Selbstbedienung im roten Gewand

  • Thomas J. Schmidt
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AWO-SKANDAL Bilanz des neuen Vorstands: 4,5 Millionen Euro sind bei der Awo verschwunden

Frankfurt. -Geschäftsführung und Präsidium der SPD-nahen Arbeiterwohlfahrt (Awo) Frankfurt haben gestern nach drei Monaten eine Bilanz des Awo-Skandals der vergangenen Jahre vorgelegt, der aufgrund von Berichten dieser Zeitung überhaupt erst publik wurde. Ergebnis: ein Schaden in Höhe von 4,5 Millionen Euro. Davon gehen 2 Millionen Euro auf Verluste durch den Betrieb der beiden Flüchtlingsunterkünfte zurück. 900 000 Euro hat die Awo Frankfurt an die Awo Wiesbaden als "Spenden" überwiesen. Die unverschämten Gehälter und Dienstwagen in der Riege um den ehemaligen Geschäftsführer Jürgen Richter ergeben den Rest: 1,6 Millionen Euro, verteilt auf fünf Jahre von 2015 bis 2019. "Rechnet man es auf den Monat", so der jetzige stellvertretende Vorstand Gerhard Romen gestern, "wurden jeden Monat 27 000 Euro zu viel gezahlt. Alleine 14 000 Euro davon hat Herr Richter erhalten." Dessen Gehalt soll zum Schluss rund 300 000 Euro jährlich betragen haben, das zwei- bis dreifache dessen, was ihm laut Awo-Bundesvorstand zugestanden hätte.

Die Vorsitzende des ehrenamtlichen Präsidiums, Petra Rossbrey, versichert noch einmal: "Herr Richter erhält zurzeit keinen Cent mehr von der Awo Frankfurt." Laut Aufhebungsvertrag stehen ihm rund 300 000 Euro jährlich zu.

Rossbrey führte aus: Die Betriebsführung der Awo sei dilettantisch gewesen. Es habe weder einen Finanzplan gegeben, noch eine geregelte Buchführung. Die neue Geschäftsführung habe alles in den vergangenen Monaten recherchieren müssen. Offenbar sei unter der alten Geschäftsführung um Jürgen Richter mit dem Geld nach Gutsherrenart umgegangen worden. Mit vollen Händen ausgeben, irgendwo anders kommt es schon wieder herein. Es wurden laufende Einnahmen verwendet, um die Lücken zu schließen, und notwendige Investitionen in die Gebäude der Awo unterlassen. Diese Umverteilung der Gelder wurde nötig, weil die Stadt besonders für die Flüchtlingsunterkünfte nicht so gezahlt hat, wie die Awo-Verantwortlichen sich das vorgestellt hatten. "So sind die Verluste zu erklären", so Rossbrey. "Wenn die Stadt geschädigt worden wäre, hätte die Awo diese Verluste nicht gemacht." Für das erste Halbjahr 2020 hat die Stadt Zuschüsse in Höhe von 1,7 Millionen Euro gekürzt und droht jetzt, wie der Hessische Rundfunk unter Berufung auf Sozialdezernentin Birkenfeld meldet, eine weitere Rückforderung von 600 000 Euro bezüglich der Flüchtlingsunterkünfte an.

Romen bestreitet deren Berechtigung: "Wir haben geprüft, ob mehr Personal in den Flüchtlingsunterkünften gemeldet war, als tatsächlich beschäftigt war. Dies ist aber nicht so gewesen." Die Forderung der Stadt sei mithin unberechtigt. Er drohte indirekt, falls die Stadt das Fass mit den Flüchtlingsheimen noch einmal öffne, dass dann auch die Awo Forderungen stelle, etwa die der Kostenerstattung für den Umbau der Unterkunft. Übereinstimmend sagen Rossbrey und Romen, dass der Betrieb der Kindertagesstätten der Awo völlig unbelastet sei. Die Stadt will auch hier Forderungen prüfen, wie der HR meldet.

Für das laufende Jahr hatte die alte Geschäftsführung noch großzügig ein Defizit von 1,5 Millionen Euro vorgesehen - ohne Plan, wo dieses Geld herkommen soll. Rossbrey, Romen und sein Kollege Steffen Krollmann haben es in den vergangenen zwölf Wochen geschafft, die Defizite so weit herunterzudrücken, dass die Awo das laufende Geschäftsjahr mit einer schwarzen Null abschließen kann. Aber: "Wir standen kurz vor der Insolvenz", so Rossbrey.

Ein Punkt in der Liste der aufzuklärenden Sachverhalte waren die Gesellschaften, die Mitglieder der Awo-Führung oder deren Verwandte gegründet haben, um dann der Awo Leistungen in Rechnung zu stellen. Vier solcher Firmen stellten Rossbrey und Romen gestern vor: Die Consowell GmbH habe keine Geschäftsbeziehung mit der Awo unterhalten, die Somacon habe bis 2015 Geschäftsbeziehungen zur Awo unterhalten, danach nicht mehr. 2016 wurde sie abgewickelt. Besonders pikant ist die Awo Protect gGmbH, die vom Awo-Kitaleiter Klaus Roth gegründet wurde zu dem Zweck, die Flüchtlingsunterkünfte zu sichern. Diese Firma hat 2020 Insolvenz angemeldet; Klaus Roth arbeitet nicht mehr bei der Awo. Aus dem Verein Frankfurt Philadelphia Gesellschaft ist die Awo ausgetreten. Wie Gerhard Romen sagte, habe er in den vergangenen drei Monaten täglich 14 Stunden gearbeitet: Es gab allerlei aufzuklären. thomas j. schmidt

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