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Julia Cloot und Helmut Müller, der Geschäftsführer des Kulturfonds und seine Stellvertreterin.

Geburtstag

Seit zehn Jahren gibt es den Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main – Der Start war eher holprig

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Der Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Der regionale Zusammenschluss zur gemeinsamen Förderung von Kultur war anfangs nicht unumstritten.

Es geht um Geld. Um viel Geld. Sieben Millionen Euro beträgt der Etat des Kulturfonds Rhein-Main im nächsten Jahr – „der höchste, den wir je hatten“, sagt Helmut Müller. Er ist der Geschäftsführer des regionalen Zusammenschlusses von Städten und Landkreisen. Die Idee: Alle werfen Geld in einen Topf – die Städte zwei, die Landkreise 1,60 Euro pro Einwohner, das Land Hessen verdoppelt die Summe. Dann gibt es der Fonds wieder aus, verteilt es für regionale kulturelle Projekte von nationaler oder gar „internationaler Strahlkraft“, wie es in der Satzung heißt. Gemeinsam mit seiner Stellvertreterin Julia Cloot kann Müller in diesem Jahr zurückblicken auf eine zehnjährige Erfolgsgeschichte.

Dabei fing alles reichlich holprig an: Im Jahr 2000 beschloss das Land ein Ballungsraumgesetz, das die freiwillige Zusammenarbeit im Kunst- und Kultursektor regeln sollte. Doch jahrelang geschah nichts. Als die Landesregierung den Kommunen schließlich mit der Einrichtung eines Pflichtverbands drohte, kam es zum Eklat. Ein Mediationsverfahren wurde eingeleitet. An dessen Ende war der Kulturfonds geboren.

Heute sagt Julia Cloot, die von ihrem Büro am Rand von Bad Homburg auf die Skyline von Frankfurt schauen kann: „Es gibt keine vergleichbare Konstruktion in Deutschland – der Kulturfonds ist einmalig.“

Überzeugungsarbeit leisten muss der Fonds immer wieder. Aus seiner langjährigen politischen Tätigkeit – bis 2013 als Oberbürgermeister von Wiesbaden – kann Geschäftsführer Müller das gut verstehen: „Wir verlangen ja von den Stadtverordnetenversammlungen etwas Ungewöhnliches: dass sie uns Geld überweisen und keine Letztverfügung darüber haben.“ So etwas tun Politiker nur, wenn sie sich eine Wirkung der solchermaßen geförderten Region für ihr eigenes Wahlgebiet versprechen.

Also tut der Kulturfonds gut daran, diese Wirkung immer wieder zu beweisen – und hat sich dabei über die Jahre vom bloßen Verteilungsknoten zu einem aktiven Gestalter der Region gewandelt. Ein zwölfköpfiges Kuratorium unter Vorsitz von Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, berät dabei den Kulturausschuss, der sich wiederum aus den Mitgliedern des Kulturfonds zusammensetzt. Er entscheidet über die Verteilung der Mittel – bemerkenswerterweise, wie Helmut Müller immer wieder erstaunt feststellt, „ohne streitige Abstimmungen“. Dabei geht es nie um Proporz. Die Kriterien sind: Wie steht es um die überregionale Strahlkraft? Und sind die Projekte vernetzt in der Region?

Der Kulturfonds mischt mit auf zweierlei Weise: Zum einen zeigt er Präsenz am Ort, baut seine Veranstaltungen dort kontinuierlich aus. „Gerade in der Anfangszeit hat sich gezeigt, dass es nicht realistisch ist, auf Anträge zu warten“, sagt Julia Cloot, die das Segment Eigenveranstaltungen verantwortet. „Bewährt hat sich zum Beispiel, Veranstaltungsmodelle aus Frankfurt in die Region auszuweiten.“ In den Gemeinden findet es großen Widerhall, wenn Konzertreihen oder ein Lesefest wie „Literaturm“ auch in der Region stattfinden.

Zum anderen setzt der Kulturfonds seit jeher Arbeitsschwerpunkte. Auf drei Jahre angelegt, bieten sie allen Mitstreitern genügend Zeit, eigene Beiträge zu entwickeln. Und haben tatsächlich jedes Mal entschieden dazu beigetragen, den Blick auf die Rhein-Main-Region neu zu fokussieren und ihr Profil zu schärfen. „Phänomen Expressionismus“, „Impuls Romantik“ und „Transit“ hießen die bisherigen Akzente.

Ein neuer ist schon bestimmt. Der Titel: „Erzählung. Macht. Identität.“ Wobei das „Macht“ sowohl als Verb als auch als Substantiv zu lesen ist: Identität entsteht aus Erzählungen, besagt die Vorgabe also. Und nimmt zugleich an: Es gibt Erzählungen, die mächtig genug sind, sich durchzusetzen. Welche prägen die Region?

Der Ballungsraum, sagt Helmut Müller, empfinde sich ja nicht als Region. Die Frage sei also: „Wie kriegt man eine polyzentrische Region zum gemeinsamen Denken?“

„Kunst und Kultur sind nicht nur der Blumenschmuck der Gesellschaft“, sagt Julia Cloot entschieden. Und Helmut Müller ergänzt, sie seien „das Labor der Gesellschaft“, und die sei, wie jeder spüre, gegenwärtig „sehr zerrüttet“. „Wir bieten einen geschützten Raum für die Kunst“, sagt Cloot, doch der sei kein Selbstzweck. Aus ihm entfalte sich „eine gesellschaftliche Wirkung“.

Für das Jubiläum hat der Kulturfonds das Projekt „Kino Varieté Rhein-Main“ entwickelt. Die Zeitreise zum Zauber des frühen Kinos mit Live-Musik, Tanz und Akrobatik tourt von Ende September an durch die Region.

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