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Seine Geburt war ungewöhnlich

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Von: Stefanie Liedtke

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Oskar in den Händen seiner Mutter. Als er beim Kaiserschnitt noch halb in ihrem Bauch war, erfasste sie schon sein Köpfchen.
Oskar in den Händen seiner Mutter. Als er beim Kaiserschnitt noch halb in ihrem Bauch war, erfasste sie schon sein Köpfchen. © Salome Roessler

Was für die allermeisten unvorstellbar erscheint, war für eine Frankfurterin ein Herzenswunsch. Sie wollte beim Kaiserschnitt unbedingt mit anpacken. Im Krankenhaus Sachsenhausen fand sie ein Ärzteteam, das nach anfänglichem Zögern bereit dazu war. Die Klinik ist die zweite in Deutschland, die das Verfahren angewandt hat.

Ein Kaiserschnitt ist kein Kindergeburtstag. Manche Frauen sind nach dem Eingriff regelrecht traumatisiert. Nicht so Carina Thomer* aus Sachsenhausen. Wenn die 33-Jährige von der Geburt ihres Sohnes Oskar erzählt, spricht sie von einem „magischen Moment“. „Ich bekomme direkt wieder Gänsehaut, wenn ich jetzt darüber spreche“, sagt sie.

Zur Magie dieses Moments hat Thomer ihren Teil beigetragen: Sie hat auf eigenen Wunsch während der Kaiserschnitt-Entbindung im Krankenhaus Sachsenhausen selbst angepackt. Eine natürliche Geburt kam aus medizinischen Gründen nicht in Frage.

„Maternal assistierter Kaiserschnitt“ nennt sich das Verfahren, das in Deutschland noch weitgehend unbekannt ist. Dr. Anke Reitter, Chefärztin der Abteilung Pränatalmedizin und Geburtshilfe am Krankenhaus Sachsenhausen, hatte davon erstmals 2014 während eines Australien-Aufenthalts gehört. Damals sei für sie sofort klar gewesen: „So was kommt für mich niemals in Frage.“ Das war, bevor sie Carina Thomer kennenlernte.

Probe mit Puppe

Es war im Oktober 2015, da spazierte die 33-Jährige in Reitters Sprechstunde. Thomer war in der 20. Woche, wusste, dass aus medizinischen Gründen nur ein Kaiserschnitt in Betracht kommt – und hatte sich in den Kopf gesetzt, dabei mitzuhelfen. „Sie wollte das unbedingt“, erinnert sich Reitter und auch daran, wie sie selbst begann, sich mit der Idee anzufreunden.

Reitter nahm Kontakt zu den Kollegen im australischen Perth auf, die gute Erfahrungen mit der Methode gemacht haben. Die Hygiene müsse stimmen, dann sei das kein Problem, war die Botschaft von Down Under. „Auch mein Team war offen“, erklärt Reitter. Es sprach nichts mehr gegen den Wunsch der Schwangeren, solange ihre Sicherheit und die des Kindes oberste Priorität genießt. Damit nichts schief geht, machte das Frankfurter Team gemeinsam mit der werdenden Mutter am Tag vor dem geplanten Kaiserschnitt einen Probelauf, samt Babypuppe. Am 11. März schließlich kam der kleine Oskar zur Welt. „Am Tag der Operation war eine leichte Aufregung bei uns allen spürbar“, erinnert sich Reitter. Nur Carina Thomer sei ganz ruhig gewesen.

Wie alle, die im OP anpacken, musste sie ihre Hände desinfizieren, bekam Armschützer, sterile Handschuhe, eine Haube für die Haare. „Dann haben wir den Kaiserschnitt genau so gemacht wie immer“, erklärt Reitter.

Mit einem Unterschied: Sobald Oskars Kopf herausguckt, führt die Gynäkologin die Hände der Mutter ans Köpfchen ihres Babys. Thomer ruckelt ein bisschen hin und her, dann kommen die winzigen Schultern zum Vorschein, bis Oskar schließlich ganz „geschlüpft“ ist und Mama ihn in die Arme schließt. „Sie hat instinktiv alles richtig gemacht“, lobt Chef-Hebamme Marie-Therese Weinmann. „Das war eine sehr emotionale Geburt. Wir alle waren sehr berührt“, schildert Reitter.

Schließlich knipst Carina Thomer – selbst, versteht sich – die Nabelschnur durch. Weinmann nimmt den kleinen Oskar, 3600 Gramm schwer, ein Wonneproppen – kurz zum Abtrocknen mit. Der brüllt aus voller Kehle, während Reitter schon dabei ist, Thomers Bauch wieder zuzunähen. Zwei Tage später wird die Familie entlassen, alle sind wohlauf.

Natürlich, das betont Frauenärztin Reitter, könne das Verfahren kein Ersatz für eine natürliche Geburt sein: „Das kommt nur in Frage, wenn es eine medizinische Indikation für einen Kaiserschnitt gibt.“ Ist dem so, sei der maternal assistierte Kaiserschnitt „eine Möglichkeit für die Mutter, selbst an der Geburt teilzuhaben“, urteilt Hebamme Weinmann. „Das finde ich schön. Und ich glaube, dass es für die Bindung von Mutter und Kind ganz wichtig ist.“

Carina Thomer jedenfalls würde es „wieder genauso machen“. Bereits ihr erstes Kind war aus medizinischen Gründen per Kaiserschnitt zur Welt gekommen, damals noch auf herkömmliche Art. „Auch das war für mich eine schöne Geburt. Da war der magische Moment, als der Kleine über das Tuch gehoben wurde und ich mein Kind das erste Mal gesehen habe“, schildert die Sachsenhäuserin. Erst später sei sie im Internet eher zufällig auf die Möglichkeit des „maternal assistierten Kaiserschnitts“ gestoßen. „Da dachte ich: Das wäre für mich das Tüpfelchen auf dem i.“ So war es dann auch. Dass sie Oskar selbst aus dem Bauch heraus geholfen hat, dass sie die Erste war, die den Kleinen im Arm hielt – für Thomer war dies eine ganz besondere Erfahrung, auch wenn es, wie sie betont, harte Arbeit war. „Ich musste schon ganz schön ruckeln.“

„Wahnsinnig aufregend“

Natürlich weiß die Sachsenhäuserin, dass die Methode nicht jedermanns Sache ist. Auch deshalb hat sie nur wenigen von „ihrem Geburtsweg“ erzählt und will sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Wenn überhaupt, komme das Verfahren eher für Frauen in Frage, die wie sie selbst einen medizinischen Hintergrund haben, schätzt Therapeutin Thomer. „Es ist wahnsinnig glitschig, aufregend, und man sieht vielleicht mehr, als einem lieb ist. Aber ich kann mir kein schöneres Geburtserlebnis vorstellen.“

Trotz der positiven Erfahrungen sagt Gynäkologin Reitter: „Ich würde das aktiv einer Frau nicht anbieten, sondern mir wünschen, dass die Frauen uns finden.“ Bei Reitters Spezialgebiet, der natürlichen Entbindung bei Beckenendlage – also wenn nicht der Kopf, sondern der Po des Babys unten liegt – funktioniere das auch. „Da kommen die Frauen von weit her zu uns.“

Das Krankenhaus Sachsenhausen ist Reitters Wissen nach erst das zweite in Deutschland, das die Methode des maternal assistierten Kaiserschnitts angewandt hat. Zuvorgekommen ist den Frankfurtern 2015 eine Klinik im westfälischen Bad Oeynhausen. Als Fallbericht will Reitter die Geschichte der Familie Thomer in einem Fachmagazin publizieren. Reitter: „Das wird sicherlich kontrovers diskutiert, aber ich freue mich auf die Auseinandersetzung.“

* Name von der Redaktion geändert.

Ein Baby hat es in Frankfurt besonders eilig, das Licht der Welt zu erblicken. Ein Feuerwehrmann gibt daher Geburtshilfe am Telefon.

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