+
Yoni Rose singt in der Frankfurter Westend-Synagoge.

Jüdisches Leben

Seine Stimme ist das Instrument von Yoni Rose

Ein neuer Antisemitismus bedroht das friedliche Zusammenleben in Deutschland. Was bewegt Jüdinnen und Juden, die in Frankfurt und der Region leben? Woran arbeiten sie? Was bedeutet ihnen das Jüdischsein? In einer Serie stellen wir in den kommenden Wochen in loser Folge Menschen aus den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Religion vor. Heute: Yoni Rose.

„Die Stimme ist mein Instrument“, sagt Yoni Rose. Seit drei Jahren ist der 32-Jährige Kantor der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. „Die Aufgabe eines Kantors ist, die Gebete zu singen“, sagt Rose. Das geschieht ohne musikalische Begleitung. Sein Arbeitsplatz ist die 1910 gebaute, prachtvolle Westend-Synagoge. Vor 1938 befand sich in ihrem großen Hauptraum eine Orgel, da die Synagoge dem liberalen Judentum diente. „Heute ist die Ausrichtung der Gemeinde orthodox, daher haben wir hier keine Musikinstrumente“, sagt Rose. Gleichwohl haben in der Westend-Synagoge alle in der Jüdischen Gemeinde vertretenen religiösen Richtungen ihr Domizil, auch der liberale „Egalitäre Minjan“.

Beim Treffen in der Synagoge wirkt Yoni Rose – Vollbart, kurzer Haarschnitt, der Kopf mit einer Kippa bedeckt – offen und kommunikativ. Rose stammt aus einer, wie er sagt, „sehr alten amerikanischen Familie“. Er wuchs in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland auf. Die Mutter war Balletttänzerin, der Vater sang. Auch die Umgebung könnte seinen Werdegang beeinflusst haben. „Wenn du in einer religiösen Gemeinde aufwächst, bist du umgeben von Musik“, sagt Rose.

Eigentlich bereitete er sich zuerst auf ein Medizinstudium vor. „Dann habe ich mich in die Musik verliebt, insbesondere in die Oper“, erinnert sich Rose. Parallel zum Gesangsstudium hat er sich zum Kantor ausbilden lassen. Nach dem Studium arbeitete Rose in den USA als professioneller Opernsänger. 2014 kam er nach Frankfurt. Zur Jüdischen Gemeinde kam er eher zufällig. In Frankfurt suchte man kurzfristig einen Kantor für einen Schabbat-Gottesdienst. Rose wurde gefragt. Seine Antwort war lakonisch: „Sure“. Deutsch spricht Rose mit deutlichem amerikanischem Einschlag. Aber im Gottesdienst gibt es keine Sprachbarriere. „Juden in aller Welt beten auf Hebräisch“, erläutert Rose. Für ihn ist das „eines der faszinierenden Dinge, die uns zusammenhalten“.

Sein Arbeitstag beginnt schon frühmorgens. Um 7.15 Uhr finden in der Westend-Synagoge Morgengebete statt. Mit etwa eine Stunde sind sie vergleichsweise kurz: Am Schabbat und an Feiertagen sind die Gebete länger. Dann nimmt sich Rose, der mit seiner Familie im Westend lebt, drei bis vier Stunden Zeit, um Stimmtechnik zu üben. Zur Begleitung nutzt er ein kompaktes, rollbares Tischpiano. Die tägliche Übung ist zentral. „Jeden Tag ist die Stimme anders“, weiß Yoni Rose. Nachmittags unterrichtet er Jungen, die sich auf ihre Bar Mitzwa vorbereiten. Rose bereitet sie darauf vor, erstmals vor der Gemeinde aus der Tora vorzulesen.

Yoni Rose singt indes auch außerhalb der Synagoge. Man konnte ihn etwa etwa im Frankfurter Dr. Hoch’s Konservatorium erleben. Rose trug zuerst ein Sonett von Franz Liszt vor, anschließend sang er ein jiddisches Wiegenlied und populäre religiöse Lieder. Vor einigen Jahren nahm er an einem Auftritt von Kantoren teil, die Opernarien sangen. Anlässlich des 80. Jahrestags der Novemberpogrome wird er ein Oratorium des deutsch-amerikanischen Komponisten Kurt Weill vortragen. „Ich singe also alles“, fasst Rose zusammen.

Sein Verständnis von Judentum formuliert Yoni Rose unmissverständlich: „Ich bin verpflichtet, die 613 Gebote aus der Tora einzuhalten.“ Er bezeichnet sich als orthodoxen Juden. „Orthodoxie bedeutet, dass Gott uns die Tora auf dem Berg Sinai übergab“, erläutert er. „Es ist das Wort Gottes“, betont Rose. Daher sieht er sich an jedes Wort darin gebunden. Die 613 Gebote der Tora sind für Rose ein Gesetz. Als Jude in Deutschland sieht er sich indes nicht. „Wir sehen uns eher als Juden in einer jüdischen Gemeinde in Deutschland“, präzisiert er. „Ich bin hier, um die Gemeinschaft der Juden, die in Deutschland sind, zu unterstützen.“ Was ist für ihn das Einzigartige an Frankfurts Jüdischer Gemeinde? „Hier kann man der Geschichte nicht entkommen.“

Rose wuchs in einer Gemeinde mit wenigen Holocaust-Überlebenden auf. Die meisten hatten keine biografische Berührung mit der Schoah – auch Roses Vorfahren nicht. Die Frankfurter Gemeinde wurde maßgeblich von Schoah-Überlebenden und ihren Nachfahren geprägt. Doch auch die Zukunft verliert Yoni Rose nicht aus dem Blick. In Frankfurt möchte er „meine Generation wieder für das Judentum zu gewinnen. Die Musik ist dafür ein wichtiges Werkzeug“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare