Hier soll das neue Gymnasium entstehen.
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Hier soll das neue Gymnasium entstehen.

Gymnasium Nord in Westhausen

Seltene Orchidee könnte Schulbau in Frankfurt stoppen

Eine seltene Orchidee, die unter Naturschutz steht, könnte den Interims-Bau für das Gymnasium Nord in Westhausen stoppen. Es kommt auf das Urteil der Biologen an.

Von KATJA GUSSMANN

„Ich wusste nicht, was es ist. Aber ich wusste sofort: Das ist etwas Besonders.“ Der studierte Biologe Holger Scherer stapfte eines schönen Morgens im frühen März durch den Wildwuchs in direkter Nachbarschaft des Friedhofs Westhausen, als ihn ein Anblick erstaunen ließ: Inmitten der seit Jahren unberührten, auf Kriegsschutt gewucherten Waldlandschaft zwischen Schinkel-, Muckermann- und Kollwitzstraße zeigten sich Pflänzchen mit ungewöhnlichen Blättern, die er noch nie gesehen hatte.

„Sie waren im ganzen Wald verteilt, an einer Stelle mindestens 40, 50 Stück auf einmal“, schätzt er. Ende April suchte er die Pflänzchen erneut auf, in der Hoffnung, sie blühen zu sehen und bestimmen zu können.

Seine Neugier wird belohnt: Pflänzchen mit zartlila Blüten begrüßen ihn. „Ganz klar: Orchideen“, sagt er, „aber welche, wusste ich da noch nicht.“ Eigentlich galt seine erste kleine Wanderschaft im Wald der Suche nach Pflanzen, die er ausgraben und in den eigenen Garten setzen oder verschenken und damit retten könnte – vor den Grabschaufeln der Baustellenbagger, die anrücken werden, um den Praunheimer Urwald zu roden. Denn hier entsteht das neue Gymnasium Nord. Für die Holzbauten, in denen nach den Sommerferien die ersten 240 Schüler unterrichtet werden sollen, wurde bereits Platz geschaffen. Doch weitere Gebäude wie eine Turnhalle und ein Mensa-Bau sollen bereits 2018 folgen, dafür müssen noch mehr Bäume weichen.

Scherer fotografierte die wilden Schönheiten und recherchierte im Internet. Es handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach um die unter Naturschutz stehende Bienenragwurz. Sie wächst nur unter speziellen Bedingungen, die sie offenkundig auf dem Fleckchen unberührter Erde in Westhausen vorgefunden hat. Sie gedeiht in lichten Wäldern auf Kalk- und Halbtrockenrasen, erklärt Scherer. Seiner Aufmerksamkeit ist es zu verdanken, dass die seltenen Exemplare nun auch ins Blickfeld der Unteren Naturschutzbehörde rücken, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung.

„Ich habe die Behörde informiert und um einen Termin gebeten. Aber erst, nachdem ich den BUND eingeschaltet hatte, kam das Treffen zustande. Aber dann sogar ganz schnell“, sagt Scherer. Christa Mehl-Rouschal von der Unteren Naturschutzbehörde zog sich also Mittwoch dieser Woche nach dem Dienst im Amt festes Schuhwerk an um die Pflänzchen vor Ort in Augenschein zu nehmen.

Nach den wochenlangen Regenfällen war von der Blütenpracht allerdings nichts mehr übrig geblieben. Doch schon nach wenigen Schritten ins Gebüsch zeigte sich die erste Vertreterin ihrer Art zumindest in ihrem etwas unscheinbarem Blättergewandt. Weitere Fundorte sind sehr schwer zugänglich, dafür konnte Mehl-Rouschal auf Schritt und Tritt der Stendelwurz begegnen, eine etwas häufiger anzutreffende wilde Orchidee. „Wir werden das Vorkommen der Bienenragwurz natürlich prüfen“, sagt Mehl-Rouschal und erklärt, dass ein Biologe des Senckenberg-Instituts ohnehin damit beauftragt sei, das Gelände zu erforschen. Das Ergebnis seiner Untersuchung steht allerdings noch aus.

Julia-Susanne Berndt, beim Stadtschulamt zuständig für das Schulbau-Projekt, erklärt auf Nachfrage, dass die Baugenehmigung für den nächsten Bauabschnitt, der den Wald betrifft, noch nicht erteilt sei, man befände sich noch in der Planungsphase.

Für den gerade im Entstehen befindlichen ersten Bauabschnitt wurde zuvor aufgrund einer Auflage der Unteren Naturschutzbehörde das Gutachten eines Zoologen eingeholt. Allerdings erstreckte sich dieses nicht auf den Wald.

Es bleibt also abzuwarten, ob der Gutachter des Senckenberginstituts auch die Bienenragwurz entdeckt hat. Wenn sich der Fund bestätigt und nachweisen lässt, könnte es ernsthafte Folgen für die geplante Erweiterung des Schulkomplexes nach sich ziehen, die die Rodung des Waldes betreffen. Denn eine geschützte Pflanze darf nicht ohne Weiteres entfernt werden.

„Dann müssen wir uns etwas überlegen“, sagt Mehl-Rouschal. Umsiedlung wäre eine Möglichkeit, ließe sich ein vergleichbarer Standort finden. Keine einfache Angelegenheit, denn wo wird es der Pflanze wohl so gut gefallen, wie in der unberührten Natur des Westhausener Wäldchens?

Scherer hat eine ganz pragmatische Idee: „Eigentlich möchte ich gar nicht, dass der Wald gerodet wird. Aber wenn es sein muss, dann könnte man doch einen Teil des Waldes in den Schulhof integrieren. Da hätten auch die Schüler etwas davon.“

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