So kennen ihn die Schwanheimer: Norbert Müller erfreute die Nachbarn auch im Lockdown mit seiner Quetschkommode. FOTO: maik reuss
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So kennen ihn die Schwanheimer: Norbert Müller erfreute die Nachbarn auch im Lockdown mit seiner Quetschkommode.

90. Geburtstag

Selbst im Lockdown erklang seine Quetschkommode

  • VonGernot Gottwals
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Musiker, Ausgräber, Poet und Heimatforscher Norbert Müller feiert am 17. November 2021 den 90. Geburtstag.

Frankfurt -Verglichen mit seinem geliebten Heimatstadtteil feiert Norbert Müller heute zwar nur ein kleines Jubiläum. Doch dass sein 90. Geburtstag auf den 17. November fällt, an dem auch Schwanheim anno 880 erstmals urkundlich erwähnt wurde, ist für ihn weit mehr als nur ein statistischer Zufall. Es war und ist für ihn die Lebensaufgabe, seine Mitbewohner an der liebenswerten Geschichte und Gegenwart Schwanheims teilhaben zu lassen.

So konnte Müller nach seiner jahrzehntelangen Karriere als Ausgräber, Heimatforscher, Poet und Musiker auf zahllosen Fastnachts- und Heimatabenden auch die Pandemie nicht schrecken: Selbst im strengsten Lockdown öffnete er sein Wohnzimmerfenster, griff zur "Quetschkommode", wie er sein kleines Akkordeon liebevoll nennt, und sang mit seiner selbst gedichteten Schwanheimer Hymne "Wer kennt dich nicht, mein Schwanem?" gegen die allgemeine Traurigkeit und Trostlosigkeit an.

Mit 89 bekam der Frankfurter Corona - und überlebte

Dann erwischte auch ihn Corona, dank doppelter Impfung auch im 90. Lebensjahr glücklicherweise nur mit einem milden Verlauf. Zur Behandlung und Beobachtung musste Müller trotzdem für einige Tage im Krankenhaus bleiben. "Doch zu meinem Ehrentag konnte ich dann noch rechtzeitig nach Hause", freut sich das Geburtstagskind. Nun lässt es Müller mit zwei Feiern für Angehörige, enge Freunde und Ehrengäste lieber ruhig und sicher angehen - Gratulation auf Abstand lautet das Gebot.

Als der kleine Norbert 1931 das Licht der Welt erblickte, gehörte Schwanheim erst seit drei Jahren zu Frankfurt. Gesungen und gedichtet hat "Molly", so sein Uzname, schon in frühester Kindheit, aber auch mit sportlichen Erfolgen als Boxer, Leichtathlet und Handballer bei der TUS Schwanheim und Eintracht Frankfurt geglänzt, über die er nach seiner Arbeit in den Vibo-Lederwerken in Schwanheim auch seine Stellung im Verkauf und Lager im Autohaus Georg von Opel fand.

Mit dem Klappspaten auf die Burgruine

Wie Müller zu seiner Berufung als Ausgräber gelangte, erzählt er in einer Sonderveröffentlichung der Zeitschrift "Die Port" des von ihm mitgegründeten Heimat- und Geschichtsvereins Schwanheim. "Angeregt durch ein Sagenbuch über die Nibelungen, wollte ich mehr über unsere germanischen und mittelalterlichen Vorfahren wissen und begab mich im Frühjahr 1959 mit einem Klappspaten zu ersten heimlichen Ausgrabungen auf die Burgruine Falkenstein", erinnert er sich.

Wie reich auch Schwanheim an archäologischen Funden ist, sollte er erst in den 1970er Jahren als Leiter der Schwanheimer Ausgrabungsgruppe unter dem Direktor des damaligen Museums für Vor- und Frühgeschichte (heute: Archäologisches Museum Frankfurt) Ulrich Fischer erfahren. Damals durfte er zusammen mit Gleichgesinnten unter anderem die Reste eines römischen Gutshofes und der Wasserburg Goldstein ergraben.

So gelangten viele seiner Funde in das 1973 gegründete Schwanheimer Heimatmuseum. "Dr. Fischer war für mich fast wie ein Vater", erinnert sich Müller. Denn er selbst hatte sich vom Saulus zum Paulus gewandelt, sprich vom Schatzgräber zum Heimatarchäologen.

Im Ruhestand schrieb Müller einen Schwanheim-Roman

Nach seinem Ruhestand fand der Heimatforscher, der den Arzt, Zoologen und Schwanheimer Chronisten Wilhelm Kobelt als sein Vorbild betrachtet, noch mehr Zeit für seine Leidenschaften: Müller schrieb Bücher mit Gedichten, Sagen und Geschichten, die er aus Archivunterlagen zusammenstellte, und seinen Schwanheimer Roman "Schwedenfeind".

Er wirkte im Archiv des Heimatmuseums, leitete Exkursionen und war bei zahlreichen Schwanheimer Waldlesungen, Heimat- und Fastnachtsveranstaltungen mit seiner Quetschkommode immer ein gerne gesehener Gast.

Zu den wenigen traurigen Ereignissen des lebensfrohen Schwanheimers gehört der Tod seiner geliebten Frau Betty vor sechs Jahren. Seitdem lebt Müller alleine, einsam wird er jedoch nicht. Denn seine Töchter, Enkelkinder und Nachbarn schauen auch in der Pandemie regelmäßig bei ihm vorbei.

Zwei Wünsche formuliert der Jubilar Norbert Müller noch: "Dass ich klar im Kopf bleibe und bei trockenem Wetter bald wieder das Fenster öffnen und meine Musik spielen kann." Für Schwanheim und natürlich die Schwanheimer.

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