Kosta Tsobanidis macht aus Selfies großflächige Bilder.	Foto: Menzel
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Kosta Tsobanidis macht aus Selfies großflächige Bilder. Foto: Menzel

Vom Selbstporträt zum Selfie

  • vonGernot Gottwals
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Dank Chatrooms, Handykameras und sonstiger digitaler Medien finden sich immer mehr (Kunst-)Freunde. Oder auch nicht? Zum elften Geburtstag von Facebook geht die Ausstellung „Elfies“ im Ausstellungsraum Eulengasse diesen Fragen nach.

Über Internet-Freundschaften kann der Künstler und Kurator Jannis Plastargias viel erzählen: „Irgendwann schrieb mich der Maler Henri Lamy im Chat an, dem ich dann folgte und auf diesem Weg immer neue Freunde online kennenlernte.“ Einige von ihnen stellt er mit Blogs und Selbstporträts aus der Handykamera (Selfies) auf seiner Fangalerie vor. Doch wie stabil sind solche Freundschaften? Roya Ash experimentiert dazu mit einem filigranen Geflecht aus Kleiderbügeln, das bis ins kleinste Detail konstruiert und ausbalanciert ist.

„Der elfte Geburtstag von Facebook und unserer Eulengasse ist für uns Anlass, über diese neue Art von Freundschaften und künstlerischen Interaktionen im digitalen Zeitalter nachzudenken“, erklärt Plastargias weiter. Zum Begleitprogramm der 13 ausstellenden Künstler gehört auch die „Freundschaftsparty“ der Dichterin und Bestsellerautorin Safiye Can („Rose und Nachtigall“), die ihre Liebesgedichte für ihr nächstes Buch in nächtlichen Internetsitzungen von Ferdi Tosunlu illustrieren lässt. Oder das Crowdsourcing Projekt „Tausend Tode schreiben“, über das die Verlegerin Christiane Frohmann bereits 250 Texter zum sensiblen Thema „Tod“ gewinnen konnte und über Facebook noch immer sucht.

Neue Mitstreiter

Unter dem Titel „Werde mein Freund“ sitzt Jannis Plastargias heute von 15 bis 18 Uhr mit Laptop im Schaufenster des Ausstellungsraums, um mit Selfies neue Mitstreiter für sein großes Netzwerk zu gewinnen. Und am Sonntag, 8. Februar, stehen vor Ort vier Künstler von 15 bis 19 Uhr im Speed-Dating zur Entstehung ihrer Werke Rede und Antwort.

Die Entstehungsgeschichte vom Selfie zum gemalten Selbstporträt hat Konstantinos Tsobanidis zunächst recht schnell erzählt. „Man fotografiert sich mit dem Handy und hat dann spontan eine Vorlage für das großformatige Bild zur Hand, in dem man mit schwungvollem Pinselstrich die Feinheiten herausarbeitet“, erklärt der Künstler. Ein echter Vorteil gegenüber dem früheren Analog-Foto, bei dem man im Hinblick auf die begrenzte Filmrolle möglichst viele Einstellungen vorab perfektionierte.

Derweil hat Roya Ash ihr Netzwerk aus Kleiderbügeln noch einmal auf Stabilität überprüft. „Wenn man manche Bügel an den äußeren Enden herausnimmt, gerät das Gebilde schon ins Wanken“, demonstriert sie. Die zentralen Bügel sind hingegen für den Zusammenhalt unentbehrlich, scheinen wie jene engagierten Multiplikatoren zu wirken, die über das Internet immer wieder neue Leute verbinden und den sozialen Netzwerken zuführen, ohne dabei die alten Kontakte zu vernachlässigen.

Internetfreunde

„Reine Internetfreundschaften können tatsächlich funktionieren, wenn man viele Gemeinsamkeiten und eine gemeinsame Sprache etwa über den Humor findet“, weiß Plastargias. Doch spätestens beim Austausch über die intimsten Gefühle stoßen die vorgefertigten Text- und Bildprogramme an ihre Grenzen, gerät die SMS-Botschaft aus dem Sprachmenü vor der romantischen Meereskulisse schnell zur Farce. So stellt es die Künstlerin Vanja Vukovic in ihrer Videoinstallation dar.

Skurril wirkt auch die Bilderserie gegen die Einsamkeit „I don’t want to be alone“ des Brasilianers Vládimir Combre de Sena. Für seine Kontaktsuche stellte er intime Körperteile ins Internet, erfand und erhielt die passenden spannenden Geschichten dazu – um am Ende doch festzustellen, dass einen die stundenlangen Chats am Computer mit virtuellen Unbekannten auch sehr einsam machen können.

Die Diskussionsrunde „Pardauz, queer! – Der Blick über den Tellerrand“ zum Thema Geschlechtlichkeit im Netz betrachtet am Freitag, 13. Februar, von 18 bis 23 Uhr auch die frühere Zeit ohne digitale Medien. Heute helfen sie meist bei der Erstellung und Werbung für Kunst: Eine Erfahrung, die jedem der Ausstellenden präsent ist.

Die Ausstellung „Elfies“ ist bis 15. Februar donnerstags von 17 bis 21 Uhr, freitags von 15 bis 18 Uhr, sonntags von 15 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung () in der Seckbacher Landstraße 16 zu sehen.

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