Martin Ritt, Entwickler von Welten in der virtuellen Realität, steht auf einer Planke - kurz vor dem Abgrund.
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Martin Ritt, Entwickler von Welten in der virtuellen Realität, steht auf einer Planke - kurz vor dem Abgrund.

Die Zukunft liegt in der Frankfurter City

In Sekunden vom Wohnzimmer zum Urlaubsort

  • vonSarah Bernhard
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Die Firma "The Vatrix" entwickelt Anwendungen, von denen manche noch nicht einmal träumen

Frankfurt -Das riesige Loft sieht auf den ersten Blick aus wie ein hipper Spielplatz für Erwachsene: Zwischen gelb- und blau-grauen Sofas steht ein Flugsimulator, an der Wand Rennsimulatoren, Spielkonsolen, überall hängen VR-Brillen von der Decke, neben dem Eingang gibt es eine kleine Bar. Doch der Anblick täusche, sagt Ingo Söhngen, der seit knapp zwei Jahren in "The Vatrix" investiert und dem das Unternehmen seit Januar gehört. Zwar vermiete er das rund 1500 Quadratmeter große, zweistöckige Loft auch für Firmenpartys. "Aber eigentlich sind wir ein Forschungs- und Entwicklungszentrum."

Der frühere Investment-Banker, dem heute mehrere Immobilienunternehmen gehören, führt in den hinteren Teil des Raumes, von dem aus man auf die Liebfrauenkirche schauen könnte, wären nicht alle mit einer Leinwand beschäftigt, auf der ein Gang mit mehreren Ständen zu sehen ist. Inmitten von Corona ist es wohl das cleverste Angebot, das das Unternehmen gerade in petto hat: virtuelle Messerundgänge.

Wie auf einer normalen Messe können sich die Nutzer Produkte und Vorträge, also Videos, anschauen und Fragen stellen, also chatten. "Es gehen aber auch Dinge, die bei einer analogen Messe nicht möglich sind", sagt Söhngen. Zum Beispiel per Chat mal kurz mit einem CEO zu plaudern. Dank einer relativ kurzen Programmierzeit seien virtuelle Messen ideal, um im Notfall schnell Ersatz für eine reale Messe anbieten zu können.

Direkt daneben arbeiten Söhngens Mitarbeiter an einer Anwendung für Immobilienunternehmen. Anders als die virtuelle Messe, die man sich ganz normal am Bildschirm anschauen kann, läuft hier alles über eine VR-Brille. "VR" ist die Abkürzung für "virtuelle Realität", dank Brille und Steuerelementen für die Hände bewegt man sich zwar in der Frankfurter Innenstadt, für einen selbst sieht es aber aus, als ob man sich in einer von Computern generierten Welt befände.

In diesem Fall besteht sie aus einer hübschen Wohnung im 40. Stock eines Hochhauses mit unglaublichem Ausblick über einen Dschungel. Das Haus gibt es noch nicht, doch dank VR kann man bereits Wohnungen besichtigen, den Ausblick genießen - und sogar die Farbe der Küche aussuchen. Das Gebäude ist programmiert, der Ausblick wurde mit einer 360-Grad-Kamera für jedes Stockwerk einzeln aufgenommen. "Gut, oder?", sagt Söhngen und grinst.

Kooperation mit der Hochschule Darmstadt

Dreieinhalb Kilometer Kabel sind im Loft verbaut, die Kosten allein dafür liegen im siebenstelligen Bereich. Auch für die Lage muss der 55-Jährige einiges hinblättern. Eine bewusste Entscheidung. "Das hat was mit Qualität zu tun", sagt er. "Einen Dax-Vorstand bringen Sie nicht ins Gewerbegebiet."

Professor Wilhelm Weber vermutlich auch nicht. Der Dekan des Mediencampus der Hochschule Darmstadt ist gekommen, um mit Söhngen einige Projekte zu besprechen. Dass Unternehmen und Hochschule seit kurzem kooperieren, sei ein Gewinn für beide Seiten: Die Studenten können praxisnah forschen, "The Vatrix" bekommt die besten Absolventen - und zukunftweisende Ideen.

Zum Beispiel wenn es um den Einsatz von VR für die Gesundheit geht. Ein paar VR-Brillen weiter zeigt Söhngen "The plank", eine Simulation, die zunächst wie ein Partyspiel für betrunkene Banker wirkt: Man fährt in einem Aufzug ein Hochhaus hinauf, steigt dann auf eine virtuelle Planke, die einem ein Mitarbeiter heimlich auch in der Frankfurter Realität unter die Füße schiebt - und soll am Ende der Planke vom Hochhaus in die Tiefe springen. Real also zwei Zentimeter. "Für Menschen mit Höhenangst ist das eine extreme Herausforderung, manche fangen sogar an zu schreien", sagt Söhngen. Doch seine Mitarbeiter sind daran gewöhnt, die Menschen zu ermutigen, sie zu führen oder auch mal festzuhalten. "Wir haben bisher fast jeden dazu gebracht zu springen", sagt Söhngen - ein Ansatz für die Therapie von Höhenangst, dessen Wirkung noch erforscht wird.

Erfolge erhofft sich Söhngen auch von einem anderen Projekt in Kooperation mit einer hessischen Klinik: Tumorpatienten sollen während der Chemotherapie VR-Brillen tragen und so zum Beispiel an ihren Lieblingsurlaubsort zurückkehren können. Ein Konzept, das beliebig ausgeweitet werden kann: Ältere, die nicht mehr gut zu Fuß sind, könnten noch einmal an den Gardasee reisen oder durch Alt-Sachsenhausen laufen. Geschichts- oder Naturinteressierte durch Gebiete wandern, die für Touristen eigentlich nicht zugänglich sind. "Es ist noch nicht alles verfügbar, aber geht rasant vorwärts", sagt Söhngen.

Auf diese Weise könne auch Bildung ganz neu gedacht werden. "Kinder wollen heute keine Schwarz-Weiß-Filme mehr sehen, die wollen sagen: ,Oh geil!'" Um diese Erfahrung möglich zu machen, hat "The Vatrix" Schulkoffer entwickelt, mit der Kinder zum Beispiel einen Bienenstock oder andere Länder erkunden, aber auch eigene Welten erschaffen können.

In Kooperation mit dem Frankfurter Zukunftsrat soll nun ein an das Curriculum angepasstes Konzept entwickelt werden, langfristig will Söhngen alle Frankfurter Schulen mit Lernkoffern ausstatten. "Das hier hat keine Garagenromantik wie bei Apple", sagt er. "Aber wir glauben daran, dass genau hier die Zukunft beginnt."

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