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?Ich kann und werde niemals eine Bestandsgarantie geben, für alles, was wir haben. Der hr wird in sechs Jahren deutlich anders aussehen als heute?, sagt der neue Intendant des Hessischen Rundfunkes, Manfred Krupp.

Interview mit Manfred Krupp

"Der Sender muss eigenständig bleiben"

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Seit März dieses Jahres sitzt Manfred Krupp auf dem Intendantensessel des Hessischen Rundfunks. Den Sender im Dornbusch drücken starke Finanzprobleme. Über die Zukunft des Senders mit seiner Fernseh- und Hörfunkabteilung in einer sich rasant ändernden Medienwelt sprach Boris Tomic mit Manfred Krupp.

Sie sind seit knapp drei Monaten im Amt. Sich über Inhalte Gedanken zu machen, werden Sie momentan wenig Zeit haben – schließlich drückt Ihren Sender der Kostendruck. Ihr Haus verfügt über rund 1700 feste und ungefähr 900 freie Mitarbeiter. Sie haben das letzte Jahr mit einem Minus von etwa 50 Millionen Euro abgeschlossen. Sparen ist also dringend angesagt?

MANFRED KRUPP: Wir haben ja schon eine ganze Reihe von Maßnahmen in den letzten Jahren umgesetzt. Aber die Rückstellungen für die Altersversorgung sind nach wie vor unser größtes Problem. Während wir im operativen Geschäft mindestens eine schwarze Null schreiben, belasten uns die aufgrund der aktuellen Niedrigzinsphase erheblich gestiegenen Rückstellungen, wie übrigens bei vielen anderen Unternehmen auch. Mit dieser Entwicklung sind wir nicht allein. Aus eigener Kraft und ohne positive Zinsentwicklung werden wir dieses Problem kaum lösen können. Verschärft wird die Situation durch ein WDR-Gesetz, welches der Landtag in Nordrhein-Westfalen verabschiedet hat. Dort darf ab 2019 nur in einer Hörfunkwelle Werbung ausgestrahlt werden – und je nachdem, für welche Welle sich der WDR entscheidet, sind die Auswirkungen auf den HR aufgrund der deutschlandweiten Werbekombis unterschiedlich groß. Aber wir wissen, dass es pro Jahr bis zu drei Millionen Euro weniger Einnahmen bei uns ausmachen wird. Eventuell sogar mehr.

Kritiker sagen, der öffentlich-rechtliche Sender koste nur Geld und komme nie auf einen grünen Zweig, was die Finanzen angeht. Lediglich die Rundfunkbeiträge steigen stetig.

MANFRED KRUPP: Erst einmal möchte ich anmerken, dass der Rundfunkbeitrag seit 2009 nicht mehr gestiegen ist und im Jahr 2015 sogar gesenkt wurde. Außerdem finde ich es ganz wichtig, dass wir, wenn wir über Geld reden, auch über das Programm sprechen. Wir müssen unbedingt deutlich machen, wie wichtig wir für die Gesellschaft sind, was unsere programmliche Legitimation ausmacht und welche Herausforderungen gerade programmlich auf uns zukommen. Für jedermann sollte klar sein, dass es sich lohnt, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu erhalten.

Fernsehen und Hörfunk sind nach wie vor die großen Standbeine des HR?

MANFRED KRUPP: Ja, und die linearen Programme werden noch über Jahre hinweg den Kern unseres Auftrags bilden. Aber wir stellen fest, dass es immer mehr Menschen gibt, die im Netz unterwegs sind – und wir müssen dringend sehen, dass wir dort präsenter werden. Internationale Portale wie Facebook oder Google wollen dort verstärkt in das Nachrichtengeschäft einsteigen. Doch die News, die dort angeboten werden, sind andere, häufig durch Filtereinstellungen selektierte Nachrichten. Wir haben hier die ganz besondere Aufgabe, die Themen, die wirklich relevant sind, an die Menschen zu bringen. Denn sonst bekommen diese auf Dauer nichts mehr mit von den wirklich konfliktreichen Themen – und sind in der Konsequenz dann aber auch nicht mehr in der Lage, sich ein differenziertes Meinungsbild zu verschaffen.

Haben Sie Beispiele für ein positives Zusammenspiel von Online-Angeboten und linearen Produkten?

MANFRED KRUPP: Hier kann die Hessenschau als Beispiel dienen. Im linearen Fernsehen erreichte die Hessenschau im letzten Jahr mit einem Marktanteilsschnitt von 21,7 Prozent einen neuen Rekordwert. Dabei wurde der Marktanteil im jüngeren Publikum sukzessive ausgebaut: Bei den 30- bis 49-Jährigen stiegt dieser in den letzten Jahren sukzessive von 10,3 Prozent im Jahr 2008 auf 18,1 Prozent (2015). Gleichzeitig hat die Hessenschau bei Facebook über 80 000 Fans und hessenschau.de entwickelt sich zu einer Erfolgsgeschichte. Dazu muss man wissen, dass wir hier eine Zielgruppe erreichen, die das lineare Programm eigentlich kaum mehr nutzt – aber dennoch teilweise so zurück zum HR fernsehen kommt. Worin ein Faktor für den Erfolg der Hessenschau im Fernsehen liegt.

Kann man die Beiträge einfach vom TV übernehmen?

MANFRED KRUPP: Nein, das übertragen von Fernsehbeiträgen 1:1 ins Netz funktioniert nicht immer – wir müssen viele Beiträge für das Internet bearbeiten und anders aufbereiten, insbesondere in den Sozialen Netzwerken. Das Publikum nimmt diese Beiträge sehr gut an. Es wird hier deutlich, dass wir neben dem kritischen Journalismus, den wir im Kern bedienen, auch ein Bedürfnis der Zuschauer nach positiven und unterhaltenden Ansätzen befriedigen müssen.

Zurück zum Sparen. Wie gehen Sie es an?

MANFRED KRUPP: Wir arbeiten im Produktionsbetrieb inzwischen IT-basiert. Das heißt, wir verzichten auf aufwendige und teure Technik. Als Beispiel kann die letzte Kommunalwahl dienen, bei der wir ein Experiment gemacht haben. Es wurde von so vielen Orten in Hessen berichtet wie noch nie zuvor – 15 an der Zahl –, aber in vielen haben wir eine ganz einfache Übertragung mit dem Smartphone durchgeführt. Beim Skispringen in Willingen hat ein professioneller Kameramann mit dem Smartphone gefilmt, der Reporter konnte sich um seine Story kümmern. Das tut der journalistischen Qualität kein Abbruch, senkt aber die Kosten.

Sparen geht aber immer auch auf Kosten des Personals. Nun hört man, dass der HR nur noch Zeitverträge abschließt. . .

MANFRED KRUPP: Das ist in Teilen richtig und betrifft vor allem den journalistischen Bereich. Wir stehen vor einem gewaltigen Medienumbruch, auf den wir uns einstellen müssen. Wir wissen nur noch nicht, wie sehr er unsere Arbeit beeinflusst. Möglicherweise brauchen wir im non-linearen Bereich in absehbarer Zeit mehr Personal und müssen dieses dann aus den linearen Bereichen herausziehen – da bieten uns die Zeitverträge die nötige Flexibilität.

Es gibt immer wieder die Vorschläge, enger mit umliegenden ARD-Anstalten zusammenzuarbeiten, um Kosten zu sparen. Ist das keine Option?

MANFRED KRUPP: Mit dem SWR in Mainz arbeiten wir schon jetzt redaktionell zusammen – sparen aber etwas zu wenig dabei. Dies liegt auch am unterschiedlichen Honorarsystem. Im HR sind mit einem Honorar alle Wiederholungen abgegolten, beim SWR werden Wiederholungen noch mal bezahlt.

Also keine Synergien?

MANFRED KRUPP: Doch, die finden schon statt und müssen deutlich ausgebaut werden. Wo können wir Dinge, die programmlich nicht relevant sind, bündeln und Kooperationen schließen? Beispiel Produktionstechnik. Wir nutzen bereits jetzt einen Übertragungswagen des SWR und verzichteten auf teure Neuanschaffungen. Es gibt auch einen neuen Anlauf, gemeinsame Wege etwa in der IT zu gehen und bestimmte administrative Aufgaben wie etwa Fahrbereitschaft oder die Gehaltsabrechnungen mit angrenzenden Sendern der ARD zu koordinieren.

Aber eine Fusion mit benachbarten ARD-Sendern ist in der Amtszeit von Manfred Krupp ausgeschlossen?

MANFRED KRUPP: Ich habe, seitdem ich beim HR bin, immer mein Herz und meinen journalistischen Ehrgeiz für die Region eingesetzt. Ich fand es immer spannend, aus der Region für die Region und für das Land zu berichten. Wir müssen uns für Hessen unverzichtbar machen – dann haben wir eine Zukunft. Sich an einen größeren Sender dranzuhängen, hieße, das eigene Profil aufzugeben. Und wir hätten damit einen enormen Verlust für die kulturelle und Informationsvielfalt in Hessen.

Aber muss sich der HR denn wirklich ein eigene Hörspielproduktion leisten oder gar ein Sinfonieorchester?

MANFRED KRUPP: Ganz klar ja, denn der Rundfunkbeitrag deckt auch einen kulturellen Auftrag ab. Wir dienen mit dem Sinfonieorchester einem herausragenden kulturellen Zweck – auch bei den jüngeren Zielgruppen. Wir haben mit dem Orchester einen der am besten funktionierenden YouTube-Channels, den ein Klangkörper weltweit hat. Außerdem würde eine Abwicklung des Orchesters ungefähr 30 Jahre dauern.

Das Hörspiel haben Sie jetzt aber beflissentlich übergangen. . .

MANFRED KRUPP: Wir machen da schon viel mit anderen Sendern zusammen. Die Frage ist, ob man diese Gattung aussterben lassen möchte. Hörspiele produzieren unsere kommerziellen Mitbewerber so gut wie gar nicht, da man damit kein Geld verdienen kann. Wir haben aber auch hier einen Auftrag – gerade haben wir etliche Preise im Bereich Kinderhörspiel gewonnen und eröffnen Kindern damit eine andere Welt abseits der CDs mit Benjamin Blümchen.

Lassen Sie uns einmal auf Ihre Hörfunkstruktur schauen. Braucht man wirklich sechs Sender?

MANFRED KRUPP: Natürlich gibt es Sender, die größer sind als wir und die eine andere Aufstellung im Hörfunk haben. Wir haben zwei Sender, die ganz besonders für unseren Auftrag stehen: das sind HR-iNFO und HR2-kultur und sie sind unsere teuersten Wellen. Diese Sender haben gute Hörerzahlen, erreichen aber immer nur eine begrenzte Anzahl von Menschen. Diese beiden Wellen stehen aber nicht zur Disposition, da sie Kern unseres öffentlich-rechtlichen Auftrags sind.

Nun, Sie haben ja noch mehr Sender.

MANFRED KRUPP: Ja, man könnte dann über die Populärwellen nachdenken. Das haben wir auch mal durchgerechnet. Stelle man beispielsweise HR3 ein, würden wir die stärkste Welle schließen. Das heißt, wir verzichteten auf den Kontakt zu sehr vielen Menschen – und würden finanziell nicht profitieren, da wir eine werbetreibende Welle und somit Werbeeinnahmen verlören.

Also ein Plädoyer für ein Weiter-wie-bisher, tiefer rein ins Schuldenparadies?

MANFRED KRUPP: Nein, wir gehen einen anderen Weg. Wir haben eine sogenannte „Pop-Unit“ mit YOU FM und HR3 gebildet. Das heißt, wie kappen an der Spitze Positionen und schaffen Synergien. Und wir machen jetzt das Gleiche mit HR1 und HR4. Wir haben dann jeweils nur noch eine gemeinsame Leitung für die beiden Units. Der Hörer bekommt davon nichts mit – er hört weiterhin seinen Sender.

Sie reduzieren also lediglich Führungspersonal. . .

MANFRED KRUPP: Wir reduzieren Führungspersonal und arbeiten auf der Ebene darunter noch stärker Hand in Hand. Gleichzeitig lassen wir die Eigenständigkeit und das Profil der Sender weiterbestehen.

Nun hört man aber, dass speziell bei HR3 die dortigen Kollegen alles andere als begeistert sind über die „Pop-Unit“. Man kann zurzeit geradezu von einem Exodus der langjährigen Mitarbeiter von HR3 sprechen. Soll der Sender nicht doch mittelfristig abgewickelt werden? Zumal er – folgt man den kritischen Stimmen im Haus – sich ohnehin nur noch zu einem Abklatsch von Radio FFH entwickelt . ..

MANFRED KRUPP: Ganz klares Nein. Wir erreichen mit keinem anderen Sender so viele Menschen wie mit HR3. Und dort erreichen wir eine extrem wichtige Zielgruppe: Familien und beispielsweise in Vereinen engagierte Menschen. Multiplikatoren also, die für den Sender wichtig sind. Das sind Beitragszahler, die prägend auf ihre Kinder und somit die nächste Nutzergeneration einwirken. Sind also zukunftstragend für unseren Sender.

Es gab aber durchaus von seiten Ihres Hörfunkdirektors den Wunsch, YOU FM und HR3 auch räumlich enger zusammenzulegen. Noch engere Synergien zu schaffen also. Warum haben Sie dem Wunsch nicht entsprochen?

MANFRED KRUPP: Ich möchte für unsere künftige Raumplanung gerne einen Gesamtplan entwickeln und nicht viele Einzellösungen. Immer wichtiger wird mittelfristig, dass Menschen, die an den gleichen Themen in unterschiedlichen Medien arbeiten, räumlich enger zusammensitzen. Den Anfang gemacht haben wir mit einem sogenannten trimedialen Desk, der Fernsehen, Hörfunk und Online abdeckt und sich um die Mittel- und Langzeitplanung der Programmthemen kümmert.

Wo steht der HR nach Ihrer sechsjährigen Intendanz? Wird es noch sechs Hörfunkwellen, einen TV-Sender, Sinfonieorchester und Hörspielredaktionen geben?

Ich kann und werde niemals eine Bestandsgarantie geben, für alles, was wir haben. Der HR wird in sechs Jahren deutlich anders aussehen als heute. Aber es gibt keinen Masterplan, da sich die Welt um uns herum so schnell verändert und wir absolut flexibel sein müssen. Mein Ziel ist es, den HR als eigenständigen Sender mit einem attraktiven Programmangebot auf unterschiedlichen Ausspielwegen zu erhalten, das möglichst viele Menschen in Hessen erreicht und anregt.

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