unterhaltung, Freizeitgestaltung. Aber für viele Menschen Sinn ihres Lebens und Alltag, was elementar und wichtig ist. Aber keine Welt- oder Europameisterschaft ist ein Menschenleben wert.

Was haben Sie noch vor, um Ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen?

Ich werde nach Zürich fahren und mich vor das Gebäude der Fifa stellen, die die WM ausrichtet, und nach Berlin vor die Botschaft von Katar. Ein Rennen wird bekanntlich auf der Zielgerade gewonnen. Auf diesen Lucky Punch setze ich.

Riskieren Sie damit nicht, Ihren Ruf aufs Spiel zu setzen?

Das wurde ich schon gefragt. Das, was ich verliere und riskiere, wären meine Haltung, meine Würde und mein Rückgrat. Ich würde verlieren, wofür ich stehe und nichts anderes, wenn ich nichts tun würde. Wie kann ein Gianni Infantino , der Fifa-Präsident, bei der Gruppenauslosung zur WM in die Kamera lachen und sagen, das werde die beste WM der Geschichte und die größte je gesehene Show werden. Wie kann man das übersehen? Es sind Menschen gestorben, die wenig bis nichts hatten. Wie kann man die Augen davor verschließen?

Sie wirken sehr betroffen ...

Ich sehe Menschen, deren Herz erkaltet scheint und die nicht mehr in der Lage sind zu fühlen. Das Schicksal dieser Arbeiter geht mir ans Herz.

Kannten Sie denn jemanden, der betroffen war?

Ich möchte etwas bewirken. Mit dem Land Katar und der Kultur habe ich weder privat noch beruflich zu tun. Mit den 15 000 verstorbenen Menschen ebenso wenig. Aber mit ,einem’ habe ich sehr stark zu tun - und zwar mit den Menschenrechten, der Gerechtigkeit und meiner Wahrheit.

Was sollte sich der Deutsche Fußballbund verhalten?

Er ist der größte Sportverband der Welt, und er stünde meiner Ansicht nach in der Pflicht, die WM zu boykottieren. Nur das Fernbleiben von dieser Veranstaltung kann vielleicht etwas bewirken. Nicht eine Teilnahme.

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